Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 15 / Antifa

Waffen-SS als Opfer

Lettische Botschaft wirbt offen um Verständnis für Veteranen von Hitlers Elitetruppen – und weist Kritik an Aufmarsch in Riga zurück

Von Frank Brendle
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Gegendemonstranten erinnerten anlässlich des »Tags der Legionäre« am 16. März in Riga an die Verbrechen der Waffen-SS

Die lettische Botschaft in Berlin will den Vorwurf, die Regierung des baltischen Landes sympathisiere mit Anhängern der Waffen-SS, nicht auf sich sitzen lassen – und bestätigt ihn ungewollt um so deutlicher. Auf ihrer Facebook-Seite beteuert die Botschaft, es handle sich bei dem Gedenkmarsch, an dem sich vorige Woche wieder mehr als 1.000 Menschen in der Hauptstadt Riga beteiligten, nicht um eine politische Veranstaltung, sondern lediglich um ein »Gedenken an die Kriegsgefallenen«. Deutsche Antifaschisten, die am Protest gegen den Aufmarsch teilnehmen wollten, waren des Landes verwiesen worden (jW berichtete). Lettland habe aus seiner Vergangenheit gelernt und »verurteilt jede Form von Radikalismus und Politisierung der Geschichte«, behauptet nun die Botschaft.

Sie treibt eine solche Politisierung jedoch selbst schon dadurch voran, dass sie konsequent im Stil der Totalitarismusdoktrin argumentiert, der Gleichsetzung von Sowjetherrschaft und Naziverbrechen. Lettland verurteile »konsequent die Verbrechen beider totalitären Regime des 20. Jahrhunderts gegen die Menschheit, den Holocaust und gedenkt an die Opfer der Regime«, heißt es. Schaut man etwas genauer hin, bleibt es nicht bei einer solchen Gleichsetzung – vielmehr schneiden die Nazis und ihre einheimischen Kollaborateure im offiziösen Geschichtsbild deutlich besser ab. Der Stellungnahme sind Verweise auf eine Broschüre des lettischen Außenministeriums zur Geschichte der Waffen-SS-Divisionen mit dem Titel »Der 16. März erklärt« beigefügt. Darin wird offen um Verständnis für die mehr als 100.000 »Legionäre« geworben, und die Proteste gegen den Aufmarsch werden als Teil des »russischen Informationskrieges« und als Versuch abgetan, Lettland zu diffamieren. In Wirklichkeit habe der »quälende Widerspruch« zwischen der Hoffnung, Lettland vor der sowjetischen Okkupation zu retten, und der grausamen Realität des Krieges die »Tragödie« der »Lettischen Legion« ausgemacht.

Immerhin wird darauf hingewiesen, dass etliche Angehörige der Waffen-SS zuvor Mitglieder des faschistischen »Arajs-Kommandos« oder der Hilfspolizei waren und in dieser Funktion zahlreiche Verbrechen gegen die Menschheit begangen hatten. »Aber das macht aus der Lettischen Legion keine kriminelle Vereinigung.«

Der regierungsoffizielle Stellungnahme zur Waffen-SS gipfelt in der Empfehlung einer Videodokumentation aus dem Jahr 2000: Der Film »Die lettische Legion« zeige »die tragische Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Lettland«. Die Doku ist mit Unterstützung des lettischen Verteidigungsministeriums entstanden. Während Opfer der Waffen-SS und ihrer Vorgängereinheiten kein einziges Mal zu Wort kommen, erhalten ehemalige Legionäre ausführlich die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Die »Russen«, berichtet da einer, seien so grausam gewesen, dass die Entscheidung leichtgefallen sei, gegen sie zu kämpfen: »Wir wurden aufgefordert, uns den Freiwilligen anzuschließen, und wir gingen, ohne zu zögern.«

Bemerkenswert ist, dass der Unterschied zwischen Freiwilligen und Zwangsrekrutierten verschwimmt. Ein Veteran berichtet, er habe die Wahl zwischen einer Arbeitskolonne und der Legion gehabt und sich für die Legion entschieden, aus »Verantwortungsgefühl«. Immer wieder ist das Motto zu hören: »Letzten Endes mussten wir Lettland verteidigen.«

Aus dem Off kommt dazu der Kommentar: »Auch wenn die Mehrheit zwangsrekrutiert wurde, dachten viele, wenn sie gemeinsam mit den Deutschen kämpfen, wären sie in der Lage, Lettlands Unabhängigkeit wiederherzustellen.« Und: »Die Überzeugung, dass eine Rückkehr der Sowjets nicht hingenommen werden darf, gab den Legionären neue Motivation.« Deswegen hätten sie auch im Kurlandkessel gemeinsam mit der Wehrmacht bis Mai 1945 durchgehalten. Die Rote Armee musste damals große Verluste hinnehmen.

Der Film untermauert eindrucksvoll, wie sehr die Legende, der Kampf an der Seite der Nazis sei patriotisch gewesen, Rückendeckung durch die lettische Regierung hat.

Video »Latvian Legion« (»Die lettische Legion«):

kurzlink.de/latvianlegion

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