Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Wenn die Preise fallen

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise

Warum will keine Heiterkeit aufkommen, wenn die Inflationsrate wie im Februar unter null Prozent fällt? Der Preisindex für Waren, die die Endverbraucher kaufen, ist im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent gesunken. Die Zahlen gelten für das Euro-Gebiet. In Deutschland allein sind die Preise noch leicht im Plus. Aber die Tendenz ist eindeutig: Seit Anfang 2012 geht die Inflationsrate zurück. Natürlich nicht geradlinig. Dennoch ist an der Tendenz nicht zu deuteln. Noch klarer wird die Tendenz mit Blick auf die Produzenten-, Großhandels- und Einfuhrpreise. Hier liegt die Inflationsrate bei minus drei Prozent. Fast immer folgen die Preissteigerungsraten für allgemeine Verbrauchsgüter deren Entwicklung. Als Hauptursache für die sinkenden Verbraucherpreise wird meist der Ölpreis genannt, der in der Tat vom Sommer 2014 bis heute stark gefallen ist und, weil Erdöl ein so universell eingesetzter Rohstoff ist, auf alle anderen Kosten und Preise einen sehr großen Einfluss hat.

Zwar sind sinkende Preise generell für die Verbraucher angenehm, sind ein sinkender Ölpreis oder überhaupt sinkende Preise von importierten Waren für die betreffende Volkswirtschaft erfreulich, wenn aber alle Preise eher zurückgehen, ist das in einer kapitalistischen, hochmonopolisierten Wirtschaft ein übles Alarmzeichen. An der Entwicklung der Warenpreise lässt sich der Zustand der Wirtschaft gut ablesen. Stagnierende oder fallende Preise sind das untrügliche Zeichen für eine Überproduktionskrise. Die Ursache dafür ist denkbar einfach. Wird im Verhältnis zur effektiven, also mit Geld unterlegten, Nachfrage zuviel produziert, sinken die Preise. Besonders ärgerlich ist an dieser Situation, dass das nicht in einem Land und nicht nur zeitweise geschieht. Es ist vielmehr ein weltweites Phänomen. Wir haben es, wie es sich mittlerweile schon herumgesprochen hat, mit einer Weltwirtschaftskrise zu tun.

Vergleicht man diese Krise mit der vorigen großen Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, so stellt man fest, dass auch damals das auf breiter Front sinkende Preisniveau ein Krisenzeichen war. Die Lebensmittelpreise sind damals in vielen Ländern, etwa in den USA und Deutschland, dramatisch gefallen. Die Bauern blieben auf einem Großteil ihrer Ernte sitzen, während die Menschen in den Städten sich auch die billig gewordenen Grundnahrungsmittel nicht mehr in ausreichendem Maße leisten konnten. Die Krise war damals schärfer als heute. Ein Grund dafür ist der heute viel größere Staatssektor, der zwar zum Nutzen der Kapitalverwertung betrieben wird, nicht jedoch nach dessen Regeln funktioniert. Es kommt hinzu, dass die Wirtschaftspolitik heute – auf imperialistische Weise – ein wenig rationaler geführt wird. Die auf null reduzierten Zinsen der Zentralbanken sind ein Faktor, die zu Beginn der Krise stark ausgeweiteten Staatsschulden ein anderer. Mit Verzögerung und langsam tritt die Weltwirtschaft heute ins Stadium der Depression.

Unser Autor ist Finanzjounalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.

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