Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 16 / Sport

Wo ist die Basis?

Eiszeit in Berlin: Zwei WM ohne deutschen Heimvorteil

Von Klaus Weise
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Der Winter geht, die Eiszeit kommt. So zumindest ist es im Spitzensport aus Berliner Sicht. Denn am am Wochenende finden in der Hauptstadt gleich zwei Weltmeisterschaften statt, zumindest ein Teil davon. Zum einen treffen sich in der Eishalle des Sportforums Hohenschönhausen (5./6. März) die weltbesten Eisschnellaufallrounder zur für Männer bereits seit 1893 offiziell ausgetragenen Mehrkampfweltmeisterschaft (Frauen seit 1936), zum anderen geben die Motorradfahrer beim 43. Eisspeedway Berlin (3.–6. März), der einer von fünf Grand Prix’ ist, in denen das Weltchampionat entschieden wird, auf ihren spikesbewehrten Maschinen im Horst-Dohm-Eisstadion in Berlin-Wilmersdorf Vollgas.

Das ist keine sonderlich glückliche Terminplanung der hiesigen Veranstalter, wenn zwei so artverwandte Topereignisse am gleichen Ort stattfinden. Interessanterweise gehen die deutschen Vertreter bei beiden Events ohne jede Medaillenchance ins Rennen. Es sei denn, Claudia Pechstein, Mutter Courage auf Kufen und am 22. Februar gerade 44 Jahre jung geworden, und der gleichaltrige Bayer Günther Bauer, seit Jahren bester deutscher PS-Bändiger auf Eis, verleihen dem geflügelten Wort »Oldies but Goldies« Tagesaktualität.

Dies allerdings ist kaum zu erwarten. Zu stark ist die internationale Konkurrenz auf Kufen vor allem aus Holland, Russland und Übersee, hoch überlegen auf breiter Front gar die russische Dominanz auf den Spezialkrädern. Das deutsche Eisschnellaufen steckt nach einhelliger Meinung aller fachkundigen Beobachter in der schwersten Krise seit Ewigkeiten, wohl sogar seiner Existenz. Beim Winter-Olympia 2014 in Sotschi gab es erstmals seit einem halben Jahrhundert keine Medaille, in diesem Jahr (2016) wurde die Talfahrt mit einem EM-Debakel und einer Einzelstrecken-WM jüngst im russischen Kolomna ohne Podestplatz konsequent fortgesetzt. Der Ende 2014 zum Sportdirektor der DESG (Deutsche Eisschnellaufgemeinschaft) berufene ehemalige Rad-Olympiasieger Robert Bartko konnte den Sturz der deutschen Kufenläufer in Richtung Bedeutungslosigkeit bislang nicht aufhalten.

Bei der WM in Berlin dürften die national Besten kaum für einen massenhaften Andrang heimischer Fans sorgen, denn hie wie da – sprich bei Frauen wie Männern – ist schlichtweg keine(r) vorhanden, der die Qualität besitzt, von Sprint- bis Langdistanz gleichermaßen konstant gut zu sein. Bei den Männern gab es noch nie einen Mehrkampftitel für Deutsche, bei den Frauen durften sich die Schwarz-Rot-Goldenen (freilich in der Mehrzahl noch mit Hammer-Zirkel-Ehrenkranz als Detail geschmückt) im Zeitraum 1975 bis 2007 über die stolze 22-20-10 – Medaillenbilanz freuen. Auch Claudia Pechstein hat es 2006 aufs oberste Podest geschafft, unerreicht ist Gunda Stirnemann mit ihren acht Erfolgen. Acht deutsche Frauen waren Mehrkampfweltmeisterinnen, außer Anni Friesinger haben sie durchweg eine Ostbiographie (bei Stirnemann und Pechstein nach 1989 fortgesetzt).

Mit solch simpler Statistik lässt sich leicht belegen, dass das deutsche Eisschnellaufen längst international hinterherläuft. Die Mitgliederzahlen in der DESG sind drastisch zurückgegangen, sechs Prozent minus gegenüber dem Vorjahr wurden Ende 2015 vermeldet. »Es fehlt an der Basis«, sagt Bartko. Genausogut hätte er auch sagen können, es fehlt an allem.

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