Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 5 / Inland

Gift im Urin

Studie weist Glyphosat bei fast allen Teilnehmern nach

Von Simon Zeise
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Sie alle sollten befragt werden, was sie von Glyphosat halten. Vom Gift betroffen sind sie wahrscheinlich bereits (Anti-TTIP-Demo in Berlin, 10. Oktober 2015)

Wir alle sind bereits vergiftet. So könnte man die Laborergebnisse von 2.009 Probanden zusammenfassen, die sich bereit erklärt hatten, eine Urinprobe auf das Pestizid Glyphosat untersuchen zulassen. 99,6 Prozent der Teilnehmer an der »Urinale 2015«, wie die Initiatoren ihre Kampagne nannten, waren betroffen, bei 75 Prozent wurden sogar deutlich überhöhte Werte festgestellt. Bei ihnen war die Dosis im Urin mit mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter fünfmal so hoch wie der Grenzwert für Trinkwasser, der bei 0,1 Mikrogramm pro Liter liegt. Die Ergebnisse wurden am Freitag in Berlin vorgestellt.

Das Pflanzengift Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Menschen kommen mit dem Herbizid über Lebensmittel, Trinkwasser oder etwa als Landwirte in Kontakt. Weil keine staatliche Stelle ihrer Aufgabe nachkommt, flächendeckend zu prüfen, welche Ausmaße die Belstung mit dem Giftstoff bisher erreicht, hatten mehr als 2.000 Menschen Urinproben gesammelt und deren Untersuchung im Labor »Biocheck Holzhausen« selbst bezahlt. Monika Krüger, emeritierte Veterinärmedizinerin am Institut für Bakteriologie und Mykologie in Leipzig, die die Urinproben untersucht hatte, erklärte, dass durch Glyphosat eine »Gefahr« für die Gesundheit darstelle.

Nach den Untersuchungsergebnissen haben Männer deutlich mehr Rückstände im Urin als Frauen. Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren waren am stärksten belastet. Die Teilnehmer der Studie über 70 wiesen die geringsten Werte auf. Sogenannte Mischesser hatten mehr Glyphosat im Körper als Vegetarier, Bioesser weniger als Käufer »herkömmlicher« Nahrungsmittel. Auch wenn die Ergebnisse noch nicht repräsentativ seien, so stellten sie »die zahlenmäßig größte Untersuchung dieser Art weltweit« dar, sagte Krüger. Zur Einschätzung der »gesundheitlichen Bedeutung dieser Ergebnisse müssten weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt werden«. Zusammenhänge zwischen der Belastung mit Glyphosat durch Lebensmittel, Trinkwasser, beruflichen Kontakt und dem Gesundheitsstatus sowie bestimmten Erkrankungen in der Bevölkerung müssten beleuchtet werden, so Krüger.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht das anders. Die Behörde wusste am Freitag, dass Glyphosat im Urin in geringer Konzentration zu erwarten sei. »Sie zeigen, dass Glyphosat, vorwiegend mit dem Urin, rasch wieder ausgeschieden wird«, sagte ein Sprecher gegenüber dpa. Also kein Problem? Was oben rein kommt, kommt unten wieder raus? Dem sei nicht so, widersprach Krüger. Einmal aufgenommen, zirkuliere der Stoff zunächst durch den ganzen Körper. Eine Langzeitstudie an Ratten habe gezeigt, dass bereits eine geringe Dosis von Glyphosat, weit unter den offiziellen Sicherheitsgrenzwerten, zu schweren Veränderungen in Leber und Niere führen können.

Bereits am Montag könnte auf europäischer Ebene über eine erneute Glyphosat-Zulassung entschieden werden. Die EU-Kommission plädierte zuletzt für eine Verlängerung bis 2031. Der Wirkstoff ist seit rund 40 Jahren auf dem Markt und steckt in zahlreichen Pflanzenschutzmitteln. Rund 5.000 Tonnen Glyphosat landen jährlich auf deutschen Äckern, das sind 15 Prozent der gesamten Pestizidmenge. Dass die weitere Zulassung so schnell erfolgen soll, erklärte die anwesende Autorin Ute Scheub, Verfasserin des Buches »Ackergifte? Nein danke!« damit, dass die Vertragsverhandlungen des »Freihandelsabkommens« zwischen der EU und der USA, TTIP, 2016 abgeschlossen werden sollen. Monsanto, der größte Hersteller von Glyphosat habe ein enormes Interesse daran, dass seine Produkte in Europa zugelassen bleiben.

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