Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 7 / Ausland

Nur die Spitze des Eisbergs

Päpstlicher Finanzchef vertuschte sexuelle Gewalt von Priestern

Von Gerhard Feldbauer
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Enger Mitarbeiter von Papst Franziskus: Der frühere Erzbischof von Sydney, Kardinal George Pell (27. März 2014)

Dreizehn Tage vor dem dritten Jahrestag seines Amtsantritts hat es Papst Franziskus wieder einmal kalt erwischt. Einer seiner engsten Mitarbeiter wird beschuldigt, jahrelang schwere Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Australiens vertuscht zu haben. Der frühere Erzbischof von Sydney, Kardinal George Pell, den er im Februar 2014 als Präfekt des vatikanischen Wirtschaftsrats mit der Leitung der Finanzen des Vatikans betraute, wurde am Montag von einer Untersuchungskommission der Landeskirche in Melbourne per Videoschaltung nach Rom zu den Verbrechen befragt.

Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete, wurden in letzter zeit pro Jahr jeweils etwa 600 Fälle von Pädophilie bekannt. In den vergangenen zehn Jahren sollen sich 900 Priester an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Pell wurde seit langem beschuldigt, von den Vergewaltigungen gewusst, aber nichts unternommen zu haben.

Der frühere Erzbischof gab zu, der Kindesmissbrauch sei jahrelang heruntergespielt worden und er habe »schreckliche Fehler« begangen. Er habe dazu geneigt, eher einem Priester zu glauben, der die Taten leugnete, als dem Opfer, das ihn beschuldigte. Pells war zuvor bereits mit Äußerungen aufgefallen, in denen er pädophile Priester mit Lkw-Fahrern verglich, die Anhalterinnen belästigen.

Auch wenn letzteres Verhalten ebenfalls nicht verharmlost werden sollte, werden mit einem solchen Vergleich Verbrechen wie die des Priesters Edward Dowlan heruntergespielt, der 2015 in der Stadt Ballarat wegen sexuellen Missbrauchs an 20 Jungen einer katholischen Kirche zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Der Brite Peter Saunders, Mitglied der von Franziskus eingesetzten vatikanischen Antimissbrauchskommission und in seiner Kindheit selbst Opfer eines pädophilen Priesters, hatte den Papst aufgefordert, den Präfekten nach Australien zurückzuschicken. Aus Protest gegen die schleppende Arbeit der Kommission hat er seine Mitarbeit vorübergehend eingestellt.

Vatikankenner halten die an die Öffentlichkeit gelangenden Enthüllungen nur für die Spitze des Eisberges. Der frühere Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Professor Hubertus Mynarek, hat in seiner 2015 veröffentlichten Biographie »Papst Franziskus« allein für das Jahr 2004 4.392 Priester angeführt, die in den USA wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt wurden. Insgesamt 40 bis 50 Millionen Schüler, so rechnet Mynarek auf, sind in 200.000 kirchlichen Bildungseinrichtungen der Bedrohung durch Übergriffe ausgesetzt.

Die Online-Enthüllungsplattform Bishop Accountability (Die Verantwortung der Bischöfe) nennt 130.000 Fälle sexuellen Missbrauchs, an denen 3.000 Priester beteiligt waren. Sie machte unter anderem den Fall des Bischofs des Bistums Kansas City/Saint Joseph publik, der wie Kardinal Pell Missbrauchsfälle vertuschte. Darunter den eines Priesters, der Hunderte kinderpornographische Bilder von jungen Mädchen auf seinem Computer gespeichert hatte. Monatelang deckte der Bischof den Vorfall, ehe er schließlich die Polizei informierte. Ein Gericht verhängte gegen ihn deswegen eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Der Priester selbst wurde 2013 zu 50 Jahren Haft verurteilt.

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