Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Papandreou war Sozialist

Nazis entgegenzukommen schwächt sie nicht, sondern stärkt sie: ein Dokumentarfilm über die »Goldene Morgendämmerung«

Von Kai Köhler
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»Möglichkeiten des Widerstands« – Pyro zum Generalstreik im Dezember in Athen (aus dem Film)

Der Nationalismus ist international. Ideologische Vertreter gibt es in vielen Staaten oder Völkern, sie arbeiten über Landesgrenzen hinweg zusammen. Manche Gruppen propagieren ein »Europa der Vaterländer«, das keine Rangordnung der Staaten kennen soll, aber eine rassistische Vereinheitlichung der Bevölkerungen, also einen brutalen Kampf gegen alle zu Fremden erklärten Personen.

Es bleibt hoffentlich auf immer ungewiss, ob sich Nazis an der Macht nicht doch auf den Imperialismus besönnen. Einstweilen gibt es freundschaftliche Kontakte wie zwischen der NPD und der griechischen Chrysi Avgi, der »Goldenen Morgendämmerung«. Die deutschen Faschisten bewundern ihre griechischen Kameraden, weil es denen gelingt, offen gewalttätig aufzutreten und gleichzeitig Wahlerfolge zu verzeichnen. Zwischenzeitlich gab es zwar Verstimmungen, als die NPD Krawall machte gegen »faule Griechen«, die ehrliches deutsches Steuerzahlergeld verprassen würden. Doch insgesamt sind die Kontakte stabil.

Marsia Tsivara zeigt in ihrem Dokumentarfilm »Burning from the Inside« diese und andere Verbindungen. Zum einen geht es um innergriechische Verhältnisse, die den Aufstieg der Faschisten begünstigt haben. Die bis Januar 2015 amtierende Nea-Dimokratia-Regierung von Antonis Samaras verschärfte Einwanderungsregeln, und der Ministerpräsident rief die Griechen auf, die eigenen Städte wieder zu übernehmen. Das nahm der noch radikaleren Rechten keineswegs den Wind aus den Segeln. Vielmehr gewannen die Schläger- und Mördertrupps der »Morgendämmerung«, die die Parolen praktisch umsetzten, noch an Legitimation. Nazis entgegenzukommen schwächt sie nicht, sondern stärkt sie.

Der Film macht anschaulich, welche Kräfte die »Morgendämmerung« 2013/14 stützten: die Kirche in Gestalt griechisch-orthodoxer Popen, aber auch sensationslüsterne Massenmedien, die behaupteten, Stadtzentren würden von fremden Mafiosi und Prostituierten beherrscht. Unklar bleibt, ob die Eigentümer der Medien politische Interessen verfolgten oder ob dramatisiert wurde, weil sich Angst besser verkauft. Als Zerfallsprodukt der früheren politischen Ordnung entstand die neofaschistische Partei. Ein kurzer, dabei instruktiver Ausschnitt zeigt einen ihrer Abgeordneten, der beinahe weinend beteuert, ein Slogan des ehemaligen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou, »Griechenland den Griechen«, habe ihn für die Nazipartei gewonnen. Papandreou war Sozialist.

Seine Pasok auf der gemäßigten Linken hatte neofaschistische Kleingruppen integriert, genau wie die Nea Dimokratia als die nur manchmal gemäßigte Rechte. Als beide Parteien im Gefolge der Finanzkrise ab 2010 die von der EU-»Troika« vorgegebenen Sozialkürzungen exekutierten, verloren sie ihre Integrationskraft. Eine deutsche Niedriglohnpolitik, die die Wirtschaft im Süden der Euro-Zone zerstörte, begünstigte den Aufstand der Nazis, und die von Deutschland erzwungene Zerstörung der Infrastruktur Griechenlands bietet zwar keinerlei Perspektiven, aber ein Versuchsfeld für das, was die Bevölkerungen der imperialistischen Kernländer in der nächsten Krise erwartet.

Der Film zeigt all dies und auch Möglichkeiten des Widerstands; Demonstrationen in Berlin und Athen sind ineinander montiert, die Stärken und Schwächen der jeweiligen linken Kräfte und ihrer Strategien werden nachvollziehbar. Im Mittelpunkt stehen Ereignisse von 2013/14. Unberücksichtigt bleibt also die Kapitulation von Syriza vor der in »Institutionen« umbenannten »Troika« im Juli 2015. Bei den Wahlen im September vorigen Jahres kam die »Morgendämmerung« dann zwar nicht über die knapp sieben Prozent hinaus, die sie 2012 erzielt hatte. Wenn aber nun eine zwangsweise neoliberalisierte Regierung deutsche Vorgaben erfüllt, wenn Tsipras auf die fremdenfeindlichen Parolen seines Vorgängers verzichtet, aber der Staatsapparat weiterhin von Faschisten durchsetzt ist, dann muss diese neue Lage analysiert werden. Bei Filmvorführungen am 26. und 27. März im Berliner Lichtblick-Kino besteht dazu die Gelegenheit im Gespräch mit der Regisseurin.

»Burning from the Inside«, Regie: Marsia Tsivara, Griechenland 2014, 64 Min, Kinostart: Donnerstag, 24.3.

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