Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

»Die Quittung wird kommen«

Mieterproteste gegen innerstädtische »Nachverdichtung«. Gespräch mit Hans Modrow

Interview: Robert Allertz
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Der frühere Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow

Auch vor Ihrem Haus wird »nachverdichtet« (siehe Spalte, jW). Zwischen Palisadenstraße und Karl-Marx-Allee sollen drei Zehngeschosser, 19 mal 19 Meter, in Ihrem Innenhof entstehen.

Mein Kiez – Friedrichshain-West – ist davon in der Tat betroffen. Ich war, wenn ich das einfügen darf, Erstbezieher in der Stalinallee Nr. 55 im Jahr 1953. Der leider zu früh verstorbene Historiker und Publizist Norbert Podewin hat uns ein Buch über das Berliner Baugeschehen im Kalten Krieg mit Betrachtungen zur Stalinallee und zum Hansaviertel hinterlassen. Daran wurde ich jetzt wieder erinnert. Beide Architekturensembles gelten als Symbol des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und gehören zu Recht zum Weltkulturerbe.

Ich sehe jetzt den Zusammenhang nicht.

Der besteht beispielsweise in der fehlenden Aufmerksamkeit. Sowohl für das Erbe als auch für das Bauen heute, das Wachsen der Stadt. Bausenator Andreas Geisel, SPD, getragen von seinem Vorgänger Michael Müller in dessen Funktion als Regierender Bürgermeister, will die Stadt verdichten. Er sieht, wie Geisel Anfang des Jahres erklärte, »ein Potential für 150.000 Wohnungen«. Ich sehe nur, dass es keinen analytischen Vorlauf gibt und dass die bekanntgewordenen Pläne sich gegen die Lebensqualität der Anwohner richten.

Die wehren sich inzwischen in Bürgerinitiativen.

Sie vertreten keineswegs egoistische Interessen, sondern streiten mit dem Anspruch, dass Lebensqualität in dieser Stadt auch für künftige Generationen bewahrt werden muss, und machen entsprechende Vorschläge. Das ist ein Anspruch, den auch Norbert Podewin beschrieb. Eine Bürgerinitiative in meinem Kiez hat der Bürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg einen Einwohnerantrag mit 2.388 Unterschriften übergeben. Darin wird nicht mehr verlangt als die Realisierung eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung, dass in Friedrichshain-West nur auf der Grundlage eines Bebauungsplanes, der alle Aspekte einer Nachverdichtung zu beachten hätte, entschieden wird.

Wenn Sie in der Innenstadt von Tokio oder in Manhattan aus dem Fenster schauen, sehen Sie auch nur Häuserwände. Man könnte also einwenden: Wo viele Menschen zusammenleben, muss man eben hoch bauen …

Berlin hat eine eigene städtebauliche Geschichte, die viel Platz auch in Podewins Buch fand. Mit Nachdruck muss dabei auch auf ein anderes Problem hingewiesen werden, den »Rückbau«. Viele tausend Wohnungen wurden auch in Berlin abgerissen, Plattenbauten wurden nicht gemocht. Gesagt werden muss leider auch, dass der rot-rote Senat in den zehn Jahren seines Bestehens diesen Kurs forcierte.

Ich muss Sie nicht daran erinnern, dass auf vielen der Freiflächen bis zum Krieg Häuser standen …

Nein, natürlich nicht. Ich habe in den 50er Jahren als Berliner FDJ-Funktionär mit anderen Menschen enttrümmert. Aber es lag nicht nur an fehlenden Baukapazitäten, dass nicht jede Lücke zugebaut worden ist. Die Hauptstadt sollte licht und großzügig sein, breite Straßen und Boulevards. Man sollte sich wohlfühlen, auch zwischen den Häusern. Eine Stadt ist doch mehr als nur eine Versammlung von Wohn- und Geschäftshäusern. Wenn sie sich darauf beschränkte, kann man doch gleich Wohncontainer übereinanderstapeln.

Auch ohne Messungen wissen wir, dass die Luftverschmutzung in den Städten zunimmt. Nicht nur in Peking. Die wissenschaftlichen Prognosen lassen nichts Gutes erwarten. Was macht der Senat ohne spürbaren Widerstand der Opposition, leider auch nicht von seiten der Linken? Wissenschaftliche Analysen ignorieren, Stadtplanung nach Gutdünken praktizieren, alte Gesetzgebung, noch mit Unterschieden Ost-West, missbrauchen, mit runden Tischen Scheindemokratie spielen, und das heißt auch: Bürgerbeteiligung missachten. Die Quittung haben wir aktuell gesehen.

Wie meinen?

Die AfD stellt die parlamentarische Parteiendemokratie auf den Prüfstand. Im September wird auch in Berlin gewählt. Keine Partei im Abgeordnetenhaus, leider auch meine nicht, verhält sich als »Partei für den Alltag der Bürger«. Wer die Signale etwa aus Sachsen-Anhalt nicht begreift, wird die Folgen am 18. September zu spüren bekommen.

Hans Modrow war vom 13. November 1989 bis 12. April 1990 Ministerpräsident der DDR

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