Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

Cool bleiben

Den Kubanern ist US-Präsident Barack Obama willkommen. Ansonsten reagieren sie gelassen auf den Besuch

Von Marcel Kunzmann, Havanna
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Mit Gitarre und Knarre: Che Guevara auf einem Wandbild in Havanna

In den Tagen vor dem Beginn des historischen Staatsbesuchs von US-Präsident Barack Obama lag in der kubanischen Hauptstadt Havanna etwas in der Luft. Straßen wurden geteert, die Häuser am Malecón mit Hochdruck saniert, und vor dem »Habana Libre«, dem ehemaligen Mafiatempel und Hilton-Hotel, weht seit kurzem wieder eine US-Fahne – neben der kubanischen und einigen anderen. »Wir gehen davon aus, dass der Besuch gut für Kuba sein wird und die Kubaner bessere Möglichkeiten für ihre wirtschaftliche Entwicklung und eine bessere Zukunft bekommen«, meint der 18jährige Luis Angel Peña, der in Havanna zur Schule geht. »Wir sind zwei komplett verschiedene Länder, haben aber viele kulturelle Gemeinsamkeiten.« Er würde es auch begrüßen, wenn Kubas Präsident Raúl Castro im Gegenzug die USA besuchen würde. »Der Besuch wird Kuba internationales Prestige verleihen. Es ist ein Besuch, der die Beziehungen zwischen beiden Völkern verbessern kann«, meint auch Otto Guerra González (63), der als Geschichtsdozent an der Universität von Havanna gearbeitet hat.

Doch für den ersten Präsidenten, der seit fast 90 Jahren seinen Fuß auf die Insel setzt, wird es keine einfache Stippvisite sein. Trotz der jüngsten Lockerungen der seit über 50 Jahren bestehenden Wirtschaftsblockade ist die Frustration über die langsamen Fortschritte bei der Abschaffung der Sanktionen groß. »Das Ziel von Obama bleibt, die kubanische Revolution zu zerstören. Die Politik der USA ist inhuman und hat das kubanische Volk seit über 50 Jahren unterdrückt. Bisher wurde nicht einmal das Gefängnis in Guantánamo geschlossen. Für mich ist das eine heuchlerische Politik«, meint etwa die gebürtige Leningraderin Tatiana Stephanova (65). Die ehemalige Universitätsprofessorin für Physik und Französisch kam einst als sowjetische Spezialistin nach Kuba und lebt seit über 40 Jahren mit ihrem kubanischen Ehemann in Havanna. Auch dieser, der 60 Jahre alte Jorge Rad, sieht den Besuch des US-Präsidenten eher kritisch: »Er hat versucht, den Sozialismus mit der Blockade zu zerstören, nun versucht er es auf einem anderen Weg, indem er den kleinen Unternehmern hilft und die Klassenunterschiede verstärkt. Sein Besuch wird Kuba ökonomisch ein wenig helfen, politisch jedoch nicht.«

Doch in Havanna gibt es auch andere Stimmen. »Ich bin glücklich, dass Obama kommt. Hast du gesehen, wie sie die Straßen ausgebessert haben? Das ist lange Zeit nicht mehr passiert, auch zum Papstbesuch nicht«, erzählt der 60jährige Andrés Montes, der in Havannas Stadtteil Vedado wohnt. »Meiner Meinung nach ist es gut, dass Obama kommt und sie die Blockade lockern. Unser Volk hat 50 Jahre lang darunter gelitten und hart gearbeitet. Ich glaube, dass die Mehrheit der Kubaner so denkt. Obama kommt jedoch sicherlich nicht, um den Sozialismus zu erhalten.«

Im Unterschied zum Papstbesuch im vergangenen September sucht man in Havanna die große Inszenierung jedoch vergeblich. Weder wurden wie damals Plakate aufgestellt noch kleine US-Fähnchen verteilt, wie sie vom Vatikanstaat im Vorfeld des Besuchs zirkulierten. »Man bekommt erstaunlich wenig mit, z. B. ob er eine Rede halten wird oder was genau auf seiner Agenda steht. Aber es ist schon eine gewisse Aufbruchstimmung auszumachen«, meint der 20jährige Hendrik Hohage aus Deutschland, der an der Universität Havanna Spanisch studiert. »Obwohl es schon ein Signal ist, dass Obama kommt, erwarte ich nicht, dass viel passieren wird.«

Insgesamt überwiegt in der kubanischen Hauptstadt die Unaufgeregtheit. Obama soll ruhig kommen, darin sind sich wohl alle einig. Jedoch werden von ihm auch konkrete Schritte erwartet, die zu einer endgültigen Aufhebung der US-Blockade führen. Kubas Außenminister Bruno Rodríguez brachte den gemeinsamen Nenner am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zum Ausdruck: »Wir werden Obama mit der Gastfreundlichkeit empfangen, die uns auszeichnet.«

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