Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Dienen ohne Sicherheit

Internationale Arbeitsorganisation: 60 Millionen Haushaltshilfen weltweit ohne Sozialversicherungsschutz. Hauptsächlich Frauen betroffen

Von Robert Ojurovic
An_Indian_housemaid_39027452.jpg
Im Schatten der Privatheit: »Housemaid« bei der Arbeit im indischen Mumbai 2014

Neun von zehn Beschäftigten im Haushalts- und Reinigungssektor sind ohne sozialen Schutz. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) taxiert in einer vergangene Woche vorgestellten Studie, dass weltweit ungefähr 60 Millionen Personen unter teilweise menschenunwürdigen Sozial- und Arbeitsbedingungen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Unter der prekären Situation leiden laut Erhebung der UN-Organisation besonders Frauen, da sie mehr als 80 Prozent aller derart Bediensteten (ob Kindermädchen, Putzfrau oder beides gleichzeitig) ausmachen. »Weibliche Hausangestellte sind oft Opfer von Diskriminierung und in sozialer und ökonomischer Hinsicht besonders verwundbar. Daher ist die Ausdehnung von sozialem Schutz ein Schlüsselelement im Kampf für Geschlechtergleichheit, für Arbeitssicherheit« und menschenwürdige Einkommen, betonte Philippe Marcadent, zuständiger Direktor der ILO für Arbeitsbeziehungen, am Montag vergangener Woche in Genf. Laut Organisation gibt es weltweit mehr als 67 Millionen Hausangestellte, dies entspreche vier Prozent der weltweit arbeitenden Bevölkerung. Mindestens 3,4 Millionen Menschen in diesen Jobs müssten demnach Zwangsarbeit leisten. Leiharbeitsfirmen und Arbeitgeber würden dabei mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr unterschlagen, indem Abzüge für Personalbeschaffungskosten illegal verrechnet oder zu niedrige Löhne gezahlt würden.

Die Direktorin der Abteilung Soziale Sicherheit bei der ILO, Isabel Ortiz, betonte während der Vorstellung des Berichts am schweizerischen UN-Sitz, dass die Arbeit als Haushaltshilfe komplett unterbewertet und ungeschützt sei. Im Falle eines Arbeitsunfalls oder in zunehmendem Alter würden diese Personen oft ohne Absicherung entlassen und stünden zumeist mittellos da. »Dies ist nicht hinnehmbar und muss zügig korrigiert werden«, so Ortiz abschließend.

Der Bericht verweist auf die Ursachen dafür, weshalb diese Zustände überhaupt zustande kämen. In vielen Staaten der Welt sei ein Sozialversicherungsschutz in der Regel nicht verpflichtend. Hinzu käme, dass Beschäftigte ihre Arbeit in der Privatheit (also der informellen Abgeschiedenheit) eines Haushalts erledigen müssten. Zudem sei es üblich, dass sie mehr als einen »Arbeitgeber« hätten. Eine mündliche Vereinbarung ersetze oftmals einen schriftlichen Arbeitsvertrag, und die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle verbiete den Betroffenen, sich über diese Bedingungen zu beschweren. Der ganze Bereich sei außerdem durch eine hohe Fluktuation, unregelmäßige Lohnauszahlungen und auch »Vergütung« durch Sachleistungen gekennzeichnet.

Erwartungsgemäß registriert die ILO die größte Vernachlässigung von Sozialstandards in den sogenannten Entwicklungsländern. 68 Prozent aller Hausangestellten seien in Asien und Lateinamerika beschäftigt. Dort gibt es laut der Studie die auffälligsten Missstände. Begünstigt würden diese durch die immensen Schwierigkeiten, Arbeitsinspektionen durchzuführen. »Dies ist eins der Hauptprobleme«, so Marcadent. »Der Zutritt in Privathaushalten ist den Inspektoren durch die Gesetzgebung verboten und kann nur durch einen Gerichtsbeschluss bewilligt werden.«

Im Rahmen der ILO-Erhebung wurden die Zustände in 163 Staaten analysiert. Lediglich in 70 davon existiere sozialer Schutz. Ein Wirtschaftsriese wie China, so die Arbeitsorganisation, sei aber unter ihnen gar nicht vertreten. Allein im Reich der Mitte verdienten Schätzungen zufolge 13 Millionen Menschen ihr Geld als Hausangestellte. Unter besonders starkem Mangel an sozialem Schutz leiden demnach die fast zwölf Millionen Hausangestellten, die als Wanderarbeiterinnen und –arbeiter unterwegs seien. 14 Prozent der Staaten, deren Sozialsystem Schutz für Haushaltshilfen vorsieht, würden Arbeitsmigranten von den entsprechenden sozialen Rechten ausschließen.

Laut ILO gebe es aber auch erhebliche Probleme mit dem Sozialschutz in einigen Industriestaaten. In Italien etwa seien 60 Prozent der Hausangestellten nicht behördlich registriert, in keiner Sozialversicherung angemeldet und zahlen daher keine Beiträge. In Spanien und Frankreich betreffe dieser Zustand immer noch etwa 30 Prozent dieser Beschäftigten. Eine rein rechtliche und soziale Gleichstellung der rund 712.000 Hausangestellten (Angaben des Statistischen Bundesamtes) in Deutschland ist zwar gegeben. Aber auch hierzulande gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede zu den Rechten »normaler« Beschäftigter. So helfe das deutsche Arbeitsrecht beispielsweise nicht, wenn ausländische Diplomaten Haushaltshilfen nach Lust und Laune entlohnen.

Die ILO hatte im Jahr 2011 die Konvention 189 zum »Übereinkommen über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte« verabschiedet. Bis heute haben laut Angaben der UN-Sonderorganisation nur 22 Länder diese Konvention ratifiziert. Die Lösung des weltweiten Defizits beim Sozialschutz bleibt demnach eine zentrale Aufgabe bei der Durchsetzung von gesellschaftlichen Mindeststandards, nicht nur für diese Beschäftigtengruppe.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Kapital & Arbeit