Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 5 / Inland

Mehr als 40 Jahre aktiv gegen Atomkraft

Marianne Fritzen, langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, starb mit 91 Jahren

Von Reimar Paul
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Bei Sitzblockaden konnte sie schon länger nicht mehr mitmachen, auch längeres Stehen fiel ihr seit einer Hüftoperation vor ein paar Jahren schwer. Aber gegen Atomkraftwerke und Castortransporte engagierte sich Marianne Fritzen bis kurz vor ihrem Tod, auch im Vorstand des »Gorleben-Archivs« wirkte sie noch aktiv mit. Am Montag starb die langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg im Alter von 91 Jahren.

Neben vielen Mitstreitern und Weggefährten würdigte selbst Bundesumweltministerin Barbara Hendricks die Verstorbene. Marianne Fritzen habe das verkörpert, was gewaltfreien Widerstand ausmache, sagte die SPD-Politikerin: »Entschlossenheit, Mut und Ausdauer«. Die Antiatombewegung, aber auch die Gesellschaft insgesamt, hätten ihr viel zu verdanken. Kerstin Rudek vom BI-Vorstand sagte: »Wir verlieren mit Marianne Fritzen eine Person, die fähig war auszusprechen, was immer auch nötig ist.«

Fritzen, Tochter einer Französin und eines Saarländers, wuchs im Elsass auf und machte in Paris das Abitur. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog sie zunächst nach Berlin und 1957 mit Mann und Kindern ins Dörfchen Kolborn in der Nähe von Lüchow. Als in den 1970er Jahren Pläne für den Bau eines AKW in der Region bekanntwurden, setzte sich Marianne Fritzen erstmals gegen Atomkraft ein. 1973 beteiligte sie sich an der Gründung der BI, bis 1982 führte sie die Initiative als Vorsitzende.

Der Widerstand in Gorleben wurde in der bundesweiten Antiatombewegung und der Öffentlichkeit wichtig. Marianne Fritzen musste stand plötzlich im Rampenlicht und musste lernen, damit umzugehen. Sie ­musste Staatsgäste – mehr oder weniger herzlich – begrüßen, kämpferisch die Position der Atomkraftgegner vertreten und doch immer wieder zwischen den unterschiedlichen Interessen und Ideologien der Widerstandsgruppen in- und außerhalb des Wendlands ausgleichen. Ihre gleichzeitig radikale wie konsequent gewaltfreie Position hat Fritzen beibehalten. Auch nach der gewaltsamen Räumung der »Republik Freies Wendland« im Juni 1980 gehörte sie zu den Gewaltfreien – wenngleich es sie nach eigenem Bekunden Kraft kostete, die Wut über die »Maßlosigkeit des Staates und die Instrumentalisierung der Polizei gegen die Bürger« nicht in militanten Aktionen münden zu lassen.

Fritzen gehörte auch zu den Mitbegründern der Grünen und saß für sie längere Zeit in kommunalen Parlamenten. Im Jahr 2000 brach sie aus Protest gegen den Atomkonsens, den die SPD-Grünen-Bundesregierung mit den AKW-Betreibern schloss, mit der Partei. Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) machte sich persönlich auf ins Wendland, er konnte Fritzen aber nicht umstimmen. Im Gegenteil: Der Krieg gegen Jugoslawien bestärkte sie noch in ihrer Entscheidung, wie Fritzen später sagte. 2010 erhielt sie für ihr Engagement den mit 10.000 Euro dotierten Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung. Das ihr zugedachte Bundesverdienstkreuz lehnte sie ab – ebenso übrigens die ihr von einigen Medien zugedachten Titulierungen wie »Mutter des Widerstandes«.

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