Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 5 / Inland

»Per se unverantwortlich«

Super-GAU kann auch in Deutschland jederzeit passieren: Umweltverband stellt Gutachten zu Risiken von Atomkraftwerken und Zwischenlagern vor

Von Jana Frielinghaus
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Störfälle sind auch in der BRD jederzeit möglich: Demo von Atomkraftgegnern in Kassel kurz nach der Reaktorkatastrophe im März 2011 im japanischen Fukushima

Derzeit wird an die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima vor fünf Jahren erinnert. Nur drei Tage nach der Zerstörung des Kernkraftwerks durch Erdbeben und Tsunami, am 14. März 2011, beschloss die Bundesregierung den Atomausstieg in Deutschland. Sogenannter Atomausstieg, schränkt Hubert Weiger ein. Denn nach wie vor seien acht Atomkraftwerke am Netz, und die Regularien zur sukzessiven Stillegung trügen maßgeblich dazu bei, die Sicherheitslücken zu vergrößern. Darauf wies der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) am Dienstag in Berlin anlässlich der Veröffentlichung einer Studie zu den Risiken der Atomenergienutzung in der BRD hin.

Einer der Befunde der von der Physikerin Oda Becker verfassten Analyse: Wird ein AKW in den nächsten Jahren abgeschaltet, muss die sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) zu den normalerweise im Zehnjahresabstand vorgeschriebenen Terminen laut Atomausstiegsgesetz nicht mehr veranlasst werden. Eine PSÜ wird es daher bis zur Abschaltung nur noch in zwei der acht Reaktoren geben. Bei drei Meilern wird die letzte Überprüfung zum Zeitpunkt der Stillegung 13 Jahre zurückliegen.

Zugleich sind der Untersuchung zufolge insbesondere die Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall am Standort von AKW völlig unzureichend gegen Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze und Terroranschläge geschützt. Darüber hinaus konnte Becker altersbedingte Ausfälle der Sicherheitssysteme der Meiler nachweisen. »Auch in Deutschland ist jederzeit ein größerer Störfall oder ein Super-GAU möglich«, sagte Weiger. Statt gegen den Atomausstieg zu klagen, müssten die Energiekonzerne sich deshalb »schneller als vorgesehen von dieser Risikotechnologie verabschieden«, forderte der BUND-Chef. Die Nutzung der Atomkraft sei »per se unverantwortlich«.

Oda Becker betonte, inzwischen sähen auch die Behörden, dass ein »schwerer Unfall« möglich sei. Die entsprechenden umfangreichen Katastrophenschutzpläne existierten dennoch bis heute nicht. Die Risiken hätten sich nicht nur infolge des Wegfalls der Sicherheitsüberprüfungen erhöht, sondern auch dadurch, dass »eigentlich dringend nötige Nachrüstungen« nicht mehr vorgenommen würden.

Becker wies auch darauf hin, dass sich aus der Abschaltung der Reaktoren weitere Erfordernisse für die meist oberirdischen Zwischenlager ergäben, wo hochradioaktive verbrauchte Brennstäbe noch Jahrzehnte verbleiben. Denn derzeit könnten Castorbehälter im Notfall direkt in den AKW schnell repariert werden. Diese Möglichkeit falle nach der Stillegung weg. Daher müsse jetzt geklärt werden, »wie die Zwischenlagerung weitergehen soll, welche Nachrüstungen erforderlich sind und auch, ob eventuell Neubauten die alten Lager ersetzen müssen«. BUND-Atomexperte Thorben Becker machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass die Genehmigung für das bisherige Zwischenlager Gorleben im Jahr 2034 ausläuft. Bis dahin sei »definitiv noch kein Endlager in Betrieb«. Also sei eine Debatte über Alternativen zu einer einfachen Verlängerung der Genehmigung für die standortnahen Zwischenlager dringend nötig.

Hubert Weiger kritisierte angesichts der Untersuchungsergebnisse scharf die Vorschläge der Atomfinanzkommission des Bundes, die AKW-Betreiber weitgehend von der Nachhaftungspflicht für das Atommüllmanagement zu befreien. Damit stehe das »Verursacherprinzip nur noch auf dem Papier«, alles laufe weiter nach dem Motto »Gewinne privatisieren, Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen«. Die aktuellen Debatten um die Finanzierung des Atomausstiegs und der Endlagerung zeigten, dass Atomstrom der teuerste sei, »der je erzeugt wurde«. Die Konzerne dürften trotz ihrer derzeit angespannten wirtschaftlichen Lage nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Möglichkeiten gebe es hier in Form von Ratenzahlungen in den vorgesehenen nationalen Fonds zur Ausstiegsfinanzierung durchaus.

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