Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Wenn sich der Tod nutzlos fühlt

Entstanden in Theresienstadt: »Der Kaiser von Atlantis« in der Kammerbühne der Dresdner Semperoper

Von Dietrich Bretz
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Harlekin und der Tod fühlen sich im Krieg allein

Zu betonen ist, dass (…) wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kunstwille unserem Lebenswillen adäquat war.« Das sind Worte des Komponisten Viktor Ullmann, der 1898 im deutsch-böhmischen Decin als Sohn eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden geboren wurde. Und der 1942 in das Ghetto Theresienstadt eingeliefert und 1944 in Auschwitz umgebracht wurde.

Im Angesichts des Todes entfalteten die nach Theresienstadt deportierten jüdischen Künstler kulturelles Leben – gleichsam als Überlebensmittel. Dies wurde von der Nazipropaganda für den Film »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«, eine Auftragsarbeit der SS, perfide instrumentalisiert, indem sie Theresienstadt auf absurd-monströse Weise zum Vorzeigeghetto stilisierte.

Ullmann komponierte dort zahlreiche Werke, unter denen seine Kammer­oper »Der Kaiser von Atlantis« besonders herausragt. Er konnte das Werk noch bis zur Generalprobe begleiten, seine Aufführung jedoch wurde untersagt und geschah erst 1975 in Amsterdam. Ullmann starb in der Gaskammer.

Er hatte 1918/19 Komposition bei Arnold Schönberg in Wien studiert, Kurse bei Alois Hába in Prag besucht und sich darüber hinaus mit der Anthroposophie Rudolf Steiners beschäftigt. Das Verhältnis des Individuums zu einem Unrechtssystem fand schon in seiner Oper »Der Sturz des Antichrist« 1935 eine beachtliche künstlerische Formung. Sein Spiel in einem Akt »Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung« ist nachgerade eine Parabel auf ein diktatorisches System. In dem ebenfalls in Theresien­stadt eingesperrten Graphiker Peter Kien fand Ullmann einen kongenialen Textdichter. Er wurde ebenfalls 1944 in Auschwitz umgebracht.

Mit gespannter Erwartung sah man nun der Dresdner Erstaufführung des Werkes unter Leitung des Dirigenten Johannes Wulff-Woesten und der Regisseurin Christiane Lutz Ende Februar entgegen. Der sagenhafte versunkene Inselstaat Atlantis, in dem die Autoren Ullmann und Kien das Geschehen angesiedelt haben, erscheint als Allegorie auf den Faschismus.

Im Prolog treten Harlekin, das Prinzip Leben verkörpernd, und der personifizierte Tod als Symbolfiguren ins Geschehen, die an einem Billardtisch über den schicksalhaften Lauf der Welt reflektieren. Beide fühlen sich im Krieg nutzlos und zur Untätigkeit verurteilt. Vermag doch Harlekin die Menschen angesichts des grauenvollen Leides nicht mehr zum Lachen zu bewegen. Auch der Tod fühlt sich in den Zeiten der frappierenden Technisierung der Kriege eingeschränkt und auf die Rolle eines »kleinen Handwerkers des Sterbens« reduziert.

Da verkündet der hinzukommende Trommler die neueste Entscheidung des diktatorisch herrschenden Kaisers Overall, »über all unser Gebiet den großen, segensreichen Krieg aller gegen alle zu verhängen«, wobei verfremdet das Deutschlandlied zitiert wird. Der Tod, der sich durch die selbstherrliche Strategie des Kaisers entehrt fühlt, verweigert künftig jeden Dienst. Niemand kann fortan mehr sterben, schwerverletzte Soldaten ebensowenig wie bereits hingerichtete Verbrecher.

Der Kaiser, ob des herrschenden Chaos und des zunehmenden Verlustes seiner Macht – die ein Aufstand noch erschüttert – fast wahnsinnig geworden, begegnet schließlich dem personifizierten Tod. Der verlangt : »Ich will versöhnt sein, wenn du das Opfer bringen kannst, als erster den neuen Tod zu leiden«. Erst des Kaisers Selbstopfer gesteht dem Tod wieder sein Recht zu, jedem Menschen ein individuelles Sterben zu ermöglichen.

Der Bariton Sebastian Wartig vermochte mit flexibler Stimmgebung und differenzierter Darstellung sowohl das autoritäre Gebaren des Kaisers als auch seinen Wandel glaubhaft zu verdeutlichen. Die Partie des Todes war Tilmann Rönnebeck mit seiner imponierenden Bassstimme und dem bestechenden Spiel – noch unterstützt durch sein militantes Kostüm – geradezu auf den Leib geschrieben. So vielschichtig die Problematik des Werkes ist, so vielgestaltig sind seine musikalischen Sprach- und Formelemente. Da reicht die Palette vom Melodram des Prologs über songartige Passagen à la Weill bis zur großen Arie. Und Reminiszenzen an Gustav Mahler sowie an den Jazz sind in die Partitur gleichermaßen eingewoben wie das protestantische Kirchenlied »Ein feste Burg …«, das die Nazis als Feiertagschoral missbrauchten. Das 13köpfige Projektorchester unter Johannes Wulff-Woestens souveräner Führung wurde den facettenreichen musikalischen Stimmungs- und Klangbildern überaus gerecht.

Nächste Aufführungen: heute, 5.3., 6.3.

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