Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 7 / Ausland

Bis heute unaufgeklärt

Fast drei Jahre nach dem Massaker von Odessa wurden die Täter noch immer nicht bestraft

Von Martin Dolzer, Genf
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Massaker am 2. Mai 2014 in Odessa

Mit einer Veranstaltung im Genfer Palais des Nations haben Menschenrechtsgruppen aus mehreren Ländern in dieser Woche an das bis heute nicht aufgeklärte Massaker am 2. Mai 2014 im ukrainischen Odessa erinnert. Ein Mob ukrainischer Faschisten und Nationalisten hatte Oppositionelle durch das Zentrum der Hafenstadt gejagt. Als diese sich in ein Gewerkschaftshaus flüchteten, wurde es mit Molotowcocktails in Brand gesetzt. Mindestens 46 Menschen wurden getötet, 50 weitere gelten bis heute als vermisst.

Der Autor Xavier Moreau skizzierte bei der Konferenz im Haus des UN-Hochkommissars für Menschenrechte (UNHCR), wie sich seither die Situa­tion in der Ukraine und im Donbass entwickelt hat. Er monierte die kritiklose Zusammenarbeit der EU mit der ukrainischen Regierung, an der Faschisten beteiligt sind. Die Administration in Kiew und die Justiz hätten bis heute nichts unternommen, um das Massaker aufzuklären. Selbst durch Filmdokumentationen überführte Akteure seien unbehelligt geblieben. Moreau wies anhand von Augenzeugenberichten und Dokumenten nach, dass Söldner des faschistischen Bataillons »Asow« am Massaker beteiligt waren. Man müsse außerdem davon ausgehen, dass auch die Führungsebene des ukrainischen Geheimdienstes SUB an der Planung des Verbrechens in Odessa verwickelt war.

Anschließend sprachen zwei Mitglieder der »Mütter des 2. Mai«, die ihre Kinder bei den Übergriffen der Faschisten verloren haben. Sie schilderten, wie sie damals suchend zum Gewerkschaftshaus gegangen seien: »Menschen sprangen aus dem ersten, dem zweiten, dem dritten und vierten Stock, um den Flammen und Verfolgern zu entkommen. Wer den Sprung überlebte, wurde von Nationalisten und Faschisten getreten, miss­handelt oder erschlagen. Diejenigen, die sich noch bewegen konnten, wurden durch ein Spalier getrieben und erneut verprügelt. Einige starben dabei.« Die ukrainische Polizei habe das Geschehen beobachtet und nichts getan, jedoch unzählige Menschen festgenommen, die die Torturen überlebt hatten.

Mit Fotos und Filmmaterial wurde gezeigt, dass einige der Opfer im Gebäude vollkommen verbrannt waren, andere wurden offenkundig per Kopfschuss ermordet oder erhängt. In der offiziellen Version der ukrainischen Behörden ist dagegen die Rede davon, dass die überwiegende Zahl der Opfer an Rauchvergiftung gestorben sei. Die Menschenjagd der Nationalisten sowie die Misshandlung der aus dem Haus Entkommenen sind jedoch dokumentiert.

»Wir fordern die Einsetzung einer internationalen Kommission zur Aufarbeitung des Massakers«, verlangte Moreau. »Das geschehene Unrecht muss aufgeklärt werden.«

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