Aus: Ausgabe vom 15.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Klima im roten Bereich

NASA-Bericht: Globale Durchschnittstemperatur sprunghaft gestiegen, auch die Treibhausgaskonzentration der Atmosphäre nimmt im Rekordtempo zu

Von Wolfgang Pomrehn
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Kohlendioxid sorgt für globales Tauwetter: Aktuelle Temperaturspitzen Resultat der CO2-Werte der 80er Jahre

Die globale Durchschnittstemperatur hat im Februar erneut einen Satz nach oben gemacht. Das geht aus den am Wochenende veröffentlichten Daten der US-Weltraumbehörde NASA hervor. Deren Goddard Institute for Space Studies in New York analysiert seit den 1990ern fortlaufend die Datensätze Tausender Klimastationen, Wetterbojen und Schiffsmessungen und berechnet daraus globale Mittelwerte für die Monate und Jahre, zurückreichend bis 1880.

Um beachtliche 1,35 Grad (Celsius) lag der Februar über dem Referenzwert, für den die NASA-Wissenschaftler den jeweiligen Mittelwert der Jahre 1951 bis 1980 nehmen. Damit war der zweite Monat des Jahres um 0,47 Grad wärmer als der Februar 2015 und 0,46 Grad wärmer als der bisherige Rekordhalter, der Februar 1998. Das klingt nicht nach viel, ist aber für einen globalen Mittelwert ein gewaltiger Sprung. Dahinter verbergen sich enorme Veränderungen in der Energiebilanz des Planeten. Der Anstieg ist der mit Abstand größte seit dem Beginn der Aufzeichnungen.

Schon die Werte der Vormonate seit Oktober waren außergewöhnlich und lagen erheblich über dem Durchschnitt (der Abweichungen) des Gesamtjahres 2015. Das wiederum war ohnehin das wärmste bisher registrierte Jahr. Entsprechend stechen auch die Temperaturwerte des Winters auf der Nordhalbkugel 2015/2016 aus den Daten hervor. Die Durchschnittstemperaturen der Monate Dezember bis Februar lagen den NASA-Berechnungen zufolge um 1,2 Grad über dem Referenzwert. Der vorherige Rekord war erst im Winter 2014/2015 mit einem Plus von 0,82 Grad aufgestellt worden. Auch dieser Sprung von 0,38 Grad ist der mit Abstand größte in der Datenreihe der zurückliegenden 136 Winter.

Was bedeuten diese Zahlen? Kurz gesagt, es wird langsam eng. Langform: Die Staaten der Welt haben sich auf den Klimakonferenzen darauf geeinigt, dass die globale Erwärmung unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bleiben gehalten werden muss, damit die Auswirkungen des Klimawandels in einem erträglichen Rahmen bleiben. Auf der letzten Konferenz vor drei Monaten in Paris wurde außerdem vereinbart zu prüfen, ob diese Schwelle nicht abgesenkt werden muss. Viele Wissenschaftler halten die Zweigradgrenze für zu hoch und gehen eher von 1,5 Grad aus, die nicht überschritten werden sollten. Besonders die schwindende Stabilität der Eismassen auf Grönland und rund um den Südpol macht ihnen Sorgen: Bei einem Plus von zwei Grad könnte bereits die Schwelle überschritten werden, jenseits der in den folgenden Jahrhunderten der größere Teil des Eises abtauen und der Meeresspiegel damit um viele Meter steigen würde.

Verursacht wird der Klimawandel von verschiedenen Treibhausgasen, von denen das Kohlendioxid mit Abstand das wichtigste ist. Es wird durch Entwaldung und vor allem durch die Verbrennung von Kohle, Koks, Diesel, Kerosin, Benzin, Erdgas und ähnlichem freigesetzt. Das Gas entsteht auch bei einigen industriellen Prozessen wie dem Brennen von Zement. Ungefähr die Hälfte des CO2-Ausstoßes wird in der Atmosphäre angereichert und verbleibt dort für viele Jahrhunderte bis Jahrtausende. Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen diese Emissionen also drastisch eingeschränkt und in den nächsten Jahrzehnten möglichst rasch vollständig beendet werden.

Nun bedeutet ein global warmer Winter noch nicht, dass das Weltklima sich jetzt auf diesem höheren Niveau eingependelt hätte. Die globale Mitteltemperatur verändert sich ein wenig im Jahresverlauf und schwankt auch von Jahr zu Jahr. Den Temperaturanstieg kann man sich eher als ein Zittern von Stufe zu Stufe vorstellen, wobei die jüngste Stufe besonders hoch war und uns bereits in eine bedenkliche Situation bringt. Im Vergleich zu den 30 Jahren um die vorletzte Jahrhundertwende, in denen die Industrialisierung und mit ihr der Ausstoß von Treibhausgasen noch eher in den Kinderschuhen steckte, war der Februar 2016 schon um 1,61 Grad und der vergangene Winter um 1,49 Grad wärmer.

Nicht beruhigend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich die Anreicherung der Treibhausgase in der Erdatmosphäre erst mit vielen Jahren Verzögerung bemerkbar macht. Verschiedene Komponenten des Klimasystems wie Vegetation, Ozeane und Eismassen brauchen oft Jahrzehnte, einige sogar viele Jahrhunderte, um sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Was wir im Augenblick sehen, ist eher der Effekt der Treibhausgaskonzentration der 1980er Jahre, als diese noch rund zehn Prozent niedriger als heute war. 2015 ist die CO2-Konzentration übrigens so schnell wie nie zuvor seit Beginn der Beobachtungen in den 1950er Jahren angestiegen.

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Umwelt, Erde, Mensch Klimawandel, der Angriff auf die Biosphäre

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