Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 16 / Sport

Nur im Zirkus Latin Lovers. Von André Dahlmeyer

Latin Lovers

Von André Dahlmeyer
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Der Coach von River Plates, Marcelo Gallardo, während des Spiels gegen The Strongest (16. März)

Einen wunderschönen guten Morgen! Nach acht von 16 Spieltagen der argentinischen Primera División im Balltreten für Jungs lohnt es sich, ein Fastfazit anzutäuschen: Acht Teams wechselten bereits ihre Trainer aus. Wie üblich werden deren Arbeitsverträge dabei nicht respektiert. Ein Trainer oder Spieler, der daraufhin klagt, findet in Argentinien nie wieder Arbeit, jedenfalls nicht auf dem Platz. Ein System, das in den 70ern Julio Grondona eingeführt hat, Funktionär im argentinischen und um Weltfußballverband sowie Pate des Gaucho-Fußballs, der unmittelbar nach dem verbumsten WM-Finale von Río 2014 das Zeitliche segnete. Nach eigenen Aussagen ein völlig »verarmter Eisenwarenhändler aus Sarandí«. Nun ja. Jahre vor dem sogenannten FIFA-Gate hat diese Zeitung schon beinahe exzessiv darüber berichtet. Jeder, der jW las, ich nehme an, das waren fast alle deutschen Menschen guten Glaubens, wusste, was lief. Leider hat man uns hier nie den Platz gegeben, der notwendig gewesen wäre, um das House so richtig zu rocken. Horrido.

Dass noch ein Klub aus der Hauptstadt den Titel eintüten wird, ist so unwahrscheinlich wie die Vorstellung, die Peruaner würden sich den chilenischen Norden oder die Bolivianer das argentinische Jujuy zurückholen. Alles Gegenteilige wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine Sensation, und Sensationen finden bekanntlich nur im Zirkus statt. Löwen, Elefanten, sausende Boas. Mauerspechte. Schweinereien in Wohnwagen.

Im Estadio Julio Grondona »Monumental« am Río de la Plata empfing Klubvizeweltmeister River Plate den »Taladro«, Banfield, aus der entgegengesetzten, armen und schmutzigen Ecke im Süden von Buenos Aires. Nach einem zuletzt positiven Auftritt in der Höhe von La Paz, beim Copa-Libertadores-Match gegen The Strongest (1:1), fielen die Riverplatenses jedoch wieder in steinzeitliche Verweigerungsphasen zurück. River lag gleich nach Wiederanpfiff durch einen Kopfballtreffer des Ex-Boca Santiago Silva hinten und startete anschließend einen Sturmlauf, der jedoch nur eins unterstrich: Das Team ist durcheinander, nicht bei der Sache und pfeift auf die Anweisungen von Multimeistermacher Marcelo »Puppe« Gallardo. Der »Millo« ließ millionenfach Bälle im Sanktionsraum von Banfield abregnen, gewann auch fast alle Kopfballduelle, aber alles ging meilenweit vorbei. Hässlich anzusehen. Ungefähr so hässlich wie die »Aussage« von Guardiola nach den CL-Achtelfinals, dass es, sinngemäß, unglaublich gewesen wäre, sechs Tore gegen die Juve zu erzielen, die mehr oder weniger beste Abwehr der Welt. Ja, hackt’s?! Der Catenaccio ist seit Dekaden Geschichte, und die eigenen miserablen Leistungen zu verschlimmbessern, indem man den Gegner schlechtmacht, ist nicht nur miese Politik, sondern unterste Schublade. Guardiola in die Produktion! Geh arbeiten, Bursche! Grmpfh!

River ohne Rädelsführer, eine kolossale Unordnung. Null Spontanität, Selbstbewusstsein auf dem Brunnenboden. Andrés D’Alessandro holte einen Foul-Penal heraus, aber Rodrigo Mora (große Nacht gegen The Strongest) zimmerte die Nummer drüber bis nach La Boca, in den Süden. Auch Iván Alonso kam nicht aus dem Mittelmaß Rivers heraus. River Plate brilliert schon seit einer Weile nicht mehr. In der Nachspielzeit markierte der eingewechselte Alario in guter alter Uwe-Seeler-Tradition per Hinterkopfabrutscher nach einem Freistoß von der linken Seite, ausgeführt von Tabaré Viudez, am kurzen Pfosten den Ausgleich. Und rannte dann wie angestochen zur Eckfahne, um sich von einigen Unbelehrbaren feiern zu lassen. Das Foto River Plates dieses Jahres. Es waren noch gute drei Minuten zu spielen! River musste gewinnen! Ultra-unprofi-mässig! Verkackt! Hugh!

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