Aus: Ausgabe vom 01.03.2016, Seite 8 / Inland

»Die Masse waren Rassisten und Evangelikale«

Reaktionäre veranstalteten in Stuttgart erneut eine »Demo für alle«. Polizei verprügelte Linke. Gespräch mit Luigi Pantisano

Interview: Gitta Düperthal
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Polizisten beseitigten am Sonntag in Stuttgart rabiat Straßenblockaden von Gegendemonstranten, die sich denjenigen in den Weg gesetzt hatten, die gegen »Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder« protestierten

Am Sonntag sind in Stuttgart rund 4.500 Menschen einem Demoaufruf des Bündnisses »Für Ehe und Familie – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!« gefolgt. Haben so kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März tatsächlich hauptsächlich besorgte Eltern gegen Pläne der Grünen-SPD-Regierung protestiert, im Bildungsplan der Schulen unter anderem die Gleichstellung von Homosexuellen zu verankern?

Es waren Eltern mit Kindern unterwegs, die den Lügen des Bündnisses aufgesessen sind: Offenbar hatten manche dessen abstruse Behauptungen geglaubt, dass in Kindergärten oder Schulen Dildos vorgeführt oder andere sexuelle Praktiken erörtert werden sollten. Solcherlei Unwahrheiten werden aus den reaktionären Kreisen der Organisatoren der Demo verbreitet. Die große Masse der Anwesenden waren aber Rassisten, Neonazis und evangelikale Christen. Es traf sich dort zudem ein rechter Rand der CDU mit Mitgliedern der »Alternative für Deutschland« (AfD).

Wird das Demobündnis von der AfD gesteuert? Es organisiert schon seit 2014 solche Aufzüge …

Zu den Organisatoren gehört Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Rechtsaußen-CDU-Mitglied. Sie ist eng verbandelt mit AfD-Vizechefin Beatrix von Storch, Enkelin von Hitlers Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin, die kürzlich Schlagzeilen machte, weil sie die deutsche Grenze mit Waffengewalt verteidigen will. Die Mobilisierung für homophobe Veranstaltungen wie jener am Sonntag wird über die »Familienschutzinitiative« finanziert, deren Sprecherin von Storch ist. Frau von Beverfoerde pflegt regen Austausch mit AfDlerinnen. Vor allem haben sich rechtsextreme Kreise beteiligt, die von außerhalb kamen: Neonazitrupps aus München, Leute der sogenannten Identitären Bewegung etc.

Unter den Rednern war Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland, der laut der lokalen Presse die Pläne der Regierung als »gottlose Revolution von oben« benannte. Wer war aus Kirchenkreisen noch vertreten?

Vereinzelt liefen Würdenträger mit. Zu sehen waren kleine Prozessionszüge mit Vorbetern, die Verse aufsagten, Kreuze trugen oder Madonnenbilder zeigten. Es waren auch Mitglieder der Pius-Bruderschaft dabei. Mit von der Partie war außerdem der Stuttgarter Stadtrat und Landtagswahlkandidat Heinrich Fiechtner (AfD), der gegenüber Spiegel-TV kürzlich äußerte, Homosexualität sei eine Sünde. Nach aktuellen Umfragen kann die AfD bei der Landtagswahl mit mehr als zehn Prozent der Stimmen rechnen. Sie wird von einzelnen Kreisverbänden der CDU unterstützt.

Es gab bei Auseinandersetzungen mit der Polizei Verletzte unter linken Gegendemonstranten. Wie kam es dazu?

Ich war selbst dabei, als die ersten Scharmützel begannen: Zum Kundgebungsort Schillerplatz wollten Antifaleute mit einem Banner einen der Zugänge versperren. Sie wurden daraufhin von Rechtsradikalen in Bomberjacken angegriffen. Es kam zu einer Prügelei. Die Polizei griff ein, indem sie mit Pfefferspray und Knüppeln auf linke Gegendemonstranten losging, die ihren Leuten zu Hilfe eilen wollten. So wollten die Einsatzkräfte nach eigenen Angaben die Situation »beruhigen«. Wie sich die Situation aufgeheizt hatte, davon war in der Presse nichts zu lesen. Später gab es Straßenblockaden, die Polizei ging brutal gegen Linke vor. Eine Sanitätergruppe berichtete, sie sei bei ihrer Arbeit mit Verletzten von der Polizei behindert worden.

In Stuttgart gibt es keine Pegida. Braut sich dort ein anderes Rechtsaußen-Spektrum zusammen – und wie ist die Gegenbewegung organisiert?

Es hat sich hier in der Stadt tatsächlich keine Pegida-Bewegung organisieren können, weil der Widerstand schon so stark war, bevor ein fremdenfeindliches Spektrum sich überhaupt sammeln konnte. Nun werden Leute mit Bussen von außerhalb herangekarrt, um viele Leute auf die Straße zu bringen. In Stuttgart haben diese erzreaktionären Kräfte eben dieses Thema gefunden. Am Sonntag haben aber bis zu 3.000 Menschen dagegengehalten, darunter die Verbände und Vereine von Lesben und Schwulen, aber auch Leute von SPD, Grünen, Linkspartei und SÖS. Wir müssen uns freilich künftig noch besser organisieren.

Luigi Pantisano ist von der Wählervereinigung »Stuttgart Ökologisch Sozial« (SÖS) in das Bündnis »Vielfalt für alle« delegiert, das am Sonntag gegen die reaktionäre »Demo für alle« protestierte

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