Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 6 / Ausland

Stärkerer Widerstand

Türkische Armee geht weiter gegen kurdische Städte vor. Guerilla will Kampf verstärken

Von Kevin Hoffmann, Istanbul
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Ein Mädchen versucht in Cizre, ein Baby aus den Trümmern in Sicherheit zu bringen

In der Türkei haben sich Tausende Frauen am gestrigen Dienstag trotz anhaltender Militäroperationen nicht davon abhalten lassen, aus Anlass des Internationalen Frauentags auf die Straße zu gehen. So fand in der kurdischen Metropole Diyarbakir (kurdisch: Amed) trotz eines Verbots des örtlichen Gouverneurs eine große Demonstration zum 8. März statt. Über den Verlauf lagen bis jW-Redaktionsschluss keine Informationen vor.

Derweil setzen die türkischen Soldaten und Spezialkräfte der Antiterrorpolizei ihr Vorgehen im Osten der Türkei fort. Nach Berichten von Menschenrechtsgruppen wurden bei den Attacken mit Panzern und Artillerie bereits Hunderte Zivilisten getötet, die genaue Zahl der Opfer kennt niemand. Viele Leichen konnten bisher nicht geborgen werden, viele Menschen werden vermisst. Allein am Montag sollen bei heftigen Bombenangriffen auf den Altstadtbezirk Sur in Diyarbakir mindestens 50 Menschen verletzt worden sein, unter ihnen Kinder und schwangere Frauen. Das sagte Sibel Yigitalp, die für die Demokratische Partei der Völker (HDP) im türkischen Parlament sitzt, der Nachrichtenagentur ANF. Mindestens zwölf Menschen, die aus dem Gebiet fliehen konnten, wurden von den türkischen Sicherheitskräften wegen »Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation« und dem »Versuch der Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung durch den Gebrauch von Waffen« festgenommen. Auch in den Städten Idil und Nusaybin gingen die Attacken der türkischen Armee unvermittelt weiter. So töteten Soldaten nach Angaben der ANF in den vergangenen Tagen allein in Idil mindestens 13 Menschen.

In Nusaybin hat sich inzwischen eine Gruppe junger Mitglieder der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) dem bewaffneten Widerstand der örtlichen zivilen Selbstverteidigungseinheiten (YPS) angeschlossen. Nach Informationen der sozialistischen Nachrichtenagentur Etha begründete der Sprecher der Gruppe, Cihan Saruhan, die Entscheidung damit, dass man wisse, »dass Selbstverwaltung und Autonomie den Menschen in der Türkei und im gesamten Mittleren Osten endlich Freiheit bringen werden«. Der Widerstand werde »den einfallenden Faschismus in Kurdistan zerschlagen«.

Am Wochenende versuchte die türkische Armee im Distrikt Yüksekova mehrfach, in Gebiete vorzudringen, die von den kurdischen Volksverteidigungskräften (HPG) kontrolliert werden. Dabei wurden nach einer Erklärung der Guerilla 26 Soldaten getötet. In einem Interview der ANF mit Kämpfern der HPG und der mit ihnen verbündeten »Truppen Freier Frauen« (YJA Star) riefen diese zur Verstärkung des Widerstandes auf. Einer von ihnen, Dengtav Amed, erklärte: »Der kolonialistische türkische Staat begeht Massaker in Nordkurdistan, er greift vor allem den Bezirk Sur in Amed, Cizre, Silopi und alle anderen Bereiche an, in denen das Volk die Selbstverwaltung und Selbstverteidigung erklärt hat. Unser Volk im Norden leistet Widerstand, und es soll wissen, dass es nicht alleine ist.« Seine Genossin Viyan Zilan ergänzte: »Unser Volk muss Widerstand gegen diejenigen leisten, die fünfjährige Kinder töten und Menschen lebendig verbrennen. Wenn der Widerstand weiter wächst, werden die Angriffe der AKP-Banden eliminiert werden.«

Führende Vertreter der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) und der HPG hatten in der vergangenen Zeit mehrfach angekündigt, dass die Guerilla mit der einsetzenden Schneeschmelze in den kurdischen Gebirgsregionen ihre Aktionen ausweiten werde, um die Bevölkerung gegen die Angriffe der türkischen Sicherheitskräfte zu schützen.

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