Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Das Roulette dreht sich weiter

Die Staatliche Kunsthalle in der Millionärsstadt Baden-Baden zeigt klug und poetisch eine Bildgeschichte der Ökonomie

Von Carsten Otte
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Alles soll sich in Gold verwandeln: »I’ve got it all (too)« von Anahita Razmi, 2008

Mitten in einer der reichsten Gemeinden Deutschlands steht eine goldglänzende Metallsäule. Plötzlich klackert es in der seltsamen Skulptur, dann fliegen Euro-Münzen auf die Straße. Ein Kind sieht das Spektakel, hebt die Münzen auf. Der Vater erklärt, das sei Kunst. Innerhalb der Skulptur befinde sich ein Zufallsgenerator, der in unregelmäßigen Abständen Euro-Münzen auswerfe. Das Kind ist begeistert. Diese Kunst mag es. Nebenan befindet sich die beste Eisdiele der Stadt. Doch das Eis kann warten. Vielleicht spuckt die goldene Säule ja noch mehr Geld aus. Warum, fragt das Kind, kommen keine Flüchtlinge hierher, die bräuchten doch Geld. Der Vater zögert eine Weile, dann sagt er, kein Flüchtling könne sich vorstellen, dass hier Geld verschenkt werde. Die Fragestunde aber ist längst nicht beendet. Denn das Kind will auch wissen, wer das Geld in die Säule gesteckt habe und wer das alles bezahle. Das Museum, das Land … letzten Endes, antwortet der Vater, zahle ich einen kleinen Teil von dem Geld, das du aufgesammelt hast.

»Quantative Easing (for the Streets)« heißt das Werk von Axel Stockburger, das zur Ausstellung »Gutes böses Geld« der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden gehört, die nicht nur im musealen Kontext eine kluge wie sinnliche Bildgeschichte der Ökonomie zeigt.

Banklogos bröckeln

Die Große Landesausstellung des Landes Baden-Württemberg präsentiert 120 Werke aus einem Zeitraum von 750 Jahren an sehr unterschiedlichen Orten, und das bietet sich gerade in der reichen Bäderstadt auch an: In den berühmten Prunksälen des Casinos werden etwa jene Gemälde und Skulpturen gezeigt, die sich unmittelbar mit den Zockerspielen der Finanz- bzw. auch Kunstindustrie beschäftigen. Da bröckeln in Mark Floods Arbeit »The Sponsors« die Logos internationaler Banken, da werden bei der dänischen Künstlergruppe Superflex die Hochhauszentralen jener Geldinstitute auf Blumentopfgröße reduziert, und neben Roulettetischen steht eine Vitrine mit dreckigen Sportsocken, die der Schweizer Künstler Christoph Büchel über seine Galerie für 20.000 Pfund zum Verkauf anbot. Es fanden sich Interessenten, genauso wie für Damien Hirsts hinterlistiges Werk »Gold Summer«, das Glitzerkristalle und Schmetterlinge auf goldenem Grund zeigt und das als Teil einer Serie an den antiken König Midas erinnert. Dem hatte Dionysos nämlich den gierigen und todbringenden Wunsch erfüllt, dass alles, was er berühre, sich in Gold verwandeln möge.

Damien Hirst übersetzte die Legende in die Gegenwart, indem er die Midas-Serie ohne Galerie als Zwischenhändler auf einer Auktion anbot. Das Geld sollte mehr oder weniger direkt in seine Tasche fließen, und tatsächlich generierte die Happeningauktion, die selbst zum politisch-unpolitischen Kunstwerk wurde, 198 Millionen Dollar. Am Tag der Versteigerung, nämlich am 15. September 2008, brachen die Börsen weltweit zusammen und der Beginn der internationale Finanzkrise, die sich lange Zeit zuvor schon ankündigt hatte, lieferte nun markante Medienbilder von erschöpften Brokern und entlassenen Bankangestellten.

Schauen, nicht zocken

Tatsächlich verändern die Kunstwerke die Stimmung in den Spielsälen. Das Roulette dreht sich zwar weiter, aber die Croupiers scheinen sich über die Arbeiten nicht zu freuen. Da kommen einfach zu viele Gäste, die nur schauen und nicht zocken wollen. Wie eng Kunst und Kapital miteinander verbunden sind, zeigen auch die Exponate in den zentralen Ausstellungsräumlichkeiten. In der Kunsthalle dürfen Klassiker von Andy Warhol und Joseph Beuys nicht fehlen, aber den Kuratoren um Johan Holten ging es nicht um die vollständige Darstellung unserer abendländischen Geldbildgeschichte. Vielmehr wurden einzelne, maßgebliche Positionen ausgewählt, die erzählen, wie unterschiedlich zu den unterschiedlichsten Zeiten über die Funktion und die Macht des Geldes nachgedacht wurde. Selbstbewusst zeigt sich das Finanzwesen im mittelalterlichen Siena; ein Gemälde des Niederländers Marinus van Reymerswaele aus dem 16. Jahrhundert kritisiert hingegen den Zinswucher.

Große Klugheit beweisen die Ausstellungsmacher, indem sie sich von den Geldideologien der verschiedenen Epochen nicht vereinnahmen lassen. Hatte man sich als Zuschauer gerade auf einen strammen Antikapitalismus eingestellt, erinnert das nächste Werk schon wieder an die Schönheit der Kunst, die nur durch Geld ermöglicht wurde. Wenige Schritte von der Kunsthalle entfernt gibt es im Stadtmuseum einen weiteren Ausstellungsort, der einen Ausflug nach Baden-Baden endgültig empfehlenswert macht: Hier wird nämlich die Geschichte des Monopoly-Spiels erzählt, eine erstaunliche Erfolgsstory, an deren Anfang allerdings wie so oft in der Welt, die vom Geldverkehr geprägt ist, eine Schurkerei steht. Denn Lizzie Magie, die wahre Erfinderin des global erfolgreichen Brettspiels, wurde nur mit einem Taschengeld abgefunden, während der Verlag später ein millionenschweres Monopoly-Imperium aufbauen konnte.

Monopoly andersherum

Interessanterweise hatte Maggie ihrem Spiel aus dem Jahre 1904 zwei Regelsets mitgegeben. Einmal konnte nach antimonopolistischen Regeln gespielt werden, in der zweiten Variante siegte der Spieler, der alle Geldmittel, Immobilien und Produktionsmittel auf sich vereinigt und damit alle anderen ruiniert hatte. Wir alle wissen es: Die böse Variante des Spiels hat sich durchgesetzt. Gezeigt wird auch eine selbstgebastelte Version einer Familie aus der DDR. Im Arbeiter- und Bauernstaat war »Monopoly« verboten – womöglich weil die Zensoren nicht wussten, dass es eine eigentumskritische Tradition des Brettspiels gab.

Kontrastiert werden die verschiedenen »Monopoly«-Ausgaben unter anderem mit den sozialdokumentarischen Fotografien von Jacob A. Riis, der die prekäre Lebenssituation der Einwanderer und Arbeiter in New York Ende des 19. Jahrhunderts schildert. Die leeren Blicke der Zerlumpten unterscheiden sich nicht von den traurigen Augen der Menschen, die in diesen Tagen an Europas Grenzzäunen stehen. Die aktuellen Bezüge brauchen im Katalogtext oder in den Bildtafeln nicht erwähnt zu werden; solche Parallelitäten erkennen auch Kinder – und so wird die Ausstellung punktuell dann doch zur berechtigten Anklage.

Der letzte Gang auf den Spuren der Geldkunst sollte zurück ins Casino führen, nämlich in die riesige Parkgarage, die direkt unter den Spielsälen liegt. Am hinteren Ende rattern zwei Förderbänder, auf denen 50.000 Ein-Cent-Münzen in einem scheinbar endlosen Kreislauf auf- und abtransportiert werden. Selbst wenn es ein Absperrband gibt, könnte sich jeder einen oder mehrere Münzen abgreifen. Wer hätte nicht gerne einen Glückscent in der Tasche? »Jackpot« heißt die Installation von Benedikt Braun, die aber weder Reichtum noch Glück verspricht, statt dessen ohrenbetäubenden Lärm macht. Der Kupferstückkrach in der Garage entzaubert den Fetisch des Geldes auf akustisch rabiate und zugleich anschaulich poetische Weise.

Wieder treffe ich Vater und Kind. Nein, dieses Mal bückt sich das Kind nicht. Die Lärmmünzen sind ihm nicht geheuer. Es gehört zu den Paradoxien der Geldwirtschaft, dass dort, wo Geld vorhanden ist, auch besser über Geld nachgedacht werden kann.

Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2016: »Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie«, Baden-Baden, bis 19. Juni

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