Aus: Ausgabe vom 19.03.2016, Seite 12 / Thema

Führer’s Traum

Nach dem Editionsvorbild von Arno Schmidts Kolossalwerk strukturierte das Institut für Zeitgeschichte die Jubiläumsausgabe von »Mein Kampf« – Adolf Hitler wäre glücklich, der Dichter kaum

Von Otto Köhler
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Viel und zwar gründlich: Das Institut für Zeitgeschichte hat mit seiner kritischen Edition von »Mein Kampf« Hitlers Gedankenwelt erschlossen (Werbetafel für das Buch aus dem Jahr 1939)

Da müsst ihr stark sein, ihr Freunde Deutschlands, da oben in Lettland. Am vergangenen Mittwoch habt ihr deutsche Nazigegner deportiert und mit lebenslänglichem Einreiseverbot bedroht, weil sie gegen den alljährlichen SS-Aufmarsch in Riga demonstrieren wollten. Dank könnt ihr dafür auch heute nicht erwarten. Denn Adolf Hitler hat ausdrücklich verboten, dass »Mein Kampf« auf Lettisch erscheint. Aber wir haben ihn jetzt wieder in einer Festausgabe, die unser Institut für Zeitgeschichte zum 70. Todestag des Führers – aus juristischen Gründen mit einer Verspätung von acht Monaten – herausgebracht hat.

Leiter des IfZ-Projekts ist Christian Hartmann. Der Reservehauptmann ist Dozent der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg sowie der Bundeswehr-Hochschule in München. Er wurde für seine Verdienste 1992 einer der ersten Träger des nach dem Militärwissenschaftler Werner Hahlweg (1933 SS, 1936 NSDAP, 1943 Mitgestalter des Sturmgewehrs 44) benannten Preises für Wehrwissenschaften.

Von Hartmanns beachtlicher wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit konnte ich mich 2004 im Hamburger Warburg-Haus überzeugen, beim großen Versöhnungstreffen – 80 Teilnehmer, 18 Referenten – zwischen dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) und Jan Philipp Reemtsmas Institut für Sozialforschung. Reemtsma hatte Hannes Heer, den Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung gefeuert und diese durch eine entschärfte zweite wiedergutgemacht. Auch in den Augen des damaligen IfZ-Chefs Horst Möller – der war zuvor als Preisredner für Ernst Nolte bei der einschlägigen Deutschlandstiftung aufgetreten und hatte im Fachorgan Focus Hannes Heer mit Adolf Hitler verglichen.

Möller verkündete also 2004 in Hamburg, dass nicht, wie vielfach behauptet, 80, sondern allenfalls fünf Prozent der Wehrmachtsangehörigen im Osten an Verbrechen beteiligt gewesen seien. Sein Mitarbeiter Christian Hartmann werde das gleich beweisen. Doch mit seinen «Überlegungen zur Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen an Kriegsverbrechen» löste der nur Ratlosigkeit aus.

Es war die Journalistin Franziska Augstein, die den Anfang machte und etwas spitz fragte, ob es für seine Annahme von nur fünf Prozent einen empirischen Hintergrund gebe. Der Reservehauptmann wand sich: Wenige Täter hätten viele Opfer produzieren können, und es gebe viele »schwarze Löcher«. Es half nicht, andere setzten nach, wollten wissen, wie er auf seine beruhigend niedrige Zahl komme. Da leistete der zuständige Mann vom Institut für Zeitgeschichte seinen wissenschaftlichen Offenbarungseid. Er sagte: »Diese Zahl ist letztlich nicht mehr als eine Metapher.« Höllengelächter unter den anwesenden Historikern. »Die Zahl als Metapher, das müssen Sie mir noch erklären«, verlangte einer der Diskutanten. Vergebens.

Später war Hartmann als »historischer Berater« des deutscher »Schuldauslagerung« (Die Welt) dienenden ZDF-Dreiteilers »Unsere Mütter – Unsere Väter« tätig. Das befähigte ihn, das Oberkommando des Herausgeberteams für die IfZ-Edition von Hitlers »Mein Kampf« zu übernehmen. Und er hatte, als sie erschien, wieder eine Metapher für seine Wissenschaft im Einsatz: »Hitlers Text wird damit gleichsam ›eingekreist‹.« Irrtum – er wurde letzten Samstag auf der zweiten Stelle der Spiegel-Bestsellerliste erspäht.

Hartmann und seine Mitarbeiter meinen, sie hätten dank einer speziellen Editionstechnik den Führer umzingelt und geschlagen. Sie haben in zwei Bänden im Lexikonformat die beiden Bücher der Erstausgabe von »Mein Kampf« wiedergegeben und zwar jeweils auf der rechten Seite mit Hinweisen auf Veränderungen in den wichtigsten neun Auflagen zwischen 1925 und 1943 des insgesamt in über zwölf Millionen Exemplaren erschienenen Führer-Werkes – unmittelbar rechts neben Hitlers Text. Auf der gegenüberliegenden linken Seite stehen erläuternde, auch richtigstellende Fußnoten, nötigenfalls sogar noch auf zwei weiteren Seiten.

»Wiedervereinigung«

Frage auf Seite 73 der Einleitung: »Wie weit ist es sinnvoll und angemessen, einen Text wie ›Mein Kampf‹ nach Maßstäben zu edieren, die in der Regel nur literarischen Texten vorbehalten bleiben?« Hartmanns Einsatztruppe fackelt nicht lange, sie tut es: auf Seite 76 sind zwei Seiten abgebildet, die ungefähr so aussehen wie die Seiten dieser Hitler-Edition. Text dazu: »In der gesetzten Ausgabe von Arno Schmidts ›Zettel’s Traum‹ (2013) sind die verschiedenen Textebenen und Marginalien miteinander verflochten.« Dass es einen Unterschied gibt zwischen Adolf Hitler und Arno Schmidt, scheinen die tapferen Editoren bemerkt zu haben: »Dort« – in »Zettel’s Traum« – »stammen die Kommentare aber bereits« – bereits – »vom Autor selbst«. Hier in der ebenso monumentalen und mit einer Fülle von Fußnoten und Kommentaren ausgestatteten Jubiläumsausgabe zu Adolf Hitlers 70. Todestag übernehmen die Editoren diese Aufgabe. Es gedeiht so zu einem verschwenderisch erläuterten Text, nichts, so scheint es, bleibt unkommentiert.

Aber, ich stolpere schon in der dritten Zeile des Hitler-Originals, und das aus gutem Grund. Kürzlich hat das Erweiterte Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung unter Billigung aller anwesenden Mitglieder ihrer Vollversammlung meinem »polemischen Gebrauch der Wörter« seine Missbilligung ausgesprochen – ich hatte in meiner Laudatio auf die Johann-Heinrich-Merck-Preisträgerin Gabriele Goettle (siehe jW vom 19.11.2015) das Wort »Anschlussgebiet« benutzt für – ja was? – die »Wiedervereinigung« mit neu hinzugetretenen Bundesländern.

Und da lese ich in dieser dritten Zeile von Führer’s Text über seinen Geburtsort Braunau: »Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren« – ja – »Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint.«

Wiedervereinigung der zwei deutschen Staaten? Inwieweit eventuell diese mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe der Deutschen damals und heute differiert, ob da vielleicht doch ein Unterschied besteht, etwa in der Tonlage des Jubels der frisch Befreiten? Dazu gibt es kein einziges Wort. Sechs zum Teil sehr umfangreiche Fußnoten und vier Text-Variationen »kreisen« an weniger gefährlichen Einbruchsflanken dieser Seite eins den Führer-Text ein. Doch durch die »Wiedervereinigung« entkommt Adolf Hitler in unsere Gegenwart. Keine Fußnote, kein Kommentar hält ihn an dieser Ausbruchsstelle auf. Man sollte den Reservehauptmann dieses Instituts für metaphorische Zeitgeschichte wegen Schlafens im Wachdienst an die Wand stellen, metaphorisch wenigstens.

Und stünde die Wiedervereinigung nicht schon in Hitlers dritter Zeile, sondern irgendwo weiter hinten, kein Sachverzeichnis stünde den zu Hilfe Eilenden bei, um Hitlers Ausbruch aufzuhalten. Vier Register auf insgesamt 75 Seiten enthält diese Jubiläumsausgabe, aber weder dem »Anschluss« noch der »Wiedervereinigung« gewähren die Editoren ein Lemma.

Dumm steht da auch Peter Sloterdijks Assistent Marc Jongen da, der jetzt der »Alternative für Deutschland« ein Programm schreiben muss. Wenn er die für die identitäre Bewegung so maßsetzende Stelle sucht, die durch Helmut Qualtingers Vortragskunst unsterblich wurde, weder Maus noch Meise helfen ihm da weiter. Sie stehen nicht im Register. Mit viel Mühe durch Blättern von Seite zu Seite muss der Liebhaber solcher Tierkunde im ganzen »Kampf« suchen. Endlich am Anfang des Kapitels »Volk und Rasse« steht unverfälscht die berühmte Stelle, nach der wir alle immer wieder suchen:

Meise zu Meise

»Jedes Tier paart sich wieder nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise. Fink zu Fink, der Storch zur Störchin. Feldmaus zu Feldmaus. Hausmaus zu Hausmaus, Wolf zu Wolf, usw. usw.«

Immerhin, diese Seite aus Hitlers Werk ist nahezu vorbildlich eingekreist, geradezu umzingelt – mit dreieinhalb Seiten und sieben langen Kommentaren insgesamt. Doch der Führer – mein Gott, wo hat Hartmann gedient? – entkommt wieder, diesmal – davon gleich – in die Berliner Seenlandschaft auf die Luxusyacht des Deutsch-Bankiers Emil Georg Ritter von Stauß. Wie war das möglich? Kein Kommentar hatte Wache gehalten an der wunderschönen Paarungsstelle. Es gibt nur einen winzigen editionsgeschichtlichen Hinweis am rechten Rand: »1926: Wolf zu Wolf ersetzt durch: der Wolf zur Wölfin.« Warum? Keine Fußnote, keine Erläuterung. Doch das alles lässt sich ganz einfach erklären.

Erstens: Hitler hat den ersten Band von »Mein Kampf« als bayerischer Staatsschreiber wohlversorgt auf der schönen Feste Landsberg geschrieben. Die musste er aber noch vor Weihnachten 1924 verlassen, das Staatsstipendium war vorzeitig ausgelaufen. Zweitens: Den zweiten Band schrieb er versteckt in den Bergen, abgeschieden von der Öffentlichkeit und dazu auch unter Pseudo­nym. Hitler nannte sich »Dr. Wolf«. Drittens: 1926 fiel ihm auf, dass »Wolf zu Wolf« ihn selbst in den Verdacht bringt, sich gleichgeschlechtlich zu verpaaren. Und das wollte er schon wegen Röhm nicht, den er deswegen 1934 erschießen musste. Also: »der Wolf zur Wölfin«. Das bedarf viertens äußerster Diskretion vor allem durch ein Institut für Zeitgeschichte: 1931 traf er sich als Dr. Wolf auf dem erwähnten Dampfer mit dem Emil Georg Ritter von Stauß vom Vorstand der Deutschen Bank, den Hitler nur mit Mühe abhalten konnte, sofort zur ­NSDAP überzulaufen. Als Reichstagsmitglied der Deutschen Volkspartei schien der ihm nützlicher.

Der Führer wäre dem Reservehauptmann Hartmann nicht schon wieder entkommen, hätte der an diesem neuralgischen Punkt eine ordentliche Fußnote in Stellung gebracht. Aber ein deutsches Institut für Zeitgeschichte hat sich schon gar nicht für Beziehungen von Banken und Industrie zu Hitler zu interessieren. Das war Sache der Zonenhistoriker, und die sind seit der Wiedervereinigung abgeschafft.

Nicht einmal im Namensregister hätte Ritter von Stauß oder sonst so einer etwas zu suchen. Aber es ist ja nicht alles schlecht an dieser Prachtausgabe – die Editoren haben sich viel Mühe gemacht.

Eier der Kolumbusse

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Über allen Büchern: Die »Mein-Kampf«-Edition des IfZ in einer Münchner Buchhandlung

So finden wir im Namensregister das korrekte Lemma »Kolumbus, Christoph (1451–1506)«. Auf der angegebenen Seite findet sich eines der geflügeltsten Führerworte: »Es liegen die ›Eier des Kolumbus‹ zu Hundertausenden herum. Nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen« – in dieser Edition aber doch. Denn der Kommentar erläutert auch noch in seiner Anmerkung treffsicher: »Geflügeltes Wort im Sinne einer überraschend einfachen Lösung für ein scheinbar unlösbares Problem« – usw. auf insgesamt 29 Zeilen, was tut man nicht alles, um Führers Sinnsprüche verständlich zu machen. Allerdings fehlt das Stichwort Verkehrswesen zum Auffinden der Kolumbusse.

Nicht so einfach ist es dagegen, mit Hilfe des Registers den Ursprungsort aktueller fremdenpolitischer Äußerungen grüner Oberbürgermeister, die endlich voll erbraunt sind, zu entdecken. Das ist der Tübinger Stadtchef Boris Palmer: »Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.« Professoren sagt er. Im Plural. Aber auch wenn es nur drei Professoren mit je zwei blonden Töchtern sind, dann stehen, das kann sich Palmer ja selbst ausrechnen, immer noch je zehn arabische Männer vor je einer blonden Tochter eines grünen Professors Schlange.

Der »lauernde Judenjunge«

Das kenn’ ich doch. Aber waren die Töchter dort im Urtext schon im Plural? Ich weiß es nicht. Da kann man im Register – blonde Töchter sind dort kein Lemma, grüne Professoren auch nicht – graben, was die unvermeidlichen Assoziationen hergeben: Mädchen, blond, Unschuld, keusch, Araber, Neger, Vergewaltigung – so finde ich des Obergrünen Ursprungsspruch nicht. Da hilft wieder nur blättern, blättern, blättern im Hitler-Text mühselig und geduldig. Und siehe auf Seite I,344 da steht er, so wie ich ihn schon vor Palmer kannte: »Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt. Mit allen Mitteln sucht er die rassischen Grundlagen des zu unterjochenden Volkes zu verderben.« Das triff es aber noch nicht ganz, denn Palmer spricht politisch korrekt noch nicht wieder von Juden, sondern erst mal von Arabern. Aber Hitler weiß: Der eine hilft dem anderen beim Aufsaugen unserer Rassenreinheit. Und das könnte auch die Silvesternacht in Köln erklären mit der Massenvergewaltigung unserer blonden Frauen durch – anders als beim Oktoberfest – Unbefugte.

Dabei lässt er sich auch helfen, wie wir jüngst in Köln sahen: »Juden waren es und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Ziele, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardisierung« – auch die steht nicht im Register, und nicht einmal das für Hitler so wichtige Lemma »Bastard«.

Allerdings ist bisher das ahnungslose Mädchen von Hitler nicht als blond beschrieben. Und auch Palmer fragt empört zurück: »Soll ich das Wort ›schwarzhaarig‹ verwenden, wenn ›blond‹ gesagt wurde?« Muss er nicht. Denn Hitler nennt schließlich die korrekte Haarfarbe: »Planmäßig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen, jungen blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann.«

Schließlich bringt der grüne Oberbürgermeister noch etwas durcheinander: »Das« – die blonden Töchter der grünen Professoren – »mit Höcke in Verbindung zu bringen, ist einfach nur infam.« Richtig, nicht der kleine Imitator von der AfD ist seine Bezugsperson, sondern der Führer selbst. Niemand sollte ihm den Höcke antun, da doch Adolf Hitler in dieser Prachtedition des Instituts für Zeitgeschichte zur Verfügung steht.

»Parasiten und Schmarotzer«

Völkerparasiten. Gut, dass ich sie soeben gefunden habe. Im Register stehen sie nicht. Auch nicht als einfache Parasiten. Dabei ist ihre Bekämpfung für die moderne deutsche Sozialpolitik ungeheuer wichtig. Niemand weiß das besser als Wolfgang Clement, der Kuratoriumsvorsitzende der mächtigen Volksaufklärungs- und Propagandatruppe »Neue Soziale Marktwirtschaft«. 2005, da war er noch SPD-Wirtschaftsminister aus dem Schröder-Klan, ernannte Clement die unter seiner Mitwirkung neu entstandenen Hartzviermenschen kurzerhand zu Schmarotzern und Parasiten. Im Grundsatzwerk seines Ministeriums (»Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, ›Abzocke‹ und Selbstbedienung im Sozialstaat«) kam er zu dem Ergebnis: »Biologen verwenden für Organismen, die auf Kosten anderer leben, die Bezeichnung ›Parasiten‹.« Und dann unterstrich er selbst in der Chemnitzer Freien Presse, er könne es nicht zulassen, dass Menschen auf Kosten anderer lebten: »Das nenne ich parasitäres Verhalten«. Es gebe Untersuchungen, so legte er nach, dass mindestens 20 Prozent der Langzeitarbeitslosen nicht berechtigt seien, Arbeitslosengeld II zu erhalten. Somit hatten wir damals mindestens 1,1 Millionen Parasiten im Land. Da gebe es nichts zurückzunehmen, meinte der Minister. Er müsse doch sagen können, »wie es ist«.

Adolf Hitler meinte noch, es sei »der Jude«, der als »Parasit im Körper anderer Völker« auftrete. Hitler erläuterte: »Er ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: Wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.«

Wesentlich einfacher ist eine der fürchterlichsten, wenn auch in einer scheinbaren Vergangenheit versteckte Ankündigung Hitlers unter dem einsichtigen Stichwort »Juden, Giftgas« zu finden: »Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mussten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen.«

Diese kaum versteckte Drohung aus dem zweiten Band von 1925 mussten wir nur noch auf Auschwitz hochrechnen. Doch da bewähren sich die metaphorischen Talente des Oberherausgebers und seiner Gehilfen. Fußnote 73: Ja, diese »radikale Rhetorik« habe es gegeben, »dennoch dürfte es Mitte der 1920er Jahre noch keinen vorgefassten Plan zur Ermordung der Juden gegeben haben«. Ja, Hitler hat damals einfach den Mund zu voll genommen.

Dabei schaut sogar das Register durchaus in die Zukunft: Zwar gibt es dort selbstverständlich keinen Reichstagsbrand – ach, hätte doch das Institut das für Hitler verpulverte Geld in einer unparteiischen Untersuchung über die einst von ihm mitverbreitete These über die Naziunschuld an diesem so nachhaltigen Feuer angelegt. Aber die »Reichstagsbrandverordnung (Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat) vom 28.2.1933«, die steht im Register gleich dreimal.

Und sogar Hans Globke kommt nicht vor. Müsste er aber. Denn sein Mitkommentator der Nürnberger Rassengesetze vom 15.9.1935, Wilhelm Stuckart, findet in einer 77zeiligen Fußnote viel Platz neben diesem Hitler-Satz: »Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muss eines Tages zum Herren der Erde werden.«

Mit Palmer haben wir da heute wieder Chancen. Und Globke hatte daran schon in der Demokratie von Weimar gearbeitet. Bereits 1932, also bevor Hitler an die Macht gehoben wurde, erarbeitete der Beamte Globke im Innenministerium Richtlinien zur Behandlung von Namensänderungen; er forderte, dass der Familienname »der Kenntlichmachung der blutmäßigen Zusammenhänge« diene. Wörtlich schrieb Globke: »Bestrebungen jüdischer Personen, ihre jüdische Abkunft durch Ablegung oder Änderung ihrer jüdischen Namen zu verschleiern, können daher nicht unterstützt werden.«

Stuckart erwähnen und über Globke schweigen. Mit dieser Dienstleistung hat das Institut für Zeitgeschichte einen entschiedenen Beitrag zum Schutz auch des Hitler nachfolgenden Staatswesens erbracht. Konrad Adenauer wollte das schmutzige braune Wasser nicht wegschütten, solange er keines hatte, das er für sauberer als Globke hielt. Der Erfolg, dank Globke: In der Bonner Republik gab es mehr NSDAP-Beamte als je zuvor auf demselben Territorium unter Hitler. Eine Glanzleistung. Führer’s Traum hat sich erfüllt.

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel. Unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser, 1948 Seiten, 2 Bände, 59 Euro

Otto Köhler schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 13. und 15.2 über den anschwellenden Bocksgesang rechter Intellektueller in der Bundesrepublik

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