Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

Veränderte Wahrnehmung

Die Malediven werden im Westen neuerdings nicht mehr als Inselidylle dargestellt. Berichte über Armut und politische Kämpfe treten in den Vordergrund

Von Thomas Berger
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Berlin, 8. März: Ein Grad Celsius über Null, die ITB wirbt am Frauentag auf ihre Weise

In Berlin öffnen sich am heutigen Mittwoch die Tore für die Internationale Tourismusbörse (ITB), die angeblich weltweit größte Messe in der Branche. In diesem Jahr sind die Malediven Partnerland. Das hat vorab mehr Diskussionen ausgelöst als üblich. Der Inselstaat im Indischen Ozean war einst allein wegen seiner Strände bekannt, in den vergangenen vier Jahren häuften sich allerdings Schlagzeilen zu politischen Auseinandersetzungen und Umstürzen, die das Bild der vorgeblichen Idylle stark trübten. Zu einer Häufung solcher Meldungen kam es in den vergangenen vier Monaten. Den Regierenden in der Hauptstadt Malé blieb nicht verborgen, dass sich die Wahrnehmung des Landes in Europa und speziell auch hierzulande dadurch geändert hat. So sah sich Tourismusminister Moosa Zameer, erst Ende Oktober 2015 in dieses Amt berufen, wenige Tage vor dem ITB-Auftakt zu einer Charmeoffensive genötigt.

In einer Presseerklärung seiner Behörde hieß es am 3. März: »Es gab in den letzten Wochen einige bedauerliche und einseitige Berichterstattungen in Teilen der deutschen Medien, die mich und unsere Landsleute beim Lesen erschüttert haben. Sie entstellen die Wahrheit über unser Land, sowohl politisch als auch kulturell. Diese Vorwürfe sind unberechtigt, unwahr und haltlos«. Die Malediven blieben eines der sichersten Urlaubsziele der Welt, von einem Anstieg des Extremismus zu sprechen, sei »nicht sehr konstruktiv«.

Die Erklärung kommt nicht von ungefähr. Seit Dezember 2015 hatten sich insbesondere deutsche Medienberichte gehäuft, wonach auch Malediver unter jenen internationalen Dschihadisten sind, die in Syrien und im Irak unter der Fahne des »Islamischen Staates« (IS) kämpfen. Die Rede ist von mehr als 200 Kämpfern, von denen zehn getötet wurden. Die Berichte haben die Regierung in Malé so verunsichert, dass sie selbst zu drastischen Mitteln greift: Am 17. Dezember 2015 meldete die ARD, dass ihrem Südasienkorrespondenten Markus Spieker für zehn Jahre die Einreise ins Land untersagt werde. Spieker selbst hatte unmittelbar zuvor in einem Fernsehbeitrag versteckte Aufnahmen, die mit einer Handykamera gemacht worden waren, veröffentlicht. Darin war zu sehen, wie er und seine Mitarbeiter verhaftet und des Landes verwiesen worden waren – obwohl sie nach Aussage der ARD über eine gültige Drehgenehmigung verfügten. Was nicht berichtet wurde: Spieker ist nicht nur Autor von Büchern aus christlich eifernder Perspektive mit Titeln wie »Um das Böse zu besiegen, muss man es begreifen« oder »Gott macht glücklich und andere fromme Lügen«, er predigt auch selbst (»Beten macht froh«) und hatte die Behörden der Malediven nach eigenen Angaben lediglich um eine pauschale Drehgenehmigung gebeten, die »mündlich zugesagt« worden sei.

Aber nicht nur Abgesandte wie Spieker haben Ärger. Am 2. März meldete sich das Oberste Gericht der Malediven mit einer Erklärung zu Wort, in der es Amnesty International (AI) Islamophobie vorwarf. Hintergrund war eine Passage im Jahresbericht der Organisation zur Situation im Lande, derzufolge seit Monaten immer mehr von der Verfassung garantierte Rechte eingeschränkt würden, ein Teil der oppositionellen Führer im Gefängnis sitze sowie unfaire Gerichtsverhandlungen und brutale Strafen vor allem gegen Frauen an der Tagesordnung seien. So war erst im Oktober eine Frau wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt worden, und auch die für viele Vergehen üblichen Auspeitschungen – die Statistiken zufolge mehr Frauen als Männer treffen – waren von AI kritisch genannt worden. Der Supreme Court wies das als »Einmischung in das Gerichtswesen einer souveränen Nation«, basierend auf »halbwahren Berichten (…) politisch motivierter Informanten«, zurück. Die Kritik sei »ein Hassverbrechen und ein Versuch, die souveränen Rechte des maledivischen Volkes zu untergraben«.

Beides illustriert den Konflikt zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung des Landes. Dort bekennen sich 99 Prozent der Einwohner zum sunnitischen Islam. In religiöser Hinsicht sind die Malediven damit konfessionell so einheitlich wie nur wenige andere Länder. Der Glaube ist tief verwurzelt. Relativ neu ist, dass auch im Reich der 1.196 Inseln nicht wenige junge Leute für fundamentalistische Einflüsse empfänglich sind. Ein Grund ist die Tatsache, dass etliche der knapp 350.000 Insulaner schlechter leben als früher. Seit der Ära des autokratischen Langzeitherrschers (von 1978 bis 2008) Maumoon Abdul Gayoom konnte keine Regierung die hohe Jugendarbeitslosigkeit senken. Seit 1991 hält diese sich offiziell über der 20-Prozent-Marke, seit 1999 fast kontinuierlich sogar bei etwa 24 Prozent. 2013 war mit neuen Höchstwerten mehr als jeder vierte Jugendliche ohne Job. Zugleich drängen immer mehr Prediger aus Saudi-Arabien ins Land und verbreiten die dort herrschende reaktionäre Ideologie. Zugleich sorgen ständige Preissteigerungen für mehr Armut, während sich die Resortbetreiber an den Touristen goldene Nasen verdienen.

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