Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Auf Panik programmiert

Aus den technologischen Verheißungen von gestern wurden Instrumente von Kontrolle und Überwachung: »Nervöse Systeme«, eine Ausstellung in Berlin

Von Gerhard Hanloser
Ausstellungsansicht The White Room
Wo ist das Plüschtier von Ai Weiwei? »White Room«

Kennen Sie »The Patch«? Diese technologische Innovation ermöglicht es, Gefühle und körperliche Empfindungen unmittelbar mit anderen Menschen zu teilen. Fremdverstehen im Sinne des Soziologen Alfred Schütz ist damit garantiert. Allein, in den Händen kapitalistischer Konzerne sorgt das neue Ding nur für ein Mehr an brutaler Verständnislosigkeit, dient schnöder Optimierungsstrategie, beschleunigter Effizienz, permanenter Verfügbarkeit und lückenloser Kontrolle. Beruhigenderweise stammt das Szenario aus der im Internet frei verfügbaren Science-Fiction-Miniserie »The Common Sense« (USA 2014/15, Regie: Melanie Gilligan). Szenen aus dieser künstlerisch ambitionierten Produktion laufen in der Ausstellung »Nervöse Systeme« im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW), und diese Ausstellung kann einen in der Tat nervös machen. Mit hohem Anspruch widmet sie sich vielgestaltig dem Thema Überwachung und Kontrolle nach dem Scheitern der großen utopischen Technologieentwürfe.

Erinnert sich noch jemand an die Verheißungen der Digitalisierung, von der direkten Demokratie über den freien Zugang zu Information bis zur prinzipiell vernünftigen Abstimmung von Kommunikationsabläufen? Herausgekommen sind nur Mittel kapitalistischer Dominanz. Längst ist klar, dass wir uns einem Big-Brother-artigen Überwachungsregime gegenübersehen. Nervöse Systeme kartographieren Bewegungsabläufe, antizipieren sie zuweilen, etwa um durch trigonometrische Raumbestimmung ausfindig gemachte Terroristen mittels Drohneneinsatz zu liquidieren. Von den vermeintlichen Delinquenten muss nicht einmal der Name bekannt sein. Eine auf Panik programmierte Maschine kürzt Entscheidungsfindungen ab. Sie weiß es nicht besser. Und das ist der Vorteil. Oder eben auch das Problem.

Unwissenheit ist der Feind des Kapitalismus. Das macht stutzig. Verblödet der nicht? Sicher, aber er generiert und erfordert auch je spezifisches Wissen, das permanent erweitert und vertieft wird. Beständig mehr Informationen müssen her. Und werden beschafft, auf allen möglichen Wegen. Die Frankfurter Schule nannte die Sammel-, Informations- und Aufklärungswut im Interesse des Bestehenden hilflos »Positivismus«. Erst jetzt wird deutlich, wie vorausschauend die Kritischen Theoretiker in einer Zeit waren, in der noch die Lochkarte regierte und IBM mit den Nazis kollaborierte. Technologisch sind wir mindestens drei Schritte weiter. Multinationale Konzerne propagieren Big-Data-Lösungen. Der Informationsfluss ist gigantisch, und wer ihn anzapft, macht einen smarten Eindruck. Eine Recherche bei Google, ein Einkauf bei Amazon, das Smartphone in der Tasche – alles Erscheinungsformen eines großen Bruders, der nie schläft und nichts vergisst. Der weder Schnauzer hat noch Disziplinaranliegen.

In der Kontrollgesellschaft sind wir angehalten, unsere Umgebung und uns selbst zu optimieren. Der Wunsch und das Wollen sorgen für unsere Verstrickung in ein Datennetz, das längst Abziehbilder einkaufen, flirten oder protestieren lassen kann. Ist es so? Zumindest so ähnlich.

Eine Ausstellung im Geiste von Edward Snowden, vielleicht auch den Ethnologen und Anarchisten David Graeber. Ein Nachbau des Büroraums in der ecuadorianischen Botschaft in London, in die Julian Assange im Juni 2012 geflohen ist, ist eines von gut zwei Dutzend Exponaten. In einem Videokunstwerk von Andre Korpys und Markus Löffler wird die neue Überwachungszentrale des Bundesnachrichtendienstes, dieser Skandalbau mit den gestohlenen Plänen, überwacht. Viele Arbeiten sind voraussetzungsreich, eine Kuratorenführung ist zu empfehlen.

Zur Ausstellung gehört ein klinischer »White Room«, eine Apple- oder O2-Store-Persiflage. Das nette Gesicht der Überwachung. Freundlich informierende Mädchen ganz in Weiß, die beispielsweise auf ein Werk des dauerpräsenten Ai Weiwei aufmerksam machen: ein lieblicher Stoffpanda, dessen Bauch Geheimdokumente der USA birgt, die Edward Snowden entwendet hat. Kunst schlägt Politik, denn als Museumskunstwerk dürfen sie von keiner Polizei der Welt beschlagnahmt werden! Welch kuschelig-trügerische Phantasie.

bis 9. Mai, Mi.–Mo. und feiertags 11–19 Uhr (White Room: 12–18 Uhr), HKW, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin

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