Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Castros Kaffeesatz

Viel kalte Küche, doch heiß serviert: ZDFinfo zeigt die zweite Staffel der dokumentarischen Serie »Geheimes Kuba«

Von Peter Steiniger
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Hoch die Tasse: Unter Fidel Castro entwich Kuba aus dem Hinterhof der USA

Kuba ist lange überfällig. Nach dem Zerfall des sozialistischen Lagers und dem Untergang der Sowjetunion stand schließlich auch der roten Insel in der fernen Karibik das Wasser mindestens bis zum Hals. Eine schmucklose Kiste wurde bereitgestellt, der Leichenschmaus geordert, das Totenglöckchen geläutet. Nun bimmelt es bereits ein Viertel Jahrhundert. Der untote Sozialismus bleibt trotz seiner Krankheiten, Narben und Wunden ein beunruhigendes Mysterium für jene, die in einem solchen Konzept von Gesellschaft eine geschichtliche Verirrung sehen. Und nun das: Kuba rappelt und zappelt, ist in aller Munde. Politiker, Geschäftsleute und Kirchenfürsten geben sich in Havanna die Klinke in die Hand, Touristen pumpen neues Blut in den Kreislauf der Wirtschaft. Der Kalte Krieg erhält ein Begräbnis erster Klasse, zu dem die Rolling Stones in Kubas Hauptstadt aufspielen, Raúl Castro und Barack Obama führen gemeinsam den Zug an. Solche Wunder sind zu hinterfragen. Dafür werden Dokus gemacht.

Die internationale Koproduktion von LOOKSfilm »Geheimes Kuba« steigt tief in die Geschichte der jungen Nation ein. Mit im Boot sind ZDFinfo, France Télévision und TV3 Catalunya. Erzählt wird über die Entwicklung des Inselstaats von der spanischen Kolonialzeit, über den Freiheitskampf und die Batista-Diktatur bis zur Revolution und der Gegenwart. Entstanden ist eine vielfältige Collage aus historischem Material, Expertenmeinungen und Zeitzeugenberichten. Die erste Staffel lief bereits im vergangenen Dezember im deutschen Fernsehen. Zu einer Präsentation für die Presse hatte man zuvor CIA-Veteranen und Exilcontras mit schmutzigen Händen im Berliner Spy Museum neben die Filmemacher aufs Podium gesetzt. Das musste als Affront gegen Kubas Offizielle und seriöse Zeitzeugen gedacht gewesen sein und durfte durchaus als Hinweis auf die Perspektive gesehen werden, welche bei aller Vielfalt an Meinungen, die zu Wort kommen dürfen, den roten Faden der Doku bildet. Neben der Vermittlung von Wissen will man auch einem Auftrag, Freiheit und Demokratie nach westlicher Lesart zu fördern, gerecht werden.

Für die Vorstellung der neuen Folgen im Januar, an denen bis zuletzt weiter gearbeitet wurde, wählte man mit dem Ibero-Amerikanischen Institut einen Rahmen, der besser zur Entspannungspolitik passt. Regisseur Florian Dedio diskutierte dort mit dem fachlichen Berater des Projekts Peter B. Schumann, einem kritischen Kenner kubanischer Verhältnisse, und der Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder. Dedio selbst und seine Produzenten sind Kuba-Neulinge. Und es ist leider zu bezweifeln, dass sie dort heimisch werden können. Das wird an den Schwachstellen der Produktion deutlich, die fleißig Bekanntes und weniger Bekanntes zusammenträgt und trotz insgesamt sechs Stunden Länge und viel Trommelwirbel den Punkt nicht trifft. Die Distanz zum »Castro-Kuba« einerseits, das Überwiegen der Sichtweisen im Ausland und von politischen Gegnern im Exil andererseits, das Ersetzen von Fakten oder Beweisen durch Glaubenssachen und Spekulationen unterminieren den Anspruch auf sachliche Objektivität und Authentizität. Saubere Recherche, wie zum Komplex Kennedy und Fidel, steht neben Zerrbildern und Auslassungen. Positiv heraus sticht der deutsche Exbotschafter Bernd Wulffen.

Unter dem Strich geht das Lied etwa so: Fidel Castros Revolution war eine PR-Nummer. »Anstatt zu kämpfen, führt er eine geschickte Pressekampagne.« Dann versaute er es sich mit der Oberschicht, etlichen Mitstreitern und dem großen Nachbarn. Daher machte er auf Kommunist, und alles weitere diente dem Ehrgeiz und der Machtgier des Diktators. Vom Krieg in Angola, über die Drogenaffäre um General Arnaldo Ochoa bis zur Allianz mit Venezuela. Von seinem geheimen Wohnsitz Punto Cero muss er nun mitansehen, wie sein Erbe zerbröselt, und trinkt dazu die Milch einer eigenen Kuh. Eines schönen Tages wird der Markt das Volk aus seiner trostlosen Lage doch befreien. Es fehlt der innere Diskurs. Die soziale Revolution, ihre Erfolge, Akteure und Nutznießer kommen bestenfalls am Rande vor. Ohne diese ist, bei allen Mängeln des kubanischen Sozialismus, allerdings die Emanzipation des Landes und seine Rolle als Vorbild in Lateinamerika nicht begreiflich zu machen. Wirklich unerfreulich ist auch, dass die Serie, statt ihre Zuschauer zu animieren, sich selbst ein Bild vom porträtierten Land zu machen, eine Reisewarnung ausspricht. Der Tourismus diene nur dem Militär. Das könnte man auch andersherum sehen. Alles eben eine Frage der Perspektive.

»Geheimes Kuba«, Folgen 3 bis 8: 11.3. ab 20.15 Uhr, ZDF info. Eine DVD-Box erscheint im März 2016 bei polyband

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