Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Neues aus der Bodenhaltung

Kreuzberger Notizen

Von Eike Stedefeldt
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Begegnung nach StVO (Bergmannstraße im Winter 2015)

Sie sind gefragt!« Tja, hätten mit diesem Plakat der graumelierte Apotheker am U- Bahnhof Gneisenaustraße oder mein noch tausendmal schönerer Nachbar die Einflugschneisen unsrer lokalen Touristen- und Rich-Kids-Meile tapeziert, ich hätte mich nicht lange geziert. »Neues Miteinander in der Bergmannstraße« heißt jedoch nur das unerotische Motto von Bezirks­amt und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Die ihre »Fußverkehrsstrategie für Berlin« im »Modellprojekt Begegnungszonen« an des grünen Volkskörpers lebendigem Leibe testen wollen. »Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lädt Sie zum Mitmachen ein!« Denken Sie auch manchmal über den Sinn von Ausrufezeichen nach? »Diskutieren Sie mit uns erste Ideen für die Begegnungszone.« Heute halb sieben Columbia-Theater? – Liebes Bezirksamt, du kannst mir mal! Ja, im Mondschein begegnen. Meinetwegen auch auf der Bergmannstraße. Aber nicht in einer dösigen »Bürgerwerkstatt«.

So nämlich heißt der plakatierte Zirkus, eine Unterart der »Bürgerbeteiligung«, auf die ein sattes Ökobürgertum stets verfällt, wenn ihm das selbstgehäkelte Chaos zu dichte rankommt. Auf der Geschäftsgrundlage, bloß kein heiliges Eigentum anzutasten, lässt sich freilich nur ein Irrsinn durch einen anderen ersetzen. Den faulen Zauber kann sich der bei Trost befindliche Anwohner somit sparen.

Falls Sie nie von der in aller Welt als »must see« gerühmten Bergmannstraße gehört haben: In dem prächtigen Gründerzeitviertel lebten vor zwanzig Jahren noch Leute wie Sie und ich – zur Miete. Sie trafen sich in gewöhnlichen Eckkneipen und fanden in den kleinen Läden ihrer Kiezmagistrale oder der Markthalle Waren des täglichen Bedarfs zu zivilen Preisen. Da es ein günstiges Stück Alt-Berlin war, wurde es zum Insidertip: für Studenten mit Papis Kreditkarte oder für Startups der »Kreativwirtschaft«. Man war, tat und wählte, was sich kulturell »links« oder »alternativ« anfühlte, und stutzte denn auch gar nicht, als man in dem Maße aufstieg wie andere ab, als alte Mieter fortzogen, während man als Wohneigentümer blieb und die Straße in ihrem ökonomischen Höhenflug herunterkam.

Menschen mit normalniedrigem Einkommen haben in der Bergmannstraße noch genau ein Lebensmittelgeschäft: den Netto-Discount; Kaiser’s Tengelmann nebenan zielt längst auf die kaufkräftige Bioklientel ab. Lädierte Kleidung verrät hier keineswegs mehr Armut, sondern Lifestyle. In unterkühlten Cafés machen wie geklont wirkende Note­book-Inhaber auf Topjournalistin und Avantgardekünstler. Die Tische der Außengastronomie nötigen einen zum Slalomlauf, und zwischen Boutiquen und den glutenfreien bis dinkelhaltigen Ständen dessen, was mal eine Markthalle war, inszeniert sich zwanghaft eine jugendliche Dynamik, die jeden verbliebenen Alten begafft wie einen längst überfälligen Todesfall.

Das teure Einerlei beginnt die neuen Nachbarn nun erheblich zu langweilen. Die stinkende, knatternde, hupende, klingelnde, brüllende Dauerkampfzone unten entwertet oben zudem die Lofts, Maisonettes und Veranden. Wo soll man inmitten all der schweren Limousinen an den Bordsteinkanten noch sein SUV mit dem Chromgestell für die Mountainbikes parken? Selbst mit dem Fahrrad kommt man kaum durch, und wer zu Fuß auf die andere Seite will, muss sich zwischen Stoßstangen durchquetschen – samt Nachwuchs und Jutetaschen!

Ein »neues Miteinander in der Bergmannstraße« soll nun also ein System zähmen, das es – Anarchie und Konkurrenz – ohne Gegeneinander nie und nimmer gäbe? Heiterkeit im Saal! Da wird zwecks »Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer« beruhigender Kreisverkehr an Kreuzungen erwogen und eine Fahrbahnverengung durch Mittelinseln. Würde, wer noch alle beisammen hat, nicht erst mal überlegen, wer eigentlich wem in dieser »Begegnungszone« begegnet? Gewiss, nur stünde dann schon hinter der nächsten Hirnwindung ein Stopschild für Pkw. Eine »Begegnungszone«, die dem motorisierten Individuum wohlwollend begegnet, wird nie mehr sein als akzeptierende Sozialarbeit für den Stärkeren: den Pferdestärkeren mit dem fetteren Konto und der eingebauten Vorfahrt. So nämlich, und nur so funktioniert der »Interessenausgleich« im Kapitalismus: Wer nichts hat, nimmt am Ende Rücksicht auf den, der viel, mehr oder alles hat.

Dass keine von Autos befreite Bergmannstraße zur Debatte steht, die Fußgängern, Radlern und Lieferwagen vorbehalten ist, mit Bussen im Fünfminutentakt und Bänken zum Ausruhen beim Wocheneinkauf, ist so wenig Zufall wie die Ignoranz gegenüber den Postkartenmotiven von 1900, die man hier den Weltreisenden verkauft und die eine lebenswerte Straße zeigen. Warum nicht die ursprünglichen schmiedeeisern umgitterten Vorgärten wieder anlegen – als grüne Oasen und freundlich-bestimmte Einhegung der touristischen Eventgastronomie?

Weil man Daimler und BMW, Audi und VW so nicht … begegnet.

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