Aus: Ausgabe vom 14.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Keine Angst vor gar nichts

Mach melodiös, was dich kaputtmacht: Die Woog Riots widmen ihr neues Album der NSA und Edward Snowden

Von Christof Meueler
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Ihre Lieder klingeln in den Ohren: Silvana Battisti und Marc Herbert

George Harrison, der zweite tote Beatle. Von dem immer weniger geredet wird als von den anderen. Er ist der Lieblingsbeatle der Mütter von Silvana Battisti und Marc Herbert, den beiden Musikern der Woog Riots aus Darmstadt. Der Band, von der auch immer noch viel zu wenig geredet wird.

»George Harrison« ist das dritte Lied ihres vierten regulären Albums, das nach einem anderen berühmten Briten benannt ist: »Alan Rusbridger«, dem früheren Chefredakteur des Guardian, der Londoner Tageszeitung, die die Enthüllungen von Edward Snowden über die All-inclusive-Überwachungspraktiken der USA und Großbritanniens gedruckt hatte. Rusbridger musste anschließend zugucken, wie der britische Geheimdienst in die Redaktion kam und Festplatten von Computern zerstörte.

Das war höchst symbolisch. Auf dem Cover der neuen Platte der Woog Riots liegt eine Festplatte wie im Wald weggeworfen herum. Eine grüne Plantine im grünen Moos. Das sieht merkwürdig aus und wirkt wie ein 90er-Jahre-Zitat, wie ein altes Cover des L’Age-D’Or-Labels. Andererseits weist das Tarnfarbengrün darauf hin, dass nicht nur die Computertechnologie, wie wir ja alle wissen, militärischen Ursprungs ist, sondern dass der Militärisch-Industrielle Komplex die Politik immer unverblümter vor sich hertreibt. »Ernstfall es ist schon längst soweit / Ernstfall Normalzustand seit langer Zeit« hatten die Fehlfarben 1980 gesungen. Lange dachte man: voll übertrieben. Heute denkt man: Nichts wirkt so übertrieben wie die Realität.

»People working with computers« heißt ein früherer Smash-Hit der Woog Riots, die dann auf teuflische Weise doch keine werden (weil es in der Musikindustrie genausowenig Gerechtigkeit gibt wie im Fußball). 2008 besangen sie darin entfremdete Büromenschen hinter Rechnern auf Holztischen, die darauf warten, dass andere Büromenschen sie anrufen. Das klang lustig, war aber traurig, weil die Gesellschaft eben nicht lustig ist. Auch wenn die Woog Riots sehr charmant auftreten, sind sie politisch doch sehr bestimmt – »für die Sache der Linken«, wie Ulrike Meinhof das einmal genannt hat. Und weil sie dafür keiner Indiefirma etwas schuldig sein wollen, bezahlen sie ihre Platten selbst – auf ihrem eigenen 2013 gegründeten Label From Lo-Fi To Disco.

Allgemein verfügen die Woog Riots über zwei besondere Fähigkeiten, die sie wie ein überraschendes UFO aus den Schrottlandschaften hiesiger Musikproduktionen emporfliegen lassen. 1.) Sie wissen, wie man Ohrwürmer spielt. Ihre Lieder klingeln in den Ohren. 2.) Sie wissen, wie man Lyrics schreibt. Sie haben einen ausgesucht prosaischen Zugang zur Songtextliteratur.

Die großen Probleme (die Liebe, der Kapitalismus) werden von ihnen direkt angegangen, in einem Englisch, das jeder ab der neunten Klasse verstehen kann. Einfach und originell zu sein, locker und exemplarisch, das ist für viele kaum zu schaffen. Für die Woog Riots scheint das kein Problem zu sein. Hermann L. Gremliza zum Mitsingen, Ernest Hemingway zum Fingerschnipsen.

Die Tatsache zum Beispiel, dass George Harrison der Lieblingsbeatle ihrer Mütter ist, ist für die Woog Riots eine Information, die die NSA gerne haben kann. Sie muss sich nichts drauf einbilden. Bisher ist auf allen Alben der Band ein Beatle besungen worden. Dieser hier hatte noch gefehlt. Die NSA werden als Trenchcoat tragende Männer, die wissen wollen, woher der Wind weht, skizziert. Ähnlich wie diese Apparatschiks schon von Bob Dylan in seinem »Subterranean Homesick Blues« 1965 verhandelt wurden, nach dem sich die Weathermen in den USA benannt hatten. Diese politische Untergrundgruppe erklärte damals, sie bräuchten keinen Wettermann, um zu wissen, woher der Wind weht.

Über Alan Rusbridger singen die Woog Riots im Titellied der neuen Platte schlicht und ergreifend: »I got a voice / I got a voice / I got a voice«. Das ist das offene Geheimnis in der sogenannten Informationsgesellschaft, in der viele meinen, sie hätten nichts zu melden, da sie die Daten nicht mehr kapieren. Für Edward Snowden singen die Woog Riots ein Lied über den Flughafen, auf dem er politisches Asyl beantragt hat: »Moscow Domodedovo«. Bei den Woog Riots gilt der musikalische Grundsatz: Mach melodiös, was dich kaputtmacht. Und so singen sie dann auch: »Gent, Gent, Gentrifi – cation / big sell out for a brave new world«. Es gibt auch ein Lied für Joseph Beuys. Dessen Kunstansatz ist bei dieser Band Konzept: Alles zusammenpacken, keine Angst vor gar nichts. Oder wie es die MC5 zur Zeit der Weathermen formulierten: Du hast fünf Minuten zu überlegen, willst du Teil des Problems sein oder Teil der Lösung?

Die Woog Riots haben allerdings fünf Jahrzehnte zur Verfügung, um sich etwas für ihre Musik auszusuchen. Sie nehmen die Beatles der 60er, Britpop der 80er (die nervöse, nicht die pathetische Fraktion: zu finden auf dem »C86«-Sampler) und den Antifolk der Nuller. Anfänglich klang das bei ihnen etwas zu sehr nach Kabinettstückchen, nach naiver Poplautmalerei mit lustigen Instrumenten wie Melodica und Omnichord. Doch dann entdeckten sie für ihre dritte Platte »Post Bomb Chronicles« (2012) den strengeren New und Dark Wave der 80er, was dieses Album zu einer krassen Zeitreise machte, in die Kühle und in das Dunkle einer Popmusik, die jeden Moment die atomare Apokalypse erwartete.

»Alan Rusbridger« ist nun die Synthese all dieser musikalischen Erfahrungswerte. Rock it don’t stop it. Auf betörende Weise zuppeln die Woog Riots an freundlichen Melodien herum, doch darunter brummt und brodelt es. Mitproduziert hat Jörn Wuttke von Alter Ego, einem Duo für angewandte Electronica aus dem Rhein-Main-Gebiet. Da klingen digitale Klanghölzer neben dem Micro-Korg und diversen Sixties-Zitaten. Das Einfache ist hochkomplex und sehr überlegt.

Woog Riots: »Alan Rusbridger« (From Lo-Fi To Disco/ Broken Silence)

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Geheimdienste Schattenpolitik: Leichen im Keller

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