Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 3 (Beilage) / Geschichte

Imperialismus heißt Einwanderung

Lenin 1916 über Propaganda für »Vereinigte Staaten von Westeuropa« ohne Russland, die »gegen die Neger Afrikas« und »eine islamitische Bewegung großen Stils« zusammenwirken sollen

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Zu den »Verdiensten« des Imperialismus gehört nach Meinung von Freunden des Kolonialismus »die Erziehung der Farbigen zur Arbeit«: Ein iranischer Elektroingenieur am 23. November 2015 an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien bei Idomeni

Wir müssen nun noch auf eine sehr wichtige Seite des Imperialismus eingehen, die bei den meisten Betrachtungen über dieses Thema nicht genügend beachtet wird. (…) Wir sprechen von dem Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist. (...)

Der deutsche Opportunist Gerhard Hildebrand, der seinerzeit (trat seit 1909 publizistisch für den Kolonialismus ein, jW) wegen seiner Verteidigung des Imperialismus aus der Partei ausgeschlossen wurde (1912, jW), heute aber wohl ein Führer der sogenannten »sozialdemokratischen« Partei Deutschlands sein könnte, ergänzt (John. A.) Hobson ausgezeichnet, indem er die »Vereinigten Staaten von Westeuropa« (ohne Russland) propagiert und zwar zum »Zusammenwirken« gegen ... die Neger Afrikas, gegen eine »islamitische Bewegung großen Stils«, zur »Bildung einer Heeres- und Flottenmacht allerersten Ranges«, gegen eine »chinesisch-japanische Koalition« u.a.m.

Die Schilderung, die uns Gerhart von Schulze-Gaevernitz vom »britischen Imperialismus« gibt, deckt dieselben Merkmale des Parasitismus auf.

Während sich in den Jahren 1865 bis 1898 das britische Volkseinkommen etwa verdoppelt hat, hat sich das Einkommen »vom Auslande« in dieser Zeitspanne verneunfacht. Wenn zu den »Verdiensten« des Imperialismus »die Erziehung der Farbigen zur Arbeit« gerechnet wird (ohne Zwang gehe es dabei nicht ...), so besteht die »Gefahr« des Imperialismus darin, dass Europa »die Arbeit überhaupt – zunächst die landwirtschaftliche und montane, sodann auch die gröbere industrielle Arbeit – auf die farbige Menschheit abschiebt und sich selbst in die Rentnerrolle zurückzieht, womit es vielleicht die wirtschaftliche und ihr folgend die politische Emanzipation der farbigen Rassen vorbereitet«. (…)

Zu den mit dem geschilderten Erscheinungskomplex verknüpften Besonderheiten des Imperialismus gehört die abnehmende Auswanderung aus den imperialistischen Ländern und die zunehmende Einwanderung (Zustrom von Arbeitern und Übersiedlung) in diese Länder aus rückständigeren Ländern mit niedrigeren Arbeitslöhnen. Die Auswanderung aus England sinkt, wie Hobson feststellt, seit 1884: Sie betrug in jenem Jahr 242.000 und 169.000 im Jahre 1900. Die Auswanderung aus Deutschland erreichte ihren Höhepunkt im Jahrzehnt 1881 bis 1890, nämlich 1.453.000, und sank in den zwei folgenden Jahrzehnten auf 544.000 bzw. 341.000. Dafür stieg die Zahl der Arbeiter, die aus Österreich, Italien, Russland usw. nach Deutschland kamen. Nach der Volkszählung vom Jahre 1907 gab es in Deutschland 1.342.294 Ausländer, davon 440.800 Industriearbeiter und 257.329 Landarbeiter. In Frankreich sind die Arbeiter im Bergbau »zum großen Teil« Ausländer: Polen, Italiener und Spanier. In den Vereinigten Staaten nehmen die Einwanderer aus Ost- und Südeuropa die am schlechtesten bezahlten Stellen ein, während die amerikanischen Arbeiter den größten Prozentsatz der Aufseher und der bestbezahlten Arbeiter stellen. Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des Proletariats abzuspalten.

Es muß bemerkt werden, daß in England die Tendenz des Imperialismus, die Arbeiter zu spalten, den Opportunismus unter ihnen zu stärken und eine zeitweilige Fäulnis der Arbeiterbewegung hervorzurufen, viel früher zum Vorschein kam als Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Denn zwei der wichtigsten Merkmale des Imperialismus – riesiger Kolonialbesitz und Monopolstellung auf dem Weltmarkt – traten in England schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts hervor. Marx und Engels verfolgten jahrzehntelang systematisch diesen Zusammenhang des Opportunismus in der Arbeiterbewegung mit den imperialistischen Besonderheiten des englischen Kapitalismus. Engels schrieb z. B. am 7. Oktober 1858 an Marx, »... dass das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.« (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 29, Seite 358) (…) Und in einem Brief an Kautsky vom 12. September 1882 schreibt Engels: »Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik überhaupt denken ... Es gibt hier ja keine Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands.« (…)

N. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. St. Petersburg 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 22. Dietz Verlag, Berlin 1960, Seiten 280–289

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