Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Euphemistischer Gebrauch

Zu jW vom 1. März: »In ihrer eigenen Übersetzung«

Der oft als progressiv verstandene Begriff »Handicap« wird im britischen und angloamerikanischen Sprachraum kaum noch verwendet. Zu sehr erinnert er an »cap-in-hand«, das heißt an die Verknüpfung von Behinderung und »betteln«. In Deutschland wird das Wort oft rein euphemistisch gebraucht, als Ersatz für »behindert«. Dann verzichtet man aber auf die soziale Bedeutung, die das Wort »behindert« enthält – eine Person wird von der Umwelt behindert, nicht von ihrem Körper. Deutsch-englische Wortfusionen wie »gehandicapt« sollte man ohnehin vermeiden.

Daniel Horneber, per E-Mail

Demoralisierendes Ereignis

Zu jW vom 24. Februar: »Keine leichte Beute«

Ich muss Ingo Höhmann in einem wichtigen Punkt widersprechen: Die Moral der Wehrpflichtigen mit »keine Begeisterung« zu umschreiben, ist, zumindest für die 80er Jahre, ein Euphemismus. Die »Asche« war bei den meisten zutiefst verhasst – und daran hatte insbesondere die völlig absurd betriebene »innere Ordnung« (z. B. Spindkontrollen und auf Millimeter genau gefaltete Unterwäsche mit z. T. drastischen Strafen) einen erheblichen Anteil.

Bei der Bekämpfung der EK-Bewegung (»Entlassungskandidaten«) die Offiziere als »in der Pflicht« zu sehen, macht den Bock zum Gärtner. Die Bewegung war doch für die Bequemlichkeit der Unteroffiziere essentiell: Nur durch die zum Teil menschenverachtenden »Hierarchiespielchen« konnte ein Hinterfragen diverser »Maßnahmen« verhindert, der in der sozialistischen Bildung stets hoch bewertete Gerechtigkeitssinn, den besonders auch Wehrpflichtige mit Abitur im ersten Diensthalbjahr mitbrachten, gebrochen und ein möglichst reibungsloser Dienstablauf gewährleistet werden. (…)

Die NVA-Zeit war für mich und alle meine ehemaligen Mitschüler, die eigentlich motiviert für die DDR eintraten (und heute mit Verve »das bessere Deutschland« argumentativ verteidigen), ein demütigendes und demoralisierendes Ereignis in unserem noch jungen Leben, welches das Bild eines gerechten, zutiefst humanistischen Staates stark beschädigte. Leider.

Christian Reichhoff, per E-Mail

Einheit in Vielfalt

Zu jW vom 24. Februar: jW-Spezial »Armee des Friedens«

Herzlichen Dank für die Beilage über die Nationale Volksarmee (NVA) und vor allem für diesen klaren Titel. Ja, die NVA war die Armee des Friedens – nicht die Bundeswehr, in der ich dienen musste. Dort gab es zwar auch zeitweilig den Slogan »Der Frieden ist der Ernstfall«, aber wirklich ernst gemeint war das leider nicht, wie sich nach DDR-Vereinnahmung und NVA-Auflösung dann nur zu bald zeigte.

Dass diese Armee des Friedens sich übrigens als »National« bezeichnete, sollte all jene nachdenklich machen, die die richtige Antwort auf den bürgerlichen Chauvinismus in einem Nations­nihilismus sehen. Jene, die meinen, die Nation sei etwas prinzipiell Suspektes, eine willkürliche Gedankenkonstruktion obendrein. Dabei wird umgekehrt ein Schuh draus: Der antichauvinistische Internationalismus hat die Existenz verschiedenartiger Nationen zur Voraussetzung! Er will deren Einheit in Vielfalt, nicht aber deren Vereinheitlichung. (…)

Hajo Kahlke, per E-Mail

Nie an Krieg beteiligt

Zu jW vom 1. März: »Spurensuche in Sachen NVA«

Egal was man über die NVA denkt und welche Erfahrungen man mit dieser Armee gemacht hat, so ist doch festzustellen, nie hat sich dieser »Verein« an einem Krieg beteiligt, und darüber sollte man als Humanist nachdenken. Und gerade heute, wo wieder nach Carl von Clausewitz der Krieg als »Politik mit anderen Mitteln« weiter modifiziert und hoffähig gemacht wird. (…)

Mirko Scharmann, per E-Mail

»Rechts«staatlicher Zustand

Zu jW vom 27./28. Februar: »Imagepolitur des Tages: Marzahn Hills«

jW hat sich im Club der Marzahn-Stigmatisierer eingeschrieben. Danke! Mit kruden Ideen des Stadtmarketings, von aufstrebenden Bezirksgrößen einschließlich Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und diverser anderer Bestimmer aus dem Senat, hat kein Marzahner und Hellersdorfer etwas am Hut. Der Verfasser des Artikels hat sich eine Grusel­expedition in diesen Bezirk verdient. Die Tour sollte das Hansa-Viertel (…), die Gropiusstadt und das Märkische Viertel in Berlin mit zum Ziel haben. Oder München-Neuperlach, Heidelberg, Hamburg, Würzburg, Köln und Bremen als weitere Stationen. Alt-Erlaa in Wien nicht zu vergessen oder die USA, die Schweiz und Frankreich usw., wo industriell gebaut wurde. (…) NSU, AfD, Pegida und Co. sind Symptome für den allgemeinen »rechts«staatlichen Zustand dieses Landes.

H.-J. Nagel, Berlin-Ost

Stimmgewaltige Einmischung

Zu jW vom 23. Februar: »Raus aus dem Stübchen«

Ergänzend zum wie immer glänzend recherchierten Feldbauer-Beitrag über den sehr betrauernswerten Tod Umberto Ecos sei hier nur soviel angemerkt: In Italien gibt es mehrere mit U. Eco vergleichbare Wissenschaftler und journalistisch arbeitende Publizisten, die sich gern und exemplarisch zivilcouragiert aus ihren Studierstübchen wagen und sich aktiv in die hier wir dort äußerst beklagenswerten Zeitläufte stimmgewaltig einmischen. Wie vor allem Tomaso Montanari und Salvatore Settis, zwei über die Grenzen hinaus namhafte (…) Wissenschaftler, die wie seinerzeit Eco nahezu täglich in allen namhaften Printmedien auftreten und das auch gern dürfen, um politisches Fehlverhalten und Interessen aufzudecken und anzuprangern. Gibt es doch dafür auf dem Stiefel eine zum Glück weiterhin in der Breite deutlich kritisch orientierte Leserklientel. Ganz im Gegensatz zu unseren (nahezu) ausnahmslos schweigsamen, journalistischen Konsensverhältnissen.

Wolfgang Neustadt, Hallstadt

Bei der Verwendung des Begriffs ›Handicap‹ verzichtet man auf die soziale Bedeutung, die das Wort ›behindert‹ enthält – eine Person wird von der Umwelt behindert, nicht von ihrem Körper.