Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 15 / Feminismus

Konservative aller Religionen vereint

Indonesien: Breite Allianz gegen mehr Rechte für sexuelle Minderheiten

Von Thomas Berger
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Feindseligkeit gegenüger sexuellen Minderheiten ist in Indonesien Mehrheitsmeinung: Mit diesem Plakat in Bandung, der drittgrößten Stadt des Landes, erklärt eine islamistische Gruppe, Lesben und Schwule dürften sich in dem Gebiet rund um die Metropole nicht aufhalten

Der Vorgang hat in Indonesien Seltenheitswert. Repräsentanten der wichtigsten religiösen Verbände haben sich kürzlich zwecks Herausgabe einer gemeinsamen Erklärung zusammengefunden. So zerstritten die Kleriker der verschiedenen Glaubensrichtungen sind – bei einem Thema liegen sie auf einer Linie: Sie alle lehnen mehr Rechte für sexuelle Minderheiten strikt ab. Und so haben der indonesische Ulama-Rat (MUI, Vereinigung der höchsten islamischen Geistlichen), die katholische Bischofskonferenz, der Rat der buddhistischen Gemeinschaften (Walubi) und der Konfuzianische Hohe Rat (Matakin) in einer Ende Februar veröffentlichten Resolution lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Lebensweisen als »Krankheit« eingestuft. Chancen auf eine »Heilung« könnten deshalb nicht erhöht werden, wenn man sich hinter die Bewegung für Legalisierung, Anerkennung und gleiche Rechte stelle. Yusnar Yusuf, beim MUI zuständig für Fragen der »Toleranz«, erläuterte in einem Statement, gerade ein harter Kurs gegenüber diesen Personen sei notwendig, um sie mittelfristig »zurück zur Normalität zu führen«.

Solche Äußerungen kommen nicht nur von einer kleinen Gruppe oder lediglich der hohen Geistlichkeit, sondern sind in dem südostasiatischen Inselstaat, der zugleich derjenige mit den meisten Muslimen auf dem Erdball ist, weit verbreitet. Wer mit einer anderen sexuellen Orientierung lebt, muss dies – gerade auf dem Land – oft geheimhalten, will er oder sie nicht soziale Ächtung oder gar Übergriffe riskieren. Eine ähnliche Haltung gegenüber diesen Menschen haben selbst religiöse Minderheiten, die ihrerseits vielfach durch islamistische Hardliner unter Druck gesetzt werden.

Noch am 17. Mai vergangenen Jahres, dem Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie, waren Vertreter der »LGBT« (Lesbians, Gays, Bisexuals, Transsexuals, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) mit der Regenbogenfahne durch das Zentrum der Hauptstadt Jakarta gezogen. Die Metropole ist einer der wenige Orte, wo solche Demonstrationen für die Rechte sexueller Minoritäten überhaupt möglich sind. Seither hat sich das gesellschaftliche Klima eher noch verschlechtert. Neben einigen explizit radikalen Gruppen steht gerade auch der MUI in der vordersten Front der Gegner von mehr Gleichberechtigung. Bereits 2014 hatte der Islamrat in einer Fatwa (Gutachten von geistlichen Rechtsgelehrten) Homosexualität als »haram« eingestuft, also als verboten nach der Scharia, dem traditionellen Rechtssystem des Islam. Untermauert wurde dies jetzt noch einmal durch eine Einschätzung, die einen Tag vor der gemeinsamen Erklärung der Vertreter der großen Religionen publiziert wurde. Wie der MUI-Vorsitzende Ma’ruf Amin vor der Presse verkündete, seien LGBT-Gemeinschaften »gegen die Verfassung und gegen die religiöse Norm«.

Diese Sichtweise wird auch in Regierungskreisen geteilt. Es war ausgerechnet Muhammad Nasir, der Minister für Forschung, Technologie und höhere Bildung, der die jüngste Kontroverse zum Thema ausgelöst hatte. Das Kabinettsmitglied von Präsident Joko Widodo, der in Glaubensfragen als eher liberal gilt, hatte LGBT-Gruppen aus den Universitäten verbannt, nachdem bekanntgeworden war, dass an einer Hochschule ein Beratungsangebot für Studenten aus dieser Gemeinschaft installiert worden war. Nasirs Ministerkollege Luhut Pandjaitan, zuständig für Sicherheitsfragen, sprach sich in einem Statement zwar für den Schutz von Homo-, Bi- und Transsexuellen sowie für gewisse Rechte aus. Auch bei ihm war aber nur anderthalb Sätze später von einer »Krankheit« die Rede, die »heilbar« sei.

Bei soviel Unwissen und Vorurteilen selbst in höchsten politischen Kreisen nutzt es wohl vorerst wenig, dass Roslan Yusni Hasan, ein führender Neurochirurg des Landes, ebenfalls dieser Tage vor Journalisten darauf verwies, dass die Ausprägung von Geschlecht und sexueller Orientierung eine komplexe Angelegenheit sei, die schon vor der Geburt im Mutterleib erfolge, also mitnichten eine Erkrankung darstelle. In der Regierung aber haben konservative Kräfte das Sagen, und so hat sie beispielsweise beschlossen, das Internetportal Tumblr im Land stillzulegen, weil dort neben pornographischen Beiträgen auch Blogs der LGBT-Gemeinschaften zu finden seien.

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