Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Gastgeber des Tages: Reiner Hoffmann

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Der DGB und die Hans-Böckler-Stiftung feiern dieser Tage den »Wert der Mitbestimmung« – unter anderem mit einer Wanderausstellung, die am heutigen Montag in der Akademie der Künste in Berlin eröffnet wird. Soweit, so unspektakulär. Bemerkenswert ist allerdings, wen DGB-Chef Reiner Hoffmann als Festredner geladen hat: ausgerechnet den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, der über »aktuelle Perspektiven zur Würde der Arbeit« referieren soll.

Die Bischöfe als Verteidiger der Mitbestimmung? Vielleicht sollte der DGB-Vorsitzende mal bei seinen ver.di-Kollegen in Diakonie und Caritas nachfragen. Die mehr als eine Million Beschäftigten der kirchlichen Wohlfahrtsverbände sowie der verfassten Kirchen bleiben bei der Mitbestimmung nämlich außen vor. Unter Berufung auf ihr aus der Weimarer Reichsverfassung stammendes »Selbstordnungsrecht« beharren die Bischöfe und Kardinäle darauf, die Arbeitsbedingungen einseitig vorzugeben. Statt Betriebsräten gibt es Mitarbeitervertretungen mit deutlich weniger Rechten. Und statt in freien Tarifverhandlungen werden die Einkommen auf dem sogenannten dritten Weg kircheninterner Lohnfindung festgelegt. Das Streikrecht – obwohl grundgesetzlich geschützt – wird weiterhin bestritten. Und selbst individuelle Menschenrechte zählen unter dem kirchlichen Regime nicht viel. Immer wieder werden Beschäftigte allein deshalb gefeuert, weil sie sich scheiden lassen, aus der Kirche austreten oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben.

Gegen diese vordemokratischen Zustände setzen sich Beschäftigte bei Caritas und Diakonie mit Hilfe ihrer Gewerkschaft ver.di seit Jahren zur Wehr. Das müsste eigentlich auch der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes mitbekommen haben. Dass Hoffmann dennoch einen Vertreter dieser Institution zum Festredner der Mitbestimmung adelt, zeigt ein Maß an Ignoranz, das eigentlich nicht zu erklären ist. (dab)

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