Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 8 / Abgeschrieben

Syrischer Erzbischof: Westen hat Basis für Dschihadismus geschaffen

Anlässlich der Attentate in der belgischen Hauptstadt vom Vortag veröffentlichte die Agenzia Fides, »Presseorgan der Päpstlichen Missionswerke seit 1927«, am Mittwoch auf ihrer Website eine Reflexion des syrisch-katholischen Erzbischofs Jacques Behnan Hindo:

Bei den Anschlägen in Brüssel und Paris »ernten unschuldige Bürger leider das, was mächtige Kreise in Europa in den vergangenen Jahren in Syrien und im Irak ausgesät haben«, so die bittere Schlussfolgerung des katholisch-syrischen Erzbischofs Behnan Hindo nach den gestrigen Anschlägen in der belgischen Hauptstadt.

Nach Ansicht von Erzbischof Hindo von Hassakè-Nisibi wird die Verantwortlichkeit der europäischen und westlichen Regierungen, hinter deren Handeln sich oft egoistische und kurzsichtige Interessen verbergen, unter verschiedenen Aspekten sichtbar.

»Auch verschiedene europäische Führungskräfte«, so der Erzbischof, »hatten bis vor kurzem als geopolitisches Hauptziel nur den Sturz von Assad vor Augen und haben dschihadistische Milizen, wie die islamistische ›Al-Nusra‹ als ›gemäßigte Rebellen‹ unterstützt und Russland kritisiert, weil es die Hochburgen dieser Milizen angriff, wobei sie die Ansicht vertraten, dass allein der sogenannte Islamische Staat (IS) bekämpft werden sollte«. Außerdem haben nach Ansicht von Erzbischof Hindo viele westliche Regierungen bisher nicht im geringsten die privilegierten Beziehungen in Frage gestellt, die sie zu den Ländern und Gruppen der Finanzwelt unterhalten, aus denen die Ressourcen und die Ideologien kommen, die das Terrornetzwerk untermauern: »Europäische Führungskräfte und der ganze Westen«, so Hindo, »unterhalten seit Jahrzehnten privilegierte Beziehungen zu Saudi-Arabien und den anderen Emiraten der Arabischen Halbinsel. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie es diesen Ländern ermöglicht, in Europa und auch in Belgien die Entstehung eines Netzwerks von Moscheen zu finanzieren, in denen der Wahhabismus gepredigt wird, der den Islam vergiftet und die ideologische Basis aller dschihadistischen Gruppen ist. Dies alles ist auch geschehen, weil vor allem wirtschaftliche Interessen und milliardenschwere Verträge mit den Erdölproduzenten im Vordergrund standen. Aus diesen Geldern und Ressourcen speisen sich auch die Zentralen des Terrors«. Auch die europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise ist nach Ansicht des Erzbischofs ein Symptom der Schwäche und der Verwirrung bei europäischen Führungskräften: »Europa«, so Hindo, »ist in der Flüchtlingskrise zur Geisel der Türkei geworden. Ich verstehe die Schwierigkeiten Europas, doch ich möchte daran erinnern, dass die in Europa im Jahr 2015 aufgenommenen Flüchtlinge nicht mehr als 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, während ein kleines Land wie der Libanon Flüchtlinge in einer Anzahl aufnimmt, die fast die Hälfte der einheimischen Bevölkerung ausmacht. Ich verstehe die Tränen der Auslandsbeauftragten Europas, doch ich erinnere daran, dass seit fünf Jahren Tausende muslimische und christliche Syrer getötet werden, darunter auch Frauen und Kinder, um die niemand mehr weint«.

Die türkische Migrantenorganisation DIDF verurteilte am Mittwoch die Anschläge in Brüssel in einer Erklärung:

(…) Sicherlich werden rassistische und reaktionäre Kräfte versuchen, diese bestialischen Anschläge für ihre politischen Zwecke auszunutzen. Aber gerade in diesen Zeiten müssen wir alle gemeinsam sowohl gegen Terror und Barbarei als auch gegen Rassismus und Ausgrenzung zusammenstehen.

Wir werden uns nicht spalten lassen! Wir werden nicht zulassen, dass fanatischer Islamismus oder rassistische Hetze unseren gemeinsam Kampf für Frieden und eine bessere Zukunft aufhalten.

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