Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Wohlfeiles Geschrei

Die Forderung deutscher Politiker nach Abschaltung des französischen AKW Fessenheim ist richtig. Glaubhafter wäre sie, wenn der Atomausstieg hierzulande erfolgt

Von Reimar Paul
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Rund einen Monat vor dem Störfall machte Greenpeace in Fessenheim auf die Gefahr durch das AKW aufmerksam

Das Geschrei ist groß, und es ist wohlfeil. Nach Bekanntwerden eines in seinen Ausmaßen vertuschten Zwischenfalls im französischen AKW Fessenheim, bei dem die Anlage wohl nur knapp an einer Katastrophe vorbeischrammte, zeigen namentlich Politikerinnen von SPD und Grünen mit dem Finger auf Frankreich – und auf andere Nachbarländer gleich mit.

Maria Luise »Malu« Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und voll im Landtagswahlkampf, forderte von Frankreichs Präsident François Hollande am Wochenende die sofortige Abschaltung der grenznahen Atomkraftwerke Fessenheim und Cattenom. Grünen-Chefin Simone Peter schrieb in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel, »die wachsende Gefährdung großer Teile der Bevölkerung durch überalterte, störanfällige Atomkraftwerke wie Fessenheim, Cattenom, Tihange, Doel (beide in Belgien), Beznau (Schweiz) oder Temelin (Tschechien)« erfülle ihre Partei »mit großer Sorge«. Es müsse einen EU-Atomgipfel geben, der die atomaren Risiken neu bewerte.

Von einem »Vertuschungsversuch, der eine fast kriminelle Energie zeigt«, sprach die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms. »Schrottreaktoren wie Fessenheim müssen schnellstens abgeschaltet werden.« Und selbst die sonst zurückhaltende Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) verlangte wenig diplomatisch, Fessenheim müsse vom Netz genommen werden.

Gegen das Anliegen, möglichst viele Atomkraftwerke abzuschalten, ist nichts einzuwenden – im Gegenteil. Doch wäre die nun nach außen gekehrte Gegnerschaft zu Atomkraft glaubhafter, richtete sie sich gleichermaßen auch gegen Anlagen im eigenen Land. Deutschland ist ungeachtet des halbgaren Atomausstiegs mit acht großen AKW am Netz nach wie vor zweitgrößter Produzent von Atomstrom. Die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen sind vom Ausstieg ganz ausgenommen, beide beliefern Atomkraftwerke in aller Welt mit frischem »Brennstoff«.

Über das Ausmaß der Panne in Fessenheim hatten am Freitag die Süddeutsche Zeitung (SZ) und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtet. Demnach setzte am Nachmittag des 9. April 2014 ein Wassereinbruch einen Teil des Leitstandes im AKW außer Kraft. Rund 3.000 Liter Wasser sollen durch Kabelschächte unter anderem in Schaltschränke geflossen sein, in denen die Steuerung der Sicherheitstechnik untergebracht war. Die Steuerstäbe in Reaktorblock 1 seien zeitweise nicht zu manövrieren gewesen, eines der beiden Systeme zur Reaktorschnellabschaltung sei ausgefallen. Ein Krisenstab habe deshalb entschieden, den Reaktor durch Einleitung von Borsäure in das Kühlwasser schnell herunterzufahren. Die Säure ist gewissermaßen eine flüssige Notfallvariante: Sie soll die Kettenreaktion der Uranspaltung unterbrechen, indem sie die freigesetzten Neutronen wegfängt.

Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN hatte den Vorfall laut WDR und SZ gegenüber der Öffentlichkeit und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien heruntergespielt und wesentliche Details unterschlagen. So habe die Behörde in ihrer Meldung weder den Ausfall der Steuerstäbe noch die eingeleitete »Not-Borierung« erwähnt. Erst aus einem Schreiben, das die ASN einige Tage später an die Kraftwerksleitung geschickt habe, gehe »das wahre Ausmaß des Unglücks« hervor.

Der Reaktorsicherheitsexperte Manfred Mertins kommt laut SZ zu dem Schluss, dass es sich bei dem Vorfall um ein »sehr ernstes Ereignis« gehandelt hat. Ihm sei »kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste«. Für mehrere Minuten, so Mertins, sei »die Temperatur im Reaktorkern aus dem Ruder gelaufen«.

Die Aufsichtsbehörde ASN weist die Vorwürfe zurück. Zwar sei das angewendete Verfahren »atypisch«, zitierte die Regionalzeitung Dernières Nouvelles d’Alsace am Sonnabend die Regionalchefin der ASN Strasbourg, Sophie Letournel. »Aber das ist keine Notfallprozedur. Der Betreiber ist zu jedem Zeitpunkt im Rahmen der normalen Verfahren geblieben, um die Situation zu managen, die im übrigen kontrollierbar geblieben ist.«

Wie lange Fessenheim noch am Netz bleibt, ist unklar. Zwar hat Frankreichs Präsident François Hollande wiederholt versprochen, die Anlage noch in seiner bis Mai 2017 laufenden Amtszeit abzuschalten. Umweltministerin Ségolène Royal machte aber klar, dass eine Stillegung erst in Frage kommt, wenn der europäische Druckwasserreaktor im nordfranzösischen Flamanville ans Netz geht. Dessen Fertigstellung verzögert sich jedoch seit Jahren.

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