Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 5 / Inland

Gebären im Zeitlimit

Kreißsaal, Kinderstation, Notdienste: Im Landkreis Börde wird unprofitable medizinische Grundversorgung eingestampft. Eine Folge der Privatisierung

Von Susan Bonath
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Nachwuchs ist Zukunft. Im Bördekreis Sachsen-Anhalt sieht es für werdende Mütter schlecht aus

Regina Blenkle ist wütend. »Muss erst ein Kind sterben, bevor jemand umdenkt?« fragt sie im Gespräch mit jW. Die 54jährige ist seit einem Dreivierteljahr Bürgermeisterin (parteilos) der Bördekreisstadt Haldensleben mit knapp 20.000 Einwohnern. Seit Tagen melden sich aufgebrachte Mütter bei ihr. Ab 1. April solle es an Wochenenden und Feiertagen keine kassenärztlichen Kindernotdienste mehr geben. Nicht in der Stadt, nicht in umliegenden Dörfern. Kranke Kinder müssten dann nach Magdeburg gebracht werden. Je nach Wohnort sind das Wege von 30, 50 oder mehr Kilometern. Öffentlichen Nahverkehr gibt es kaum. Blenkle erfuhr es auch nur als Gerücht. Und hakte nach. »Ärzte haben es mir bestätigt«, sagt sie. Und winkt ab: »Ich kann nur Druck machen, aber nichts ändern.« Die Gesundheitsversorgung obliege dem Landkreis. Und dies sei nur »das bisherige Ende der Abwärtsspirale nach der Privatisierung«, betont sie.

Vor zehn Jahren verkaufte der Landkreis die Haldenslebener Klinik, gerade für viele Millionen Euro modernisiert, an den Sana-Konzern. Der gab sie 2013 an das Schweizer Unternehmen Ameos ab. Für die Beschäftigten hieß das: Bangen um Arbeitsplätze, Ausgliederungen, teils weniger Gehalt vor allem für die Pflegekräfte. Am 1. Februar übernahm Ameos auch eine der beiden Kinderarztpraxen in Haldensleben. Die beiden Ärztinnen wollten bald in Rente gehen, hätten aber keinen Nachfolger gefunden, sagten sie der Zeitung Volksstimme. Der Konzern wolle die Praxis mit angestellten Ärzten weiterbetreiben, kündigte er an. »Aber eben keine Notdienste stellen«, sagt eine Kinderschwester der zweiten Praxis auf Nachfrage. Und alleine könne diese keine Wochenendbereitschaft leisten.

Das Krankenhaus fällt als Notversorger ebenfalls aus. Die Kinderstation wurde im September dichtgemacht. Junge Patienten werden zwischen den Erwachsenen behandelt. Seit 1. März gibt es nur noch einen einzigen Kinderarzt in der Klinik. Das kam Anfang März bei einer Podiumsdiskussion in Haldensleben, angeregt durch Bürgermeisterin Blenkle und die Gewerkschaft ver.di, auf den Tisch. Und noch mehr: Im einzigen Kreißsaal des Landkreises führte Ameos jüngst Geschäftszeiten ein: Entbunden werden kann nur noch zwischen sieben und 16 Uhr. Ein Unding sei das, schimpft Blenkle im Gespräch. Da könne doch keine Gebärende mehr hingehen. »Was passiert, wenn das Baby es bis 16 Uhr nicht auf die Welt schafft – Kaiserschnitt oder Transport nach Magdeburg?« Und schließlich werde das auch Folgen für die Gynäkologie und Wochenstation haben, ist sie überzeugt. »Das wird wohl langfristig wegfallen.«

Der Generalbevollmächtigte Ameos Ost, Patrick Hillbrenner, erklärte das mit Personalmangel – ein generelles Problem in ländlichen Gegenden. Eine Aussage, die selbst den CDU-Landtagsabgeordneten Ralf Geisthardt erregte, obwohl gerade seine Partei die Privatisierung einst mit allen Mitteln durchgesetzt hatte. »Andere Unternehmen im Kreis bezahlen anständig und haben keine Personalprobleme«, meinte er. Laut ver.di kürzte Ameos die Gehälter nach der Übernahme um bis zu 400 Euro. Man habe sie »der Qualifizierung angepasst«, bestätigte Hillbrenner in der Diskussion. Mit der Folge, dass Ärzte mehr verdienten, Pflegekräfte weniger. Konkrete Zahlen nannte er aber nicht, auch nicht auf jW-Nachfrage.

Bürgermeisterin Blenkle sieht es drastischer: »Meines Wissens nach werden viele Ärzte seit längerem nur auf Honorarbasis angefordert.« Mehr als sechs Millionen Euro gebe der Konzern jährlich dafür aus. »Das macht keiner lange mit«, meint sie. Aus Sicht von ver.di-Sekretär Thomas Mühlenberg spart Ameos, wo es geht, an Personal. Schuld sei auch das Land Sachsen-Anhalt, sagte er auf dem Podium. Das habe jahrelang zuwenig in den Krankenhausbereich investiert. »Der Betreiber versucht, den Investitionsstau zu beseitigen, indem er das Personal abbaut.« Aktuell gehe es um die Ausgliederung des Labors in eine GmbH, erklärt Stefan Wolff von ver.di Magdeburg auf Nachfrage. Vor zwei Wochen habe der Konzern beim Betriebsrat die Kündigungen beantragt. »Ameos versucht dadurch gezielt, Tarifrechte für Beschäftigte zu umgehen«, so Wolff. Dies sei aber gängiges Prozedere in allen privatisierten Krankenhäusern, weiß er.

So sieht es auch Frau Blenkle. »Die Daseinsvorsorge gehört in öffentliche Hand, sonst ist sie generell in Gefahr«, kritisiert sie den Landkreis für den Verkauf der Klinik. Schließlich werbe der für Zuzug. »Aber welche Familie soll sich hier noch niederlassen, wenn die medizinische Versorgung nicht stimmt?« Natürlich habe man einen Sicherstellungsauftrag, räumte Kreiskoordinatorin Iris Herzig auf der Podiumsdiskussion ein. Aber es gebe eben klare Vorgaben für die Finanzierung. Ein Träger müsse wirtschaftlich arbeiten.

Der Unmut betroffener Eltern hält derweil an. »Ich überlege, eine Bürgerinitiative zu gründen«, sagt eine Mutter im Gespräch mit jW. Eine andere berichtet von einer Unterschriftenaktion vor einigen Wochen gegen die Schließung der Kinderstation an den Landkreis. Von dieser hat Klaus Czernitzki, Vorsitzender der Partei Die Linke im Bördekreis, nichts gehört. Ansonsten würde sich seine Partei bei Aktionen einbringen, versichert er und schimpft auf den Landkreis. »Den haben wir schon 2006 vor den Folgen gewarnt«, resümiert er.

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