Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Eine Frage der Stimmung

Unklares Erschauern: Gerhard Richters »Birkenau«-Bilder in Baden-Baden

Von Werner Jocks
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Diesen Zyklus »Birkenau« zu nennen, ist Suggestion, eine den Gemälden äußerliche Behauptung

Im aktuellen Kunstbetrieb ist es schon erfreulich, wenn man in einer Ausstellung nicht auf Werke esoterischer Innenschau, sondern solche trifft, in denen es um die Verarbeitung gesellschaftskritischer Themen geht. Wenn es sich dabei um sogenannte große Künstler handelt, bestünde auch die Chance, diesen Themen eine größere Aufmerksamkeit beim Publikum zu verschaffen. In Gerhard Richters vier »Birkenau«-Bildern, die gegenwärtig in der Burda-Kunsthalle in Baden-Baden ausgestellt sind, geht es um ein solches Thema.

Der Maler beschäftigt sich laut Selbstaussage seit einem halben Jahrhundert mit dem Thema der Massenvernichtung von Menschen durch den deutschen Faschismus, seit er im Alter von Mitte 20 erstmals Fotos von KZs sah. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist der in Baden-Baden zu sehende abstrakte Zyklus im Großformat. Ausgangspunkt sind vier die Verbrechen dokumentierende Schwarzweißfotografien, die jüdische Häftlinge unter Lebensgefahr aus dem Lager geschmuggelt haben. Diese Fotos hat Richter auf große Leinwände projiziert und mit Hilfe der von ihm perfektionierten Rakeltechnik mehrfach übermalt, um so per »gelenktem Zufall« die Stimmung des Bildes zu steuern.

Weil die Gemälde sehr abstrakt sind, können sich auch die Assoziationen des Betrachters auf einem hohen Grad von Beliebigkeit bewegen. Der Hinweis auf die Verbrechen im KZ Auschwitz-Birkenau kann zwar beim vorinformierten Betrachter Moll-Schwingungen in Gang setzen oder verstärken. Aber umgekehrt führt ohne Vorinformation kein Weg von der Stimmung der Bilder zu den Verbrechen von Birkenau. Und schon gar nicht tragen diese Bilder zur Aufklärung über die Hintergründe oder sonstwie zur Vertiefung von Erkenntnis bei. An diesem Punkt versucht die Kunstkritik zur künstlichen Herstellung von Sinn Bedeutungsebenen zu suggerieren, ohne sie aus der Beschreibung des Kunstwerkes ableiten zu können. Solche konkreten Bedeutungen können allerdings schon wegen der von Richter verwendeten bildnerischen Technik nicht abgeleitet werden. Die Rakeltechnik ist eine Technik zur Erzielung abstrakter Zufallseffekte. Figurative Andeutungen werden so weitgehend ausgeschlossen.

Konkrete inhaltliche Bedeutungsbezüge, wie sie zum Beispiel ein Gemälde wie Picassos »Guernica« erzeugt, lassen sich nur mit bewusst angelegten Figurationen herstellen. Peter Weiss hat dies in der »Ästhetik des Widerstands« mustergültig herausgearbeitet. Im Gegensatz zu solchen künstlerischen Intentionen geht es Richter offenbar lediglich um die Herstellung einer abstrakten Moll-Stimmung, was durch die Verwendung bestimmter Farben, ihre starke Reduzierung und eben die strikte Vermeidung oder weitestgehende Reduktion figurativer Andeutung erreicht wird. So werden die vier als Vorlage verwendeten Schwarzweißfotografien zwar auf die Leinwand projiziert, aber durch mehrfache Übermalung bis auf die Andeutung einer dunklen Stimmung wieder unsichtbar gemacht. Die Bedeutungsebene der »Birkenau«-Gemälde reduziert sich so auf die bildnerische Verdichtung subjektiver Betroffenheit, in diesem Fall Gerhard Richters Erschauern über die ungeheuren Verbrechen des deutschen Faschismus. Wo zum Beispiel eine Redakteurin der Rheinischen Post »ungute Vibrationen« empfindet oder sich an Hiroshima erinnert fühlt, an die Endzeitstimmung im Irak oder das Grauen und den Völkermord in Syrien, fühlt sich ein anderer Betrachter vielleicht nur irgendwie traurig. Eine verbindliche Bedeutungsrichtung lässt sich aus den Gemälden in keiner Weise ableiten. Sie »Birkenau« zu nennen, ist Suggestion, eine den Gemälden äußerliche Behauptung.

Die Herstellung einer Requiem-Stimmung bei der Behandlung von Themen mit politischem Hintergrund ist offenbar ein Markenzeichen von Gerhard Richter. Diesen Effekt erzielte er schon in seinem sogenannten RAF-Zyklus, der sich auf die nie endgültig geklärten Umstände des Todes der RAF-Mitglieder im Stammheimer Gefängnis bezog. Auch diese Gemälde sind nach der Vorlage von Schwarzweißfotos gestaltet. Zu sehen sind Szenen aus dem Gefängnis und vom Trauerzug der RAF-Sympathisanten bei der Beerdigung. Die auf die Leinwand übertragenen Fotos sind nach des Malers bekannter Methode bewusst wieder bis zur Unkenntlichkeit verwischt, was die Stimmung ins Mystische steigert. Selbst der in der Gefängniszelle von Ulrike Meinhof benutzte Schallplattenspieler wird mit geheimnisvoller Bedeutung aufgeladen. Man muss Richter lassen, dass er Stimmungen meisterlich in Szene zu setzen versteht. Eine irrationale Suggestion, die den Betrachter der Bilder durchaus beeindrucken kann.

Der Abstraktionsgrad und die Mystifizierungstendenz der Gemälde des RAF-Zyklus wird in den »Birkenau«-Bildern noch einmal gesteigert. Bei der künstlerischen Gestaltung von politischen Themen muss nichtfigurative Abstraktion aber versagen. Stimmungen zu erzeugen, ohne die sie verursachenden Widersprüche wenigstens ansatzweise sichtbar zu machen, fördert keine Erkenntnis.

Bis zum 29. Mai, Burda-Kunsthalle, Baden-Baden

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