Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Energiehelden und Pilotanlagen

Denn sie wissen, wofür sie sich abstrampeln: der Dokumentarfilm »Power to change«

Von Wolfgang Pomrehn
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Für die windarmen Nächte muss eine Alternative her

Carl-A. Fechners neue Hymne auf den Umbau der Energieversorgung heißt »Power to change – Die Energierebellion«. In »Die 4. Revolution – Energy Autonomy« (2010) hatte der Dokumentarfilmer aus Baden-Württemberg den SPD-Politiker Hermann Scheer rund um die Welt auf Werbetouren für die »Energierevolution« begleitet. Fechners neuer Film stellt nun Protagonisten des großen Wandels in Deutschland vor. Zum Beispiel den umtriebigen bayerischen Tüftler Edy Kraus, der allen Widrigkeiten zum Trotz eine mobile Pelletieranlage für Stroh entwickelt. Durch sie soll landwirtschaftlicher Abfall, in kleine Röllchen verwandelt, als klimaneutraler Brennstoff für Heizanlagen verkauft werden können. Oder Frank Günther, der ein kleines Stadtwerk im schleswig-holsteinischen Bordesholm leitet. Mit dem will er die Gemeinde weitgehend autark versorgen. Sie soll unabhängig von den großen Stromnetzbetreibern werden. Windkraftanlagen, Solarzellen und ein mit Biogas betriebenes Heizkraftwerk sollen Kaufkraft in der Region halten.

Fechners Energiehelden brennen für ihre Projekte und wissen, weshalb sie sich abstrampeln. Sie nennen Rohstoffkriege, den Klimawandel, Atomreaktorunfälle, den weltweiten Hunger und die katastrophalen Folgen der Öl- und Erdgasgewinnung. Punktuell werden diese Verheerungen in dem mitreißend gestalteten Film näher beleuchtet. Abhilfe schaffen sollen mit Biomasse betriebene Blockheizkraftwerke, Windräder, Solaranlagen, Wärmedämmung, die Nutzung von Erdwärme und das Sparen von Energie. Bei letzterem berät Lutz Machalewski einkommensschwache Haushalte im Auftrag der Berliner Caritas. Viele kleine Veränderungen können großes bewirken, ist das Credo dieses Protagonisten.

Bis 2030, meinen einige im Film, könnte die Stromversorgung vollständig von Gas, Kohle und Atom auf Sonne, Wind und Co. umgestellt sein. Das haben auch schon Energieökonomen wie Olav Hohmeyer von der Uni Flensburg vorgerechnet. Eine Herausforderung ist die Speicherung. Bei elektrischem Strom müssen sich Angebot und Nachfrage im Netz zu jeder Zeit die Waage halten. Andernfalls bricht die Versorgung zusammen, was nicht nur zu Unannehmlichkeiten, sondern auch zu kostspieligen Produktionsausfällen führen kann. Da aber die Sonne nicht immer scheint und auch der Wind unbeständig ist, muss für die windarmen Nächte und kurzen trüben Wintertage eine Alternative her. Das könnten Biogasanlagen sein, die steuerbar sind. Aber auch synthetisches Methan käme in Frage, als Ersatz für Erdgas in den Gaskraftwerken. Methan kann mit überschüssigem Strom in sogenannten Power-to-Gas-Anlagen hergestellt werden. Das dafür benötigte CO2 ließe sich aus Biogasanlagen oder Klärwerken gewinnen. Fechner stellt in seinem Film eine der bereits existierenden Pilotanlagen vor.

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Der Film benennt die erheblichen Widerstände der etablierten Energiekonzerne, die ihre Felle davonschwimmen sehen. Etwas zu kurz kommt allerdings der Einfluss, den diese in Berlin ausüben. Mit verschiedenen Novellen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist der Ausbau der Solar- und Biogasanlagen in den letzten Jahren massiv behindert worden. Das hätte deutlicher herausgearbeitet werden können. Derzeit droht ein weiterer Angriff, vor allem auf die Nutzer der Windenergie, aber solche Aktualität ist von einer Dokumentation, an der vier Jahre lang gearbeitet wurde, sicher zuviel verlangt.

Ärgerlich ist ein Ausflug in die Ukraine mit Loblied auf den Maidan. Auch der dortige Krieg werde um Ressourcen geführt, heißt es. Immerhin gibt es an dieser Stelle einen kleinen Seitenhieb auf westliche Konzerne wie Shell und ExxonMobil, die in dem umkämpften Gebiet im Osten Erdgas durch Fracking gewinnen wollen. Statt solcher finsterer Pläne auf erneuerbare Energieträger zu setzen, dafür wirbt dieser Film mit seinen Helden.

»Power To Change – Die Energierebellion«, Regie: Carl-A. Fechner, 94 min, bereits angelaufen

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