Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Kraft der Marke

»Welkom thuis«: Ein großes Hieronymus-Bosch-Event in seiner Heimatstadt

Von Christoph Horst, Christine Henke
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»Visionen vom Jenseits« (Paradies auf Erden, Aufstieg, Sturz der Verdammten und Hölle), zirka 1505–15, heute im Palazzo Grimani, Venedig

Von der Welt wenig beachtet, liegt an einem Nebenarm der Maas in Nordbrabant die Stadt ’s-Hertogenbosch, auch Den Bosch genannt. Als 1464 die Gründung der Niederlande in Angriff genommen wurde – mit der erstmaligen Einberufung des »Staten-Generaal«, dem heutigen Parlament – lebte in ’s- Hertogenbosch der Maler Jheronimus van Aken (1450–1516). Er kam aus dem Städtchen kaum heraus, benannte sich sogar nach ihm: Hieronymus Bosch. Seine Bilder wurden im Laufe der Jahrhunderte immer berühmter. Heute gehören sie zu den großen Sammlungen des Prado, Städel, Louvre etc.

Anlässlich des 500. Todestages des Malers ist es dem allenfalls regional bedeutenden Het Noordbrabants Museum nun gelungen, erstaunlich viele Werke für zwölf Wochen an den Ort ihres Entstehens zurückzuholen. Unter dem Motto »Welkom thuis, Jheronimus« feiert die ganze 150.000-Einwohner-Stadt die größte Bosch-Ausstellung aller Zeiten. Entgolten werden die Leihgaben in Ermangelung gleichwertiger Gegenstücke mit Forschungsarbeiten. Unter dem Label »Bosch Research and Conservation Project« befasst sich ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung des Nijmegener Kunsthistorikers Jos Koldeweij mit der Restaurierung und Analyse der Exponate. Letzteres ist überfällig. Immer wieder wurden Bilder als Fälschungen oder Kopien entlarvt, was Boschs Œuv­re auf wenige großformatige Werke zusammenschrumpfen ließ, die er zumeist mit Hilfsarbeitern fertigstellte.

Beispielhaft sind die Triptychen »Garten der Lüste« und »Der Heuwagen« aus dem Prado, berühmte Wimmelbilder voller Dämonen, Nacktheit, Grausamkeiten und merkwürdigen Wesen, aufgeladen mit kaum noch verständlicher Symbolik. Oft taucht etwa die Eule auf, heute mit Weisheit verbunden, für Bosch aber noch Zeichen des Bösen. Koldeweij ist der Meinung, nicht jedes Detail bedürfe einer Interpretation – manches sei mit dem Spaß des Malers an Merkwürdigkeiten hinreichend erklärt. Oder mit seinem Drogenmissbrauch? Auch diese These kursiert, ist aber, wie so vieles bei Bosch, nicht verifiziert.

Was dem Betrachter ins Auge springt: Die Monster bestehen oft aus denselben Komponenten, wohl eine Wiederholung dessen, was funktionierte. Es verleiht den Kreaturen großen Wiedererkennungswert. Viele Motive gibt es mehr als einmal. Immer wieder kriechen Menschen durch runde Öffnungen in eiförmige Gebilde. Auch fliegenden Fischen begegnet man häufiger, teils mit Reitern.

Unklar ist, welche Rolle Religiöses in dem Werk spielt. Auf den ersten Blick scheint die Sache angesichts der Heiligen und biblischen Szenen klar. Aber deren Nebeneinander mit Verunstalteten, krötenartigen Kopffüßern und verrenkten Nackten, denen Blumen im Hintern stecken, lässt auch die Lesart zu, Bosch sei ein Ketzer gewesen, der in seiner Malerwerkstatt nicht nur Auftragsarbeiten durchführen, sondern auch gegen die herrschende Religiosität anstinken ließ.

Zu dem wenigen, was aus Boschs Leben dokumentarisch belegt ist, zählt seine Zugehörigkeit zur ultrachristlichen Bruderschaft »Unserer lieben Frau«. Sie verschaffte dem Künstler vielfältige Beziehungen zu Mäzenen und Auftraggebern nicht nur aus dem Klerus.

Die Wahrnehmung von Boschs »Monstern« und Folterszenen ändert sich mit den Sehgewohnheiten. Die Triptychen sind in Zeiten der Bilderflut und Smartphone-Wischerei gerade für Jüngere eine echte Herausforderung. Sie zwingen zu Konzentration, wenn nicht gar Kontemplation. Dabei haben sie geradezu Comic-Qualitäten, eignen sich also in verschiedener Hinsicht zur Heranführung an Malerei. Ob sich eine von Stephen-King-Verfilmungen gelangweilte Generation beim Anblick eines von einem überdimensionalen Messer aufgeschnittenen Hinterns zu gruseln vermag, sei dahingestellt. Recht offen ist auch die Frage, wie Zeitgenossen auf Bosch reagierten, die ja mit manch realen Grausamkeiten konfrontiert waren. Im Noordbrabants Museum jedenfalls verstärkt das konservatorisch begründete Dämmerlicht die Intensität der dargestellten Höllenqualen und lässt die meisten von Boschs Unwesen einigermaßen angst­einflößend erscheinen.

Außerhalb der abgedunkelten Hallen begegnet man charakteristischen Motiven der Ausstellung in profaner Gestalt wieder, als Kernbestandteilen städtischen Marketings. Ob in Grünanlagen oder der Fußgängerzone – Boschs gehörnte Giraffe oder sein zweibeiniger Hund mit überlangen Ohren sind fast überall, besonders da, wo sie zum Kauf anregen könnten. Wie sinnfällig, dass sich im aufkeimenden Frühkapitalismus zu Boschs Lebzeiten so etwas wie das heutige Markenverständnis (Branding) abzeichnete. Bosch war für seine Originalität weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, wurde etwa vom spanischen König Philipp II. geschätzt. Sein Popularitätsgrad war für die damalige Zeit außerordentlich.

Die Ausstellung stellt die Kraft der Marke »Bosch« gut heraus. Neben Werken, die erwiesenermaßen von Bosch selbst gemalt wurden, hängen welche, die von anderen in seinem Namen – auch posthum – gefertigt wurden. Sie tragen die Signatur des Meisters. Auch weniger originelle Auftragsarbeiten sind erstaunlich eindeutig als Bilder aus dem Hause Bosch erkennbar. Eine Farbe sticht dabei in ihrer Mischung besonders hervor, das Signalrot der Heiligengewänder.

Es findet sich dann auch im Merchandising wieder, mit dem die Ausstellungsmacher die Marke im Museumsshop ausschlachten. Die Produktpalette reicht vom Radiergummi über teure Seidentücher bis zu Möbelstücken – Kunstsammlerwahn für jeden Geldbeutel, heute fester Bestandteil jeder Eventkonzeption.

Zum Museum kommt man übrigens durch eine Unterführung, das hatte uns ein freundlicher Niederländer mit den Worten erklärt: »Dann fährst du immer weiter, bis du untergehst.«

bis 8. Mai, täglich 9 bis 19 Uhr, ­Verwersstraat 41, ’s-Hertogenbosch

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