Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 15 / Geschichte

Sonne auf blauem Grund

Zum 70. Jahrestag der Zulassung der Freien Deutschen Jugend in der Sowjetischen Besatzungszone

Von Johannes Oehme
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Einsatz gegen westdeutsche Separatstaats- und Restaurationsbestrebungen. FDJ-Kampagne 1949

Als die deutschen Faschisten an die Macht kamen, war dies noch nicht der Triumph über die demokratische Form der bürgerlichen Herrschaft, sondern zuerst ein Sieg über die Arbeiterklasse. Vor den Augen und Stiefeln der Nazis hatten sich die Funktionäre und Gewerkschafter der Arbeiterbewegung an der schier luxuriösen Frage zerfleischt, ob für die Abwehr der faschistischen Offensive ein Parteibuch der SPD oder KPD oder sonst irgendeiner Arbeiterorganisation notwendig sei. Am 30. Januar 1933 war die Arbeiterbewegung nicht im Reinen mit sich selbst und ließ daher den Generalstreik gegen Hitler und Co. ausfallen. Und erst ab diesem blauen Montag der deutschen Arbeiterbewegung datiert die Errichtung der faschistischen Diktatur, die alsbald weit mehr als nur die demokratischen Rechte der doppelt freien Lohnarbeiter liquidieren sollte.

Klare Einheit im Exil

Die das Land aus politischen Gründen verlassen mussten bzw. konnten, kamen dann auch nur zum Teil aus der Arbeiterbewegung. Auch bürgerliche Demokraten und gutgläubige Christen aller Farben spie das faschistische Deutschland schockweise aus. Und da saßen sie nun, gerupft und depraviert allesamt, noch kaum geläutert, und jedenfalls aufeinandergeworfen – im Exil, gleichsam in einem »Wartesaal« (Lion Feuchtwanger).

Das politische Exil ließ manche vormals unüberwindbar geglaubte Vorbehalte zwischen den deutschen Hitlergegnern schwinden und definierte in seinen entschiedenen Momenten neu, was Freiheit nach 1933 nur heißen konnte. Ausgehend vom Pariser Zentrum der antifaschistischen Emigration verbreitete sich der Volksfrontgedanke, jenes Gegenteil zur Volksgemeinschaftsideologie, das präzise angibt, zu welchem begrenzten Zweck sich die nichtausbeutenden Klassen verbünden sollten: Kampf der faschistischen Diktatur und der Kriegsvorbereitung!

Die Klarheit dieser Einheitslosung muss der emigrierten Jugend besser eingeleuchtet haben als den Parteien. Denn noch während der zähen und abermals scheiternden Verhandlungen zwischen der KPD-Führung und dem Auslandsvorstand der SPD (genannt Sopade) in Prag über die Schaffung einer Einheitsfront der Arbeiterparteien im Jahr 1936 kam es zur Gründung erster Gruppen der Freien Deutschen Jugend in Paris und Prag.

Der Wille zum Kampf gegen Faschismus und deutsche Angriffskriege brachte organisierte und unorganisierte Jugendliche unterschiedlichster Weltanschauung zusammen. Die 13 Strahlen der aufgehenden gelben Sonne auf blauem Grund symbolisieren 13 Gründungsorganisationen. Darunter waren, wie es in den Aufrufen hieß, »Kommunisten, Sozialdemokraten, demokratische Christen, parteilose Gewerkschafter ...« Aber auch bürgerliche Demokraten, ja sogar zionistische Gruppen tummelten sich um die FDJ, wie Horst Brie, der ab 1936 von Prag und ab 1938 von London aus Jugendliche zum Kampf ums harte Brot des Exils und gegen Hitler organisierte, in seiner Autobiographie »Davids Odyssee« berichtet.

Die Freiheit, die in Organisationsnamen wie »Freie Deutsche Jugend« und »Freier Deutscher Gewerkschaftsbund« gemeint war, bezeichnete kein Paradies oder kommunistisches Schlaraffenland. Nach 1933 ging es nur um eine entscheidende Nuance mehr als im ordinären, immer illusorischeren, immer relativeren Freiheitsideal der bürgerlichen Revolution. Denn nach der totalen Rücknahme aller Freiheitsversprechen durch das faschistisch barbarisierte Bürgertum selbst konnte Freiheit nurmehr auf der einfachen, ja bescheidenen Forderung beruhen, »Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe«, wie es Theodor W. Adorno formulierte, lange nachdem die Zusammenschlüsse im Geiste der »Bewegung Freies Deutschland« danach gehandelt hatten.

Die einheitsstiftende Forderung, dass Deutschland antifaschistisch und antimilitaristisch werde, dass Hitler und die Wehrmacht abdanken und keine faschistische Massenbewegung je wiedererstehe, war die kurze Negativliste für eine schmerzlich lange Etappe.

Für oder wider den Staat

Nachdem die Bedingungen einer solchen vorgedachten Freiheit von der Antihitlerkoalition nach Deutschland importiert werden mussten, bildeten sich in allen vier Besatzungszonen zunächst nur geduldete Jugendausschüsse, deren einige sich auch explizit als »Antifa-Jugend« bezeichneten. Für Berlin beschreibt Heinz Keßler, Gründungsmitglied der FDJ und späterer Minister für Nationale Verteidigung in der DDR, die Schwierigkeiten bei der Bildung eines sektoren- und parteiübergreifenden antifaschistischen Jugendrings, weil es Vorbehalte sowohl seitens der einzelnen Organisationen als auch der Besatzungsmächte gab. Schließlich beantragte der »Zentrale Antifaschistische Jugendausschuss«, in dem kommunistische, sozialdemokratische und christliche Jugendliche vertreten waren, bei der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) die Zulassung als FDJ, die zum 7. März 1946 erfolgte – fünf Wochen vor der Vereinigung von KPD und SPD zur SED. In den westlichen Besatzungszonen erfolgte die Zulassung der FDJ noch im Laufe des Jahres 1946.

Im Osten wird die FDJ vor wie nach Gründung der DDR alle erdenkliche staatliche Unterstützung erhalten und die antifaschistische Demokratie und später den Aufbau des Sozialismus mit ausgestalten. Mit Kampagnen wie »Max braucht Wasser« und dem Talsperrenbau in Sosa beteiligt sie sich direkt am Aufbau der Friedenswirtschaft. Ihre »Freundschaftsbrigaden« verhelfen zahlreichen nichtimperialistischen Ländern zu einer relativ eigenständigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, bauen Krankenhäuser in Nicaragua, Zementwerke in Mosambik, Klubhäuser in der Mongolei usw.

Dagegen muss sich die Aktivität der FDJ im Westen auf den antifaschistischen und antimilitaristischen Kampf beschränken. Nach Gründung der BRD erfolgt 1951 die gesetzliche Sperrung des öffentlichen Dienstes für FDJ-Mitglieder und im Zeitraum 1951–54 aus Anlass der »Volksbefragung gegen Remilitarisierung«, für die die FDJ Millionen (!) Unterschriften sammeln half, das Verbot der Organisation. Es sind von Staatsseiten ausschließlich Juristen daran beteiligt, die bereits in der Nazizeit ihre Erfahrungen gesammelt hatten. Das Verbot betrifft eine Massenorganisation mit Zehntausenden Mitgliedern. Und noch während das Verbot zur Exekutive gereicht wird, wird am 11. Mai 1952 der FDJler und KPDler Philipp Müller in Essen bei einer Kundgebung gegen die Remilitarisierung von Beamten des Bundesgrenzschutzes erschossen.

Gründungsbeschluss der FDJ vom 26. Februar 1946

Die am 26. Februar 1946 im Sitzungsaal des Magitrats der Stadt Berlin, Parochialstraße, anwesenden Mitglieder des Zentralen Jugendausschusses für die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands bekunden hiermit einmütig ihren Willen, sich zwecks Gründung einer überparteilichen, einigen, demokratischen Jugendorganisation »Freie Deutsche Jugend« an die sowjetische Militärverwaltung in Deutschland zu wenden. Die Grundlagen hierzu bilden die von allen Unterzeichneten angenommenen und der Urkunde beigefügten Ziele und Satzungen der Freien Deutschen Jugend.

Unterzeichner:

Emil Amft (SPD), Edith Baumann (SPD), Rudolf Böhm (KPD), Oswald Hanisch (evangelische Kirche), Erich Honecker (KPD), Heinz Keßler (KPD), Manfred Klein (CDU), Heinrich Külkens (KPD), Robert Lange (katholische Kirche), Rudolf Mießner (KPD), Gerhard Rolack (KPD), Paul Verner (KPD), Fritz Votava (SPD) und Theo Wiechert (SPD).

Aus den Zielen:

1. die Erhaltung der Einheit Deutschlands; 2. die Gewinnung der deutschen Jugend für die großen Ideale der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokratie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft; die aktive Teilnahme aller Jungen und Mädel beim Neuaufbau unseres Vaterlandes; 4. die Schaffung eines neuen Deutschlands, das der Jugend das Mitbestimmungsrecht durch ihre aktive Teilnahme an der Verwaltung des öffentlichen Lebens einräumt, das allen Jungen und Mädel ohne Unterschied ihrer Herkunft, des Vermögens und des Glaubens eine gute Berufsausbildung, Zutritt zu allen Bildungs- und Kulturstätten, gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit, ausreichend Urlaub und Erholung sichert; 5. die Förderung unseres jugendlichen Zusammengehörigkeitsgefühls durch die Entwicklung aller Interessengebiete.

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