Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 6 / Ausland

Riad provoziert Teheran

Golfkooperationsrat stuft libanesische Hisbollah als »Terrororganisation« ein

Von Gerrit Hoekman
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Siegesparade: Anhänger der Hisbollah schwenken Fahnen auf einer Demonstration (Wadi Al-Hujeir, 14.8.2015)

Sie sind nicht allein, mein Herr!« überschrieb die libanesische Tageszeitung As-Safir gestern einen ihrer Kommentare und meinte Hassan Nasrallah, den Führer der schiitischen Hisbollah im Libanon. Der Hintergrund der Solidaritätsadresse: Der von Saudi-Arabien dominierte Golfkooperationsrat (GCC) hatte am Donnerstag die »Partei Gottes« als terroristische Organisation eingestuft. Damit habe Riad dem gesamten Libanon den Krieg erklärt, kommentiert As-Safir den Entschluss.

Die Entscheidung des GCC, in dem abgesehen vom Jemen alle Staaten auf der Arabischen Halbinsel vertreten sind, zieht weit größere Bahnen – sie ist ein neuer, aggressiver Affront gegen den Iran, der neben der syrischen Regierung in Damaskus der wichtigste Hisbollah-Verbündete in der Region ist.

Saudi-Arabien schürt den Streit mit Teheran. Durch die Hinrichtung des schiitischen Religionsgelehrten Nimr Al-Nimr wurde der Konflikt bedrohlich verschärft. Riad will damit den bewaffneten Konflikt im Mittleren Osten zu einem Glaubenskrieg zwischen Sunniten und Schiiten machen.

Den Saudis ist es ein Dorn im Auge, dass die Hisbollah im Krieg in Syrien an der Seite von Präsident Baschar Al-Assad gegen die sunnitischen Dschihadisten des »Islamischen Staats« (IS) und der Al-Nusra-Front kämpft, dem syrischen Ableger von Al-Qaida. Die beiden Organisationen stehen für eine strenge islamische Richtung, die ihren geistigen Ursprung im erzkonservativen wahhabitischen Saudi-Arabien hat.

Ohne Zweifel ist, dass reiche Geschäftsleute aus der Golfmonarchie seit langem die Al-Nusra-Front, wenn nicht sogar den IS mit viel Geld unterstützen. Die Regierung in Riad streitet indes ab, die Islamisten zu päppeln, sie helfe lediglich den vermeintlich gemäßigten Rebellen.

Seitdem die russische Luftwaffe auf seiten der syrischen Regierung in den Konflikt eingegriffen hat, sind die sunnitischen Kräfte auf dem Rückzug. Die täglich prekärer werdende Lage hat die Assad-Gegner zu der momentanen Feuerpause gezwungen.

Das ist gut für das Land und die Menschen, aber schlecht für Saudi-Arabien, das nach wie vor am Sturz der laizistischen syrischen Regierung festhält und statt dessen ein religiöses Regime installieren möchte. Da aber bewaffnete Gruppen wie die Al-Nusra-Front und der »Islamische Staat« explizit vom Waffenstillstand ausgenommen sind, machen die syrische Armee und ihre Verbündeten weiterhin jeden Tag Boden gut.

Unlängst drohte Riad deshalb mit dem Einmarsch seiner Truppen in Syrien und der Lieferung von Bodenluftraketen an die Milizen. Damit würden auch russische Jets ins Visier geraten. Im Moment findet zudem im Norden von Saudi-Arabien ein riesiges Manöver statt, an dem der saudischen Presseagentur SPA zufolge 20 islamische Staaten beteiligt sind, darunter auch die Türkei.

Um der kampfstarken Hisbollah beizukommen, setzt Saudi-Arabien jetzt den Libanon unter Druck, der sich bisher hartnäckig weigert, die Golfmonarchien gegen den Iran zu unterstützen. Mitte Februar zog Riad die Daumenschrauben an und setzte bis auf weiteres die Militärhilfe in Höhe von 3,6 Milliarden Euro an den Zedernstaat aus. Ein schwerer Schlag für das wirtschaftlich geschwächte Land, das zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien versorgen muss. Vor ein paar Tagen rief die saudische Regierung darüber hinaus offensichtlich alle ihre Landsleute auf, den Libanon zu verlassen.

»An der Situation der Hisbollah wird der Beschluss des Kooperationsrates nichts ändern«, ist sich die Tageszeitung As-Safir trotzdem sicher. Denn die Hisbollah ist nicht nur eine kämpfende Miliz, sondern auch eine Partei, die als politisches Sprachrohr der Schiiten im libanesischen Parlament sitzt. Sich gegen die Hisbollah auf die Seite der Saudis zu schlagen, ist deshalb für jede Regierung in Beirut schier unmöglich. Sie würde dadurch das fein austarierte Proporzsystem gefährden und einen neuen Bürgerkrieg im Libanon riskieren.

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