Aus: Ausgabe vom 27.02.2016, Seite 15 / Geschichte

Chronist der Arbeiterbewegung

Vor 170 Jahren wurde Franz Mehring geboren

Von Holger Czitrich-Stahl
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Franz Mehring, hier mit Ehefrau Eva, war in »unbedingter Preußentreue« erzogen worden, näherte sich dann der Sozialdemokratie an und gehörte schließlich zur »Spartakusgruppe« um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Am 27. Februar jährt sich zum 170. Mal der Geburtstag eines bedeutenden deutschen Sozialisten, Marxisten und Historikers. Franz Erdmann Mehring kam an jenem Tag anno 1846 im heutigen polnischen Slawno, damals Schlawe in Pommern, als Sohn des Steuerbeamten und ehemaligen Offiziers Carl Wilhelm Mehring und dessen Frau Henriette zur Welt. Nach seiner Gymnasialzeit ging Mehring 1866 zum Studium nach Leipzig, wo er klassische Philologie studierte. Dort schloss er sich kurzzeitig der schlagenden Burschenschaft »Dresdensia« an. Doch während seiner Studienzeit veränderte sich die politische Haltung des in »unbedingter Preußentreue« Erzogenen. Er wandelte sich zum Liberalen. Das ohnehin freiheitliche Klima der Bücherstadt Leipzig mag ein übriges getan haben, denn Mehring kam mit Republikanern und Demokraten in Berührung, unter anderem auch mit Abgeordneten der Sächsischen Volkspartei im Reichstag des Norddeutschen Bundes, mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

Vom 28. November 1868 bis zu seiner Zwangsexmatrikulation am 12. Juli 1870 studierte Mehring an den Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Der deutsch-französische Krieg von 1870/1871 ließ Mehring erst nationalliberal denken, doch schon bald fand er zu linksliberalen Positionen zurück, die er als Parlamentsreporter und als politischer Korrespondent für liberale Blätter zum Ausdruck brachte – ab 1874 in der linksdemokratischen Zeitschrift Die Waage. Zwischenzeitlich der revolutionären Sozialdemokratie kritisch gegenüberstehend, führte das »Sozialistengesetz« (1878 bis 1890) zu einer Annäherung an die Sozialisten. Noch schrieb Mehring für Zeitungen wie die Demokratischen Blätter oder die Bremer Weser-Zeitung. Von 1884 bis 1890 war er Redaktionsmitglied der linksliberalen Volkszeitung, ab April 1889 sogar deren Chefredakteur. Hier arbeitete er bis zu seinem Rauswurf 1890 mit dem später bedeutenden linken Sozialdemokraten Georg Ledebour zusammen.

Ab Juni 1891 schrieb Mehring für Karl Kautskys Neue Zeit und bekannte sich damit zum Wissenschaftlichen Sozialismus der Sozialdemokratie. Sein publizistisches Wirken für die Parteipresse umfasst seine langjährige Arbeit für die Neue Zeit von 1891 bis 1913, die Leipziger Volkszeitung von 1902 bis 1913 sowie für den Vorwärts und die Sozialdemokratische Korres­pondenz. Die Leipziger Volkszeitung führte er bis 1907 als Chefredakteur. Auch die Parteischule der SPD sicherte sich von 1906 bis 1911 seine Mitarbeit als Kursleiter für die »Geschichte der politischen Parteien« bzw. »Geschichte des 19. Jahrhunderts«.

Historischer Materialist

Mehrings unermüdliches Schaffen dokumentieren die 15 Bände seiner »Gesammelten Schriften«, seit 1960 im Dietz-Verlag veröffentlicht. Hier ragen einige Werke besonders heraus. Zuallererst ist seine zweibändige »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« zu nennen, ursprünglich 1897/98 veröffentlicht und bis 1922 in zwölf Auflagen erschienen. Darin drückte sich marxistische, also historisch-materialistische Geschichtsschreibung aus, die die Sozial- und Organisationsgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung aus der Sicht der abhängig Beschäftigten betrachtete. Weiterhin überaus lesenswert sind die Biographie »Karl Marx – Geschichte seines Lebens« von 1918, seine materialistische »Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittelalters« (1910/1911) oder die »Lessing-Legende« von 1893. Als Herausgeber stand er u. a. für die Veröffentlichung der Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels, der Schriften Wilhelm Wolffs, der Werke Heinrich Heines sowie einer dreibändigen Marx-Engels-Ausgabe. Mehrings Versuch, die Methode des Historischen Materialismus schöpferisch auf die Betrachtung geschichtlicher, politischer oder kultureller Ereignisse oder Prozesse anzuwenden, machte die gesamte Publizistik aus und ihn zunehmend populär als Historiker der Arbeiterbewegung. Doch auch als Kenner der deutschen Literaturgeschichte profilierte sich Mehring ebenso wie als Leiter des Vereins der »Freien Volksbühne« in Berlin zwischen 1892 und 1895.

In der »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« schrieb er über den Gothaer Vereinigungsparteitag im Jahr 1875, der aus Lassalles Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands formierte, in unnachahmlicher Weise: »Der Gothaer Einigungskongress schloss um die Mitternachtsstunde des 27. Mai zu allseitiger Befriedigung seiner Teilnehmer. Es waren genau zwölf Jahre verflossen, seitdem Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet hatte. Der Lassalleanismus erlosch in diesen Gothaer Tagen für immer, und doch waren sie die leuchtendsten Ruhmestage Lassalles.« Es gelang ihm, die Rolle des Lassalleanismus für die Herausbildung einer einheitlichen sozialistischen Arbeiterpartei realistisch zu bestimmen, gleichzeitig jedoch die Durchsetzung einer marxistischen Position als der Hauptlinie der Sozialdemokratie seit der Illegalisierung durch das »Sozialistengesetz« im Auge zu behalten. Vielleicht spiegelt diese Sichtweise auch Mehrings persönliche Entwicklung vom Linksliberalen zum Sozialisten wider, der im Laufe der Jahrzehnte bis zu seinem Tod den Marxismus immer mehr durchdrang und als Historiker mitentwickelte.

Gegen den »Burgfrieden«!

Spätestens seit Bebels Tod im August 1913 wurde sichtbar, dass sich die SPD mehrheitlich von einer sozialistischen Kampfpartei zu einer sozialdemokratisch-reformerischen Parlamentsopposition gewandelt hatte. Am 4. August 1914 stimmte ihre Reichstagsfraktion den ersten von Kaiser Wilhelm II. geforderten Kriegskrediten zu. Mit Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Karl Liebknecht und anderen Marxisten trat Mehring offensiv gegen die »Burgfriedenspolitik« der SPD und für die Fortsetzung des Klassenkampfs auf. Es gründete sich bald darauf die »Gruppe Internationale« (siehe jW-Thema vom 31.12.2015) und am Jahresanfang 1916 in der Wohnung Karl Liebknechts die »Spartakusgruppe«. Diese Aktivitäten trugen Mehring eine dreimonatige »Schutzhaft« ein, die die Gesundheit des 70jährigen ruinierte. Trotz alledem kandidierte er 1917 erfolgreich für das Preußische Abgeordnetenhaus, trat im Frühjahr 1917 der USPD bei und unterstützte nach den Weihnachtskämpfen in Berlin 1918 zur Jahreswende 1918/19 die Gründung der KPD. Gesundheitlich stark geschwächt starb Mehring wenige Tag nach der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg am 28. Januar 1919 in Berlin.

Quellentext: »Die Bilanz des Sozialistengesetzes«

Eine erschöpfende Darstellung der Opfer, die das Sozialistengesetz der Arbeiterklasse gekostet hat, lässt sich nicht entwerfen. Als der Sozialdemokrat nach zehnjähriger Dauer des Gesetzes die Veröffentlichung einer Denkschrift anregte, die eine genaue Statistik aller Verbote geben, die Namen aller Ausgewiesenen mitteilen, alle zerstörten Existenzen der Reihe nach aufmarschieren lassen, die Haussuchungen, Verhaftungen, Verurteilungen mit allen nötigen Einzelheiten festnageln, von dem künstlich gezüchteten Denunziations- und Lockspitzelwesen ein umfassendes Bild liefern sollte, erwies sich damals schon die Lösung dieser Aufgabe als unmöglich. Die eifrigsten Genossen in den größeren Parteiorten erlahmten daran, und was sie dennoch zusammenbrachten, war so umfangreich, dass es sich in einer halbwegs handlichen und lesbaren Schrift nicht zusammenfassen ließ.

Nach einer ungefähren Statistik waren unter dem Sozialistengesetze 1.300 periodische oder nichtperiodische Druckschriften und 332 Arbeiterorganisationen der einen oder anderen Art verboten worden. Ausweisungen aus den Belagerungsgebieten waren gegen 900 erfolgt. (…) Die Höhe gerichtlich verhängter Freiheitsstrafen belief sich auf etwa 1.000 Jahre, die sich auf 1.500 Personen verteilten. Wenn alle diese Ziffern noch nicht entfernt an die Wirklichkeit heranreichten, so gaben sie auch an und für sich nur ein ganz ungenügendes Bild von der Fülle des vernichteten Menschenglücks und Menschenlebens, von den zahlreichen Märtyrern, die durch kapitalistische oder polizistische Drangsalierungen von ihrem armen Herde vertrieben, ins Elend der Verbannung gejagt, in ein frühes Grab gestürzt worden waren.

Aus: Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 2. Band, Berlin (DDR) 1980, S. 673 f.

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