Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein neuer Tag, kein neues Leben

Von Karsten Redmann
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(1) Wieder ein Tag – einer, wie jeder andere auch, denn einer folgt auf den anderen, und alle, alle sind sie gleich, ja, gleich, ohne Unterschied, identisch sozusagen. Warum ich das denke? Weil ich die Tage eben so erlebe – nichts weiter. Ein Tag gleicht da dem anderen, wie ein Ei dem anderen. So sagt man doch: Ein Ei gleicht dem anderen. Ich habe diesen Satz in meinem Leben schon oft gehört. Und genau so ist es auch mit den Tagen: Ein Tag gleicht dem anderen.

(2) Letzte Nacht saß ich lange vor dem Fernseher. Jetzt ist es kurz vor 12. Die Wohnung ist still. Da ist kein Geräusch. Ich stehe auf, so wie immer, und mache mir einen Kaffee, einen Filterkaffee. Ich trinke gerne Filterkaffee. Mit dem Kaffeebecher in der Hand setze ich mich vor das Aquarium im Wohnzimmer und betrachte die Goldfische. Es sind 20 an der Zahl. Ich studiere ihre Unterschiede und denke über ihre jeweiligen Charakterzüge nach. Nach einer Weile beschließe ich, meinen Gedankengang zu beenden, und beende ihn auch – denn manchmal führt einen das Denken nicht weiter, sondern hält nur auf.

(3) An einer Kunsthochschule habe ich studiert. Malerei auf Diplom. Aber das ist lange her, vielleicht sieben oder acht Jahre. Genau kann ich es nicht sagen, nicht mit Bestimmtheit. Früher, so denke ich heute, hatte ich einen ambitionierten, ja, sezierenden Blick auf die Welt, einen analytischen Zugang. Konnte die Dinge unterscheiden. Konnte sagen: Das hier ist wichtig, jenes nicht. Aber irgendwie ist mir dieser differenzierende Blick mit der Zeit abhanden gekommen. Nicht im Studium, nein, später war das. Etwas später.

(4) Keine E-Mail im Postfach, kein Anruf. Ich gehe von einem Zimmer ins andere, entdecke kleinere und größere Arbeiten, die noch zu erledigen wären, aber ich erledige sie nicht. Nicht jetzt. In Gedanken formuliere ich eine Haltung zu den Dingen. Ich sage mir: Es gibt Wichtigeres, halte mich an der Formulierung fest, und beginne aus dem Fenster zu schauen. In der Scheibe spiegelt sich ein Teil meines Gesichts. Ich betrachte es eine Weile, versuche zu lächeln, schaffe es nicht. Plötzlich fliegt ein Vogel gegen die Scheibe – ich schrecke auf. Vorsichtig öffne ich die Tür zum Balkon. Die Amsel auf dem Boden ist tot. Da ist keine Bewegung. Ich ziehe Handschuhe an und werfe den Vogel in den Müll. Früher hätte ich das nicht getan, denke ich. Früher hätte ich den toten Vogelkörper erst auf den Tisch gelegt und dann eine Tuschezeichnung von ihm angefertigt.

(5) Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Zettel, daneben ein Stift. Ich betrachte beide Gegenstände und muss wieder an meine Ideen von heute morgen denken, an die Tage, die vergehen und sich nicht voneinander unterscheiden. Auch muss ich an weißes Papier denken. Ich denke, dass die Tage wie weiße unbeschriebene Blätter Papier sind. Und dass sie sich durch nichts Besonderes auszeichnen. Und dass Hunderte weiße Blätter Papier auf unserem Wohnzimmertisch liegen – ungeordnet, versteht sich. Chaos wirbelt in meinem Kopf. Ich will auf andere Gedanken kommen, mache mir auch andere, neue. Auch über den Vogel denke ich nach, aber nur kurz. Schließlich füttere ich die Goldfische. Ist heute Dienstag? frage ich mich. Und dann, was das zu bedeuten hätte, und ob es einen Unterschied macht. Die Balkontür ist halb geöffnet, ich höre den Lärm der Straße und leises Vogelgezwitscher. Ein Vogel weniger, denke ich. Von den Bäumen fällt Laub. Über das Kopfsteinpflaster fahren Fahrräder, Schutzbleche scheppern. Wie spät es wohl ist?

(6) Ich gehe nach draußen, gehe in Gedanken meine Einkaufsliste durch, kaufe alles Notwendige ein, komme zurück, setze mich an den Rechner, fahre ihn hoch, warte ab. Dann: Eine neue E-Mail im Posteingang. Eine Werbe-Mail. Ich solle etwas kaufen, was ich nicht gebrauchen kann. Ich lösche die Mail und suche im Internet nach anderen Themen. Ich finde Themen, genug Themen für ganze Tage, Wochen und Monate. Es klingelt. Nein, nicht an der Tür. Es ist das Telefon. Ich nehme den Hörer ab und sage meinen Namen. Ich sage vielleicht zu oft ja und nicke dabei; ich kann mein Nicken im Spiegel beobachten. Der Spiegel hängt über dem Tisch. Meine Art zu nicken gefällt mir nicht – ich sollte es verändern oder ganz abstellen. Am Ende des Telefonats verabreden wir, der Anrufer und ich, eine Zeit.

(7) Mit der neuen Zeit im Kopf gehe ich im Zimmer umher und erinnere mich an eine E-Mail, die ich vor Tagen geschrieben habe. Deswegen wohl der Anruf. Ich hatte mich auf irgendeinem Jobportal auf eine 450-Euro-Stelle beworben, Logistikbranche, das heißt: Pakete schleppen für einen Mindestlohn. Acht Euro 50 die Stunde – ich erinnere mich genau. Der Name der Firma bestand nur aus zwei Buchstaben: A und B, oder A und C. Keine Ahnung, ich weiß es nicht mehr, war mir damals egal, und ist mir jetzt auch egal. Kennen Sie das GVZ? hatte der Typ am Telefon gefragt, und ich hatte ja gesagt, obwohl das nicht stimmte. GVZ? Immer diese Abkürzungen. Was soll das sein? Ich sehe nach.

(8) Auf die Internetsuchmaschine ist Verlass – einer der vielen Einträge informiert mich über das GVZ: Güterverkehrszentrum meint die Abkürzung. Es soll das größte seiner Art in Deutschland sein, fast fünf Quadratkilometer umfassen, und damit mehr als doppelt so groß sein wie die Fläche des Fürstentums Monaco. Als ich »Monaco« lese, muss ich schmunzeln. Ich schiebe den Zwergenstaat mit einem neuen Gedanken weg. Denn ich brauche Platz, Platz für weitere Bilder im Kopf. Riesige Hallen und Straßen und Container sollen sich auf dem Areal befinden. Etwa 8.000 Menschen sollen dort beschäftigt sein. Verrückt, denke ich, denn ich hatte vorher noch nie davon gehört. Und gut, denke ich, denn jetzt weiß ich ja Bescheid. Und weil ich Bescheid weiß, starte ich Google Maps und suche auf der virtuellen Karte den Adresspunkt des Personaldienstleisters. Ich finde den markierten Punkt und drucke sämtliche Informationen aus. Dann lege ich die beiden Zettel mit den Informationen auf den Tisch.

(9) Lange Zeit betrachte ich die beiden Zettel und fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken an ein kurzfristig anberaumtes Vorstellungsgespräch. Ich gehe rüber in Lisas Zimmer und füttere ihren Hamster. Es ist ein Goldhamster. Lisa liebt ihren Goldhamster, hat ihn von ihren Großeltern zu Weihnachten geschenkt bekommen. Ich war von Anfang an gegen den Hamster, aber Doris und Lisa haben mich einfach überstimmt. Das passiert oft, öfter als mir lieb sein kann. Nachdem der Hamster gegessen und getrunken hat, läuft er los, läuft auf der Stelle, weil er in einem roten Plastik-Hamsterrad die kleinen Beine in Bewegung setzt. Das sieht lustig aus. Irgendwann wird es mir aber zuviel: Ich lege ein schwarzes Tuch über den Käfig, und höre wie sich das Tier langsam beruhigt. Wie hieß noch mal die Ansprechperson des Personaldienstleisters? Tacke? Hacke? Ich hätte mir den Namen aufschreiben sollen. Ich frage mich: Werde ich dem ganzen überhaupt gewachsen sein, wäge ab, treffe eine Entscheidung für ein Gespräch, denn ich brauche ja das Geld, wir brauchen ja das Geld, da gibt es kein vielleicht, oder Wenn und Aber. GVZ, A und B, wie auch immer, ich muss da hin.

(10) In der Küche hinterlasse ich einen Zettel mit einer Nachricht. Ich schreibe: »Liebe Doris, ich habe gleich einen wichtigen Termin, kann aber Lisa um halb fünf vom Kindergarten abholen. Also alles kein Problem! Bis nachher dann, Thomas.« Ich male drei Figuren (Vater, Mutter und Kind), die ein riesiges Herz tragen, greife Tasche, Schlüssel und Jacke und schließe die Wohnungstür hinter mir zu. Die Post war schon da, kein Brief im Fach, nur Werbeprospekte. Ich ärgere mich.

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(11) Laut Plan müsste ich in 34 Minuten B erreichen. Von A aus, versteht sich. A liegt im Zentrum, so wie unsere Wohnung im Zentrum liegt, und sieht jetzt genau so aus, wie ich es seit Jahren kenne: alte Backsteinhäuser, gepflasterte, enge Straßen. Laut und windig ist es, der Himmel bewölkt. Kumuluswolken. Zugvögel fliegen in Formation. Ich sehe ein großes langgestrecktes V vorbeiziehen. Eigentlich ist es immer gleich hier, denke ich. Mir ist immer alles gleich hier. Und heute? Heute geht es mir nicht anders.

(12) Unten am Fluss wird es stiller. Ich fahre an der langgestreckten Mauer mit den Graffiti vorbei. Bunt leuchten sie zu meiner Rechten. Es riecht nach Flusswasser, Malz und Kaffee. Frachtschiffe, mit Öl und Kohle beladen, fahren in Richtung Norden. Ihre Motoren tuckern regelmäßig. Dieselgeruch steigt mir in die Nase. Ich fahre auch an der Brauerei vorbei, und denke nach, denke weiter und weiter nach, denke über Zahlen nach, denke an Kontostände und Möglichkeiten. An Kunst denke ich nicht. Denn meine Kunst führt ein Schattendasein. Eine Liedzeile von Bernd Begemann kommt mir in den Sinn. Ich glaube, die geht so: »Schluss mit dem Quatsch, jetzt wird Geld verdient, die Schule ist vorbei, ab morgen sind wir frei.« Ich singe diese Zeile immer und immer wieder. Dann denke ich an andere Dinge. Das Denken hört einfach nicht auf. Bei mir hört das Denken nie auf, es ist wie ein Sog. Ich sollte weniger denken. Ich nehme mir vor, in Zukunft weniger zu denken.

(13) GVZ lese ich auf einem Schild. Hier bin ich richtig, denke ich. Ich sehe weitere Schilder auf denen Begriffe stehen, die ich kenne, gleiche sie ab, kreuze viele große Straßen, komme gut voran. Aber ich schwitze auch, viel Schweiß sammelt sich unter meinen Achseln. Hin und wieder wische ich mit dem Ärmel über meine Stirn. Du hast Zeit, sage ich mir. Drei Uhr. Das müsste doch zu schaffen sein. Vor meinem inneren Auge sehe ich wieder die Zeichnung mit den drei Figuren: Ich sehe Doris, Lisa und sehe mich selbst. Das Herz ist riesig. Größer als wir alle drei zusammen. Plötzlich ein Lichtsignal, eine rote Ampel. Ich halte an, spüre meinen Puls.

(14) Die Zahl der Lastwagen nimmt zu. Schnell nehmen sie Überhand. Ihre riesigen Schriftzüge wischen vorbei. Ich bin der einzige Radfahrer weit und breit. Ich trete fest in die Pedale. Die ölige Kette läuft rund, rund über die in der Sonne blitzenden Chromritzel, ein leises Rauschen neben meinen Fußknöcheln. Jetzt schalte ich einen Gang höher, überhole einen Wagen. Ein riesiges geschwungenes »M« steht auf der LKW-Plane.

(15) Beim Weiterfahren denke ich über das »M« hinaus, und frage mich, wie die Leute wohl in Monaco leben. Sicher mondän, denke ich, und dass das GVZ wohl das Gegenstück von Monaco ist, das Gegenteil von mondän, obwohl die Lastwagen hier wohl aus aller Herren Länder kommen – aus Polen, Griechenland, Portugal, und, und, und. Aber im Gegensatz zu Monaco will hier keiner bleiben. Ich ja auch nicht. Warum auch? Hier gibt es nichts zu sehen, außer Hallen, Straßen, Kränen, Gleisen und Containern. Ein Gebäude gleicht dem anderen.

(16) Viele Straßen hier sind nach Politikern benannt. Eine, die längste, heißt Ludwig-Erhardt-Straße. Ich trete in die Pedale und sehe das Gesicht von Erhardt vor mir, ein rundliches Gesicht, nicht unsympathisch. Aber Ludwig Erhardt und acht Euro 50 wollen in meinem Kopf einfach nicht zusammengehen. Ich muss wieder stehenbleiben und die Karte zu Rate ziehen. Mit dem Finger suche ich auf einem der ausgedruckten Zettel den schnellsten Weg, kann mich aber schlecht orientieren. Mir fehlt der Maßstab. Dann fahre ich los, fahre schneller und schneller und finde mich doch immer weniger zurecht. Es ist verrückt. Ich frage die wenigen Leute auf der Straße: einen Gärtner, einen Pförtner. Aber alle schütteln sie den Kopf. Einer behauptet sogar, dass es diese Straße nicht gäbe. Er sagt: »Ich arbeite hier seit über zwanzig Jahren und habe diesen Namen noch nie gehört.«

(17) Nach einer Weile sehe ich auf die Uhr – erschrecke: Es ist kurz vor drei. Verdammt, ich muss mich beeilen, darf nicht zu spät kommen. An einer Kreuzung, die aussieht wie alle anderen Kreuzungen auch, lese ich plötzlich den gesuchten Namen. Endlich. Kann es aber kaum glauben, kaum fassen, dass ich hier richtig bin, lese den Straßennamen zweimal, dreimal, ja viermal, um sicherzugehen. Und doch: Das ist genau der Senatorenname, den ich die ganze Zeit gesucht habe. Ich schließe mein Fahrrad an einem der hohen Zäune fest und gehe zum Gebäude, das, wie sollte es anders sein, ebenfalls eine riesige Halle ist. Diese hier ist gelb, wie eine Zitrone gelb ist, und erinnert mich aufgrund ihrer Farbe und ihrer Form an einen riesigen Postkarton. Auf dem Klingelschild lese ich: A und C – und drücke die Taste. Ein Surren. Ich öffne die Tür.

(18) Ich trete ein und stehe jetzt in einem schmalen Gang, Türen gehen nach links und rechts ab. Ich versichere mich der Uhrzeit: Es ist eine Minute vor drei. Gut, denke ich, das ist gut. Sehr gut sogar. Ich wische mir den kalten Schweiß aus dem Gesicht. Die Wände sind weiß. Ich gehe den Gang entlang und lese die Namen auf den Türschildern. Viele Schilder mit den dahinterliegenden Räumen gehören der Firma A und C. Dann lese ich den Namen: Bertram Hacke, erinnere mich, und klopfe gegen das Türblatt. Nichts tut sich. Ich warte. Klopfe, klopfe etwas fester. Ich versuche die Tür zu öffnen, merke aber, dass sie verschlossen ist.

(19) Ich gehe zur nächsten Tür. Klopfe. Warte. Der Name einer Frau steht auf dem Schild. Die Tür öffnet sich und ein Mann taucht auf – er fragt mich, nicht unfreundlich, was ich will. Ich erkläre ihm mein Anliegen, nicht ohne ein wenig unsicher zu sein. Er hört mir aufmerksam zu, bittet mich aber nicht hinein, statt dessen tritt er aus dem Raum heraus, macht einen Schritt auf mich zu, und entschuldigt seinen Kollegen. »Ihr Herr Hacke«, sagt er, »hat sich vor einer halben Stunde krank gemeldet. Also diese Woche wird das nichts mehr.« Er fragt, ob es um einen dieser Minijobs gehe, ich bejahe, und er winkt ab. »Da haben wir keinen Bedarf mehr, junger Mann«, sagt er, »das tut mir echt leid für Sie.« »Und jetzt?« frage ich. Er hält kurz inne, sagt: »Wir melden uns bei Ihnen, falls wir wieder jemanden brauchen. Aber wie gesagt, im Moment brauchen wir keine Aushilfen. Wir melden uns bei Bedarf. Schönen Tag noch.« »Ihnen auch«, sage ich, ohne Nachzudenken, und sehe, wie er mir den Rücken zuwendet und die Tür hinter sich schließt.

(20) Stille flutet den Gang. Ich betrachte das weiße Türblatt, wische mir erneut den Schweiß von der Stirn, und versuche mit dieser misslichen Lage bestmöglich umzugehen … Wie ich das mache? Nun, ich finde eine Lösung für genau diesen eben beschriebenen, nicht gerade positiven Sachverhalt, mache kurzen Prozess mit ihm, und verlasse das Gebäude. Und dann? Dann fahre ich mit dem Rad nach Hause und verliere über all das kein Wort. Denn es ist ja ein Tag wie jeder andere auch, und alle, alle sind sie gleich, ja, gleich, ohne Unterschied, identisch sozusagen.

Karsten Redmann, geboren 1973 in Neunkirchen (Saar), ist Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u. a. Entwürfe, Lichtungen, Konzepte, erostepost, Am Erker). Seit 2014 arbeitet er an einem Roman.

In der Ausgabe vom 24./.25.10.2015 erschien von ihm an dieser Stelle die Geschichte »Der andere«.

www.karstenredmann.de

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