Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Geldbeschaffungsmaßnahmen (3)

Wirtschaft als das Leben selbst

Von Helmut Höge
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Unvergessen sind die »Geldübergabegeräte« von Arno Funke alias Dagobert (»GÜGs« von der Polizei genannt). Der Richter des Kaufhauserpressers nannte sie anerkennend wahre Meisterwerke der Bastelkunst. Zur Not tun es aber auch Bettelschilder mit einem klug ausgedachten Spruch. In Moskau wurde mal wissenschaftlich analysiert, welcher Spruch am erfolgreichsten ist. Weitere Wege, an Geld zu kommen, in Stichpunkten:

– Nach einer Razzia in Wohn- und Geschäftshäusern wurden eines Tages sechs Männer und eine Frau wegen Immobilienbetrugs festgenommen. Nach Angaben der Polizei sollen sie Schrottimmobilien gekauft und an Komplizen zu Phantasiepreisen weiterverkauft haben. Das Geld für die Immobilienkäufe sollen sich die Komplizen bei mehreren Banken mit gefälschten Papieren über Identität und Einkommen beschafft haben. Die Banken seien auf den Krediten sitzengeblieben. Ihr Schaden gehe in die Million, sagte eine Polizeisprecherin.

– Unsere bosnische Freundin Zenia hatte kaum Geld, als sie nach Deutschland kam. Für ein paar Mark kaufte sie bei einem Trödler kaputte Zinnsoldaten, schmolz sie ein und machte daraus Fünf-Mark-Stücke, deren Gewicht und Größe allerdings nicht ganz stimmte. Deswegen bat sie in Clubs den jeweils am meisten beschäftigten Barkeeper hastig um Wechselgeld für Zigaretten. Das klappte immer.

– An Spielautomaten in Deutschland wurden Zocker jahrelang betrogen. Die Software der Geräte war manipuliert. Sie spuckten unrechtmäßig kleine Gewinne aus, wie Ermittler nach einer großangelegten Razzia mitteilten.

– An einer Tankstelle am Berliner Ring flehte mich ein Italiener in einem BMW an, ihm eine seiner nagelneuen lindgrünen Lederjacken für 70 Euro abzukaufen. Ihm sei auf der Messe alles Geld geklaut worden. Nun habe er kein Benzingeld mehr, um zurück nach Mailand zu kommen. Ich kaufte ihm die Lederjacke ab und musste mir dann von meiner Freundin sagen lassen, dass sie aus Plastik und so gut wie nichts wert war.

– Mein Freund Siggi hatte das Mietgeld seiner WG eingesammelt, um es einzuzahlen. Unterwegs in der S-Bahn kam er mit einem sympathischen Türken ins Gespräch, was damit endete, dass er ihm einen dicken Batzen Haschisch abkaufte. Mit dem Mietgeld. Als er mit dem »Schnäppchen« zurückkehrte, testeten seine Mitbewohner das Zeug sofort, und stellten fest: Man konnte soviel davon rauchen wie man wollte – es wirkte nicht.

– Ein Münchner Fernsehredakteur und seine Frau, eine Konzeptkünstlerin, hatten eine Schubkarre von einer Baustelle geklaut. Mit dieser auf dem Autodach fuhren sie 2.000 Kilometer zum neuerworbenen Haus in Griechenland. Auf der Fahrt plagte sie wegen des Diebstahls ein schlechtes Gewissen. Die Künstlerin zählte unterwegs nicht weniger als 160 Schubkarren auf den Dächern von Autos, die sie überholten. Aus der schuldmindernden Beobachtung wurde die Idee zu einer Ausstellung mit dem Titel »Das Schubkarren-Prinzip«.

– Ein russischer Kollege meinte einmal, wenn man mittellos sei, solle man sich nicht auf Geld oder geldwerte Gegenstände konzentrieren, sondern auf Menschen: »Am besten geht so etwas in einer Kleinstadt, wo die Leute naiver sind, und neugieriger, weil dort so wenig los ist. Gleich am Bahnhof kann man zum Beispiel ein Schachturnier organisieren, bei dem es um Geld geht. Oder man kann ihnen gegen Bezahlung die Zukunft vorhersagen.« An Flughäfen könne man Leuten erklären, man habe sein Ticket verloren und nicht mehr genug genug Geld, um nach Hause zu kommen. Das funktioniere vor allem »bei Ökos, Veganern und Linken«. Die würden sich quasi »gerne betrügen lassen – allein schon, um sich nicht ständig vor Betrügern schützen zu müssen«.

– Ein Soziologe vom Arbeitsamt in Frankfurt am Main, Hans Groffebert, stellte in der Basisdruck-Zeitschrift Sklaven einmal verschiedene »ONGs-bidong«-Projekte vor. »Bidong« heißt »leere Container« auf Suaheli. Gemeint sind Entwicklungsprojekte, die nur auf dem Papier existieren, um damit an Entwicklungshilfegelder heranzukommen. Eine moderne Form von Papiermagie.

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