Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Er erfand nicht nur den Sirtaki

Gerhard Folkerts untersucht die musikalische Poetik des Komponisten Mikis Theodorakis

Von Frank Böhme
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1987 begeisterte Mikis Theodorakis auf dem Berliner Rosa-Luxemburg-Platz die Besucher des Kulturfests der Jugend

Der Komponist Mikis Theodorakis feierte im Juli des vergangenen Jahres seinen 90. Geburtstag. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler steht sein Name für eine bemerkenswerte Korrespondenz von künstlerischem Schaffen und gesellschaftspolitischem Engagement. Umso erstaunlicher ist es, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung seines umfangreichen Werkes bisher ausblieb. Gerhard Folkerts beginnt diese Lücke zu füllen.

Auf der griechischen Insel Chios 1925 geboren, entwickelte sich Theodorakis zu einer der charismatisch-universalen Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Ob als Komponist, Sänger, Dirigent, Schriftsteller oder als streitbarer, bisweilen umstrittener, Politiker genießt er in seinem Land ein hohes Renommee.

Von seinen Landsleuten wird er für seine Liedkunst verehrt. Dem Freiheitswunsch der Griechen hat er eine musikalische Form gegeben. Viele seiner zeitlosen Lieder haben mittlerweile den Status von Volksmusik. Sie sind leicht melancholisch, haben aber auch Mitsingpotential. Sie zeugen von einer tiefen Verbundenheit des Komponisten mit seinem Land. Neben den »Hauptinterpreten« Maria Farantouri und Petros Pandis hatten und haben bekannte Künstler wie Milva, Georges Moustaki, Nana Mouskouri, Édith Piaf, Herman van Veen und viele andere mehr die Lieder von Theodorakis fest in ihrem Repertoire.

Seit den 60er Jahren nimmt die Filmmusik in seinem Schaffen einen breiten Raum ein. Mit der Musik für die Verfilmung von »Alexis Zorbas«, nach dem Roman von Nikos Kazantzakis, wurde Theodorakis auch international einem großen Publikum bekannt. Für die von Anthony Quinn grandios gespielte Tanzszene am Strand, erfindet er den Sirtaki. Eine Musik und ein Tanz, von dem man heute meint, er gehöre zum kulturellen Erbe Griechenlands.

Zu den am häufigsten gespielten Kompositionen zählt sein Oratorium »Canto General« auf der Grundlage des gleichnamigen Gedichttzyklus des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die Arbeit daran begann er 1970 nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis. Es wurde in fast allen Ländern Westeuropas aufgeführt. Theodorakis Œuvre komplettieren mehrere sinfonische Arbeiten, eine Operntrilogie, Ballette sowie einige Bühnenmusiken – in jeder Beziehung ein opulentes Werk.

Theodorakis hat seine politische Haltung mit Gefängnisaufenthalten und Folter bezahlen müssen. Während der italienischen Okkupation, dann der deutschen Aggression, im Bürgerkrieg und schließlich der Militärdiktatur. In beispielhafter Weise hat er sich durch sein künstlerisches Schaffen mit seinem und dem Schicksal Griechenlands auseinandergesetzt. Schon seine erste Sinfonie reflektiert die Wunden, die der Bürgerkrieg hinterlassen hat, und ruft zur Versöhnung auf. Gewidmet ist sie zwei Freunden, die in unterschiedlichen Lagern kämpften und ums Leben kamen. Theodorakis wurde durch seine kompositorische Arbeit und seine politische Haltung zur Symbolfigur eines ungebrochenen Widerstands, zur »Stimme des Volkes«, weit über die Grenzen Griechenlands hinaus.

Die Empathie, die Gerhard Folkerts dem Komponisten entgegenbringt, ist auf jeder Seite von »Mikis Theodorakis. Seine musikalische Poetik« spürbar. Selbst Künstler, blickt der Autor auf eine erfolgreiche Karriere als Pianist, Liedbegleiter und Musikvermittler zurück. Seit 1999 beschäftigt er sich intensiv mit dem kompositorischen Schaffen Theodorakis und hat es in unzähligen Konzerten und Konstellationen zur Aufführung gebracht.

Theodorakis hat in Folkerts einen sehr guten Zuhörer gefunden. Seine wissenschaftliche Untersuchung zeigt auf, wie die Werke aufeinander verweisen. Er analysiert die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Theodorakis gearbeitet hat, und diskutiert auf einer Metaebene die kompositorischen, ästhetischen und politischen Haltungen, die aus den Arbeiten sprechen. Folkerts unterscheidet fünf Phasen im Schaffen des Komponisten. Er macht die Leser mit vielen, auf hiesigen Bühnen selten anzutreffenden Kompositionen vertraut. Ein Großteil der besprochenen Stücke ist im Anhang als Notenausschnitt einzusehen.

Gerhard Folkerts: Mikis Theodorakis. Seine musikalische Poetik. Von Bockel Verlag, Neumünster 2015, 412 Seiten, 39,80 Euro

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