Aus: Ausgabe vom 01.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Wann, wenn nicht jetzt?

IG Metall fordert fünf Prozent mehr

Von Herbert Wulff

Bescheidenheit ist eine Zier. Aber in der Tarifpolitik kommt man damit nicht weit. Dennoch zeigt sich die IG Metall vor der anstehenden Tarifrunde in Deutschlands Leitbranche sehr genügsam. Um lediglich fünf Prozent sollen die Entgelte in der Metall- und Elektroindustrie steigen, so hat es der Vorstand von Europas größter Industriegewerkschaft am Montag beschlossen. Dabei bestünde jetzt die Chance, mit der Umverteilung zugunsten der Beschäftigten endlich ernst zu machen.

Sicher, die Inflation ist extrem niedrig, so dass schon geringe Erhöhungen eine Steigerung der Reallöhne bedeuten. Zum einen muss das allerdings nicht so bleiben. Zum anderen sollte die aktuelle Situation auf die Tarifforderung der IG Metall keinen Einfluss haben, da sich die Gewerkschaft nach eigenem Bekunden stets an der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent orientiert. Auch sonst gibt es keinen Grund zur Zurückhaltung. In etlichen Betrieben brummt es weiterhin, die Konzerne machen gute Geschäfte. Vielfach stehen die Bänder auch am Wochenende nicht still. Überstunden und Sonderschichten waren in den vergangenen Jahren fast flächendeckend an der Tagesordnung.

Selbst wenn die IG Metall zwei Prozent oder noch weniger fordern würde – das Gejammer der Unternehmerfunktionäre wäre wohl nicht leiser. So erklärte Rainer Dulger kürzlich, jetzt sei »nicht die Zeit für Höhenflüge«. Fragt sich, wann der Gesamtmetall-Chef dafür je den richtigen Zeitpunkt gesehen hat. Die Antwort darauf ist ein altes Motto der Gewerkschaftsjugend: Wann, wenn nicht jetzt? Aus Sicht der IG Metall ist die Gelegenheit günstig. Die Streikkasse ist übervoll, die Konzerne sind ökonomisch verwundbar. Die Just-in-time-Produktion hat dazu geführt, dass selbst lokale Arbeitsunterbrechungen schnell zum Stillstand ganzer Produktionsketten führen. Wäre die IG-Metall-Spitze nicht ganz so staatstragend, könnte sie das nutzen, um tatsächlich substantielle Verbesserungen für die Belegschaften durchzusetzen.

Im vergangenen Jahr hatte die IG Metall noch 5,5 Prozent mehr Geld gefordert – plus sogenannte qualitative Forderungen zu Altersteilzeit und Qualifizierung. Jetzt ist es ein halbes Prozent weniger, obwohl dies eine reine Lohnrunde werden soll. Auch im Vergleich zum öffentlichen Dienst, wo ver.di immerhin sechs Prozent mehr verlangt, erscheint die IG-Metall-Forderung mickrig.

Einer ernsthaften Konfrontation mit den Konzernen will die Gewerkschaftsspitze offenbar auch dieses Mal aus dem Weg gehen. Lediglich die Auseinandersetzung mit nicht-tarifgebundenen Unternehmen will sie verstärkt angehen: Im Zuge der Verhandlungen sollen auch Belegschaften in Aktion treten, die bislang keinen Tarifvertrag haben. Das ist gut und dringend nötig. Denn die Tarifbindung ist seit Jahren rückläufig. Und Beschäftigte ohne Tarifvertrag verdienen durchschnittlich ein Viertel weniger – für die gleiche Tätigkeit. Die IG Metall hat durchaus die Mittel, daran etwas zu ändern.

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