Aus: Ausgabe vom 29.02.2016, Seite 15 / Politisches Buch

Weiße Arroganz

André Vltcheks Buch »Indonesien – Archipel der Furcht« bietet zahlreiche Informationen – und irritiert mit bornierten Urteilen. Von

Von Anett Keller
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Gefangen genommene Mitglieder der Jugendorganisation der KP Indonesiens (Jakarta, 30.10.1965)

Zunächst einmal: Es ist verdienstvoll, dass der Zambon-Verlag ein kritisches Werk zur jüngsten indonesischen Geschichte in deutscher Sprache herausgegeben hat (das Original erschien auf Englisch 2012 bei Pluto Press). Die viertgrößte Nation der Welt wird von den Mainstreammedien zwar oft mit Katastrophen in Verbindung gebracht: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Terroranschläge. Was in der Berichterstattung jedoch kaum vorkommt: die Folgen von 350 Jahren kolonialer Ausbeutung; die Folgen eines der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts, als ab 1965 unter General Suharto und mit aktiver Beteiligung von Washington und Co. die linke Bewegung (Indonesien hatte damals die drittgrößte KP der Welt) zerschlagen wurde; die Folgen der seitdem andauernden Neokolonialisierung im ressourcenreichen und an wichtigen Schiffahrtsrouten gelegenen Inselstaats.

Der Journalist André Vltchek legt den Finger in diese Wunden. Er beschreibt in zehn Kapiteln den »extremen Kapitalismus auf indonesische Art«, der ab 1965 mit Hilfe westlicher (Militär)Technik und westlicher Berater aufgebaut wurde. Vltchek hat aus Medienberichten und Interviews zahlreiche Informationen zusammengetragen und setzt diese in Vergleich mit Ländern, für die Indonesiens gewaltsamer Regime-Change als Modell diente (z. B. Chile und Argentinien). »Wenn sich irgend jemand fragt, wie verheerend ein totaler Angriff des fundamentalistischen Kapitalismus auf ein armes Entwicklungsland aussieht, dann muss er nach Indonesien fahren«, so Vltchek. Er belegt dies mit Beispielen: hemmungsloser Ressourcenabbau, Straffreiheit für die Militärs, korrupte Bürokratie, Privatisierung des öffentlichen Sektors, Verarmung weiter Teile der Bevölkerung bei wachsendem Vermögen der Superreichen. Und er entlarvt das seit dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 oft als »auf dem Weg der Demokratisierung« gelobte Indonesien als ein Land, dessen Naturreichtum und Bevölkerungsmehrheit nach wie vor von seinen Eliten ausgebeutet wird und das weiterhin ein treuer Verbündeter der USA ist.

Leider springt Vltchek derart zwischen Themenaspekten und Informationsquellen hin und her, dass es vor allem Lesern mit geringen Vorkenntnissen schwerfallen dürfte, ihm zu folgen. Was fehlt, sind im Kapitel zur Kolonialzeit Informationen zur niederländischen Vereinigten Ostindischen Kompanie, einem der ersten globalisierten Unternehmen der Welt. Was fehlt, ist auch ein kritischer Blick auf die ersten Jahre der Unabhängigkeit unter Präsident Sukarno (1949–1966). Vltchek lobt (zu Recht) dessen Rolle beim Aufbau der Blockfreien-Bewegung. Unerwähnt bleibt jedoch die Schwäche des indonesischen Staatsgründers für opulenten Lebensstil und teure Prestigeprojekte, während die Bevölkerung hungerte.

Vltchek wird ungenau, gerade an den Stellen, wo es spannend wird. Er schreibt, die Kommunistische Partei habe Sukarno von Landreformen für das noch immer feudale Indonesien überzeugen wollen. Dass diese Landreformen 1960 bereits Gesetz, aber nie umgesetzt wurden, erfährt der Leser nicht. Dabei gibt es zu diesem Thema inzwischen zahlreiche indonesische Publikationen, geschrieben von jungen, progressiven Wissenschaftlern, die die Landkonflikte als entscheidende Fragen der Geschichte und Gegenwart analysieren. Diese Autoren sowie Aktivisten von Graswurzelbewegungen, die Stimmen der jungen (auch islamischen) Linken in Indonesien sind Quellen, die in Vltcheks Buch vollständig fehlen. Es fehlen daher auch Betrachtungen zur Frage, wie eine transnationale Solidaritätsbewegung aussehen könnte.

Was Vltchek schreibt, ist (meistens) nicht falsch, aber es wirkt in der Aneinanderreihung von vielen, sehr langen und sich inhaltlich wiederholenden Zitaten bereits bekannt – z. B. aus Naomi Kleins »Schock-Strategie«, die Vltchek ausführlich zitiert. Und es ist weniger fundiert als zum Beispiel das bereits 1996 erschienene »Power in Motion – Capital Mobility and the Indonesian State« von Jeffrey Winters oder »Economists with Guns – Authoritarian Development and U.S.–Indonesian Relations, 1960–1968« von Bradley Simpson (2008). Gerade von einem Autor wie Vltchek (geboren in der Sowjetunion, aufgewachsen in der Tschechoslowakei, heute mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft und großer ideologischer Nähe zur VR China) hätte man sich Informationen darüber gewünscht, warum die UdSSR und China 1965 nichts dafür taten, die indonesische KP zu unterstützen, und wie sich die Beziehungen Indonesiens zu beiden Staaten seitdem entwickelt haben.

Wünschenswert für das Buch wäre zudem ein gründliches Lektorat gewesen, das die vielen Rechtschreibfehler sowie Fehler bei Namen, Geschlecht und Nationalitäten von Quellen minimiert hätte.

Was jedoch am meisten stört, ist der arrogante Ton, mit dem Vltchek Staat und Gesellschaft gleichsetzt. Als gebe es in Indonesien keine(n) Menschen mit Fähigkeit zum kritischen Denken. Eine Art Hybris durchzieht das ganze Buch wie eine Folie und gipfelt in Sätzen wie diesem: »Dieses Buch versucht zu analysieren und eine Diagnose zu stellen; aber es kann nicht heilen. Das indonesische Volk – der rechtmäßige Eigner seines ausgedehnten Archipels – ist allein in der Lage, die notwendige Behandlung anzuwenden und dann den Prozess der Heilung durchzumachen.« Mit anderen Worten: das (eingeborene und ungebildete) Volk braucht die Diagnose des (weißen und wissenden) Mannes, um sich auf den Weg der Heilung zu machen. Diese Haltung des Autors wirkt beim Lesen leider sehr störend.

André Vltchek: Indonesien – ­Archipel der Furcht. Zambon Verlag: Frankfurt am Main 2015, 260 Seiten, 20 Euro

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