Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Gegenaufklärung

Von Hans Heinz Holz
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Herrschende Schichten und Klassen neigen zu irrationalen Ideologien. Gegenaufklärung ist eine Bedingung ihrer Selbstbehauptung. US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump

Immanuel Kant hatte die Aufklärung als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« bezeichnet. Seitdem haben die antiaufklärerischen Bemühungen innerhalb der bürgerlichen Ideologie nicht nachgelassen. Die Argumentationsmuster der Gegenaufklärung haben sich seit zwei Jahrhunderten kaum verändert; sie sind nur immer flacher geworden, und natürlich haben sie sich dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Problemlage und der gesellschaftlichen Antagonismen angepasst. Ewige Ordnungen des Seins – seien es von Gott gesetzte, seien es als Naturkonstanten beschriebene – bestimmen das menschliche Leben und Zusammenleben und entziehen sich dem Eingriff des Menschen, der Gestaltung durch das historische Subjekt.

Solche Ordnungen werden durch Offenbarungsschriften und Propheten verkündet und verbürgt oder intuitiv vom Individuum erfasst. Logische Deduktion, vernünftige Konstruktion und dialektische Entwicklung gelten in der Gegenaufklärung als »schlechte Vernünftelei«. Der objektivistischen Hinnahme des Bestehenden und konservativen Anpassung entspricht dann die Verlagerung von Subjektivität und Freiheit in die Innerlichkeit des Ich: Konzentration der Weltbeziehungen im Brennpunkt der privaten Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung als Kunstprodukt einer egozentrischen Kreativität. Psychologismus und Ästhetizismus sind die Kehrseite der konservativen Ordnungsideologien; nur scheinbar richten sie sich auf die Freiheit und Herrschaftsverweigerung, in Wirklichkeit schlägt ihr Aufbegehren um in Unterwerfung durch die Flucht aus der öffentlichen (politischen) Verantwortung in das unantastbare Reich der individuellen Seele und Seligkeit.

In einer komplexen und schwer durchschaubaren Welt gibt es selbstverständlich Schwierigkeiten, das »allgemein Beste« (wie die Aufklärungsphilosophen sagten) zu erkennen. Keiner verfügt über alle Kenntnisse und Gründe, Diskussionen sind nötig, Korrekturen getroffener Maßnahmen sind unerlässlich, um sich jeweils der richtigen Lösung einer gesamtgesellschaftlichen Frage anzunähern. Das ist der Prozess der geschichtlichen Entwicklung, die sich immer durch Widersprüche und Unvollkommenheiten hindurch verwirklicht. Nicht darin liegt die Irrationalität, sondern in der Dominanz von Sonderinteressen, die sich gegenüber dem Allgemeinwohl durchsetzen. Wer den eigenen Vorteil auf Kosten anderer sucht – bewusst, weil er denken mag: Nach mir die Sintflut; unbewusst, weil er nicht in Gesamtzusammenhängen zu denken gewöhnt ist –, wird sich der Prüfung seiner Zwecke durch die Vernunft zu entziehen versuchen. Er wird sich auf außervernünftige Bestimmtheiten berufen, auf Sachzwänge, Erkenntnisgrenzen, Schicksal, Intuition, Offenbarungen – Rationalität soll dann nur noch in beschränktem Rahmen gelten, größere Zusammenhänge bleiben der kritischen Reflexion unzugänglich.

So steht der Irrationalismus immer im Dienste der Sonderinteressen gegen das Allgemeinwohl; darum neigen herrschende Schichten und Klassen zu irrationalen Ideologien. Gegenaufklärung ist eine Bedingung ihrer Selbstbehauptung – auch wenn sich die einzelnen das nicht immer klarmachen (Verschleierung gehört zur Erscheinungsweise von Ideologie, auch Verschleierung gegenüber sich selbst). Umgekehrt steht die Forderung nach Vernünftigkeit immer im Dienste der Unterdrückten. Das unwiderlegliche Argument ist schon deren stärkste Waffe, wenn ihnen noch keine anderen Waffen zu Gebote stehen.

Auszug aus: Manfred Buhr (Hrsg.): Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert, Leipzig 1988

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