Aus: Ausgabe vom 26.02.2016, Seite 5 / Inland

Ein Gespritztes, bitte

Studie: »Wahrscheinlich krebserregendes« Glyphosat nun auch in Bier gefunden. EU will Einsatz des Stoffes weiter genehmigen

Von Ralf Wurzbacher
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Nur Wasser, Hopfen und Getreidemalz soll ein Bier enthalten, manchmal finden sich aber auch Pestizide

Jetzt also auch im Gerstensaft. Nach einer Studie des unabhängigen Vereins »Umweltinstitut München« weist Bier aus deutschen Landen zum Teil erhebliche Rückstände des Unkrautvernichters Glyphosat auf. Die Organisation ließ die 14 meistgetrunkenen Sorten durch ein Labor unter die Lupe nehmen. Der Befund: Sämtliche Marken sind mit dem Pestizid belastet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte das Pflanzengift im Vorjahr als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuft. Wie aus Brüssel verlautet, stehen die Verhandlungen auf EU-Ebene über eine Weiterzulassung des vom US-Agroriesen Monsanto vermarkteten Herbizids kurz vor dem Abschluss. Eine Entscheidung pro Glyphosat gilt praktisch als ausgemacht.

Wie der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Europaparlament, Martin Häusling, am Mittwoch mitgeteilt hat, will die EU-Kommis­sion grünes Licht für den weiteren Einsatz des Stoffes bis zum Jahr 2031 geben. Das solle »weitgehend ohne Mengen- und Anwendungsbeschränkung« erfolgen. Laut Handelsblatt werde der Beschluss am 7. oder 8. März im Ständigen EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel im Beisein von Experten und Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten gefasst. Bei einem positiven Votum wäre die Wiedergenehmigung nur noch Formsache. Die Linie der Kommission steht bereits seit November, nachdem die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Entwarnung für Glyphosat gegeben hatte. Deren Forscher halten das Gift für »wahrscheinlich nicht krebserregend«.

Als Zutat im Lieblingsgesöff dürfte das Zeug keinem wirklich schmecken. »Die Deutschen konsumieren im Durchschnitt 107 Liter Bier pro Jahr und nehmen damit unbewusst auch Glyphosat zu sich«, gab am Donnerstag Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut München e. V. zu bedenken. Damit droht das deutsche Reinheitsgebot ausgerechnet im Jahr des 500. Jubiläums »zur Farce zu werden«. Die für die Studie verantwortliche Biologin appellierte an die Brauereien, ihre Produkte genau zu überprüfen. »Sie müssen klären, wie Glyphosat in das Bier gelangen konnte und in Zukunft sicherstellen, dass ihre Produkte frei von Pestizidrückständen sind.« Der Deutsche Brauer-Bund weist den Vorwurf des Umweltinstitutes, die Brauereien würden ihre Rohstoffe nicht ausreichend kontrollieren, als »absurd und völlig haltlos« zurück. Das eigene Monitoringsystem für Malz etwa zeige, »dass die gemessenen Werte stets deutlich unter den Höchstgrenzen liegen«. Des weiteren verweist die Lobbyvereinigung auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, das den Stoff als »gesundheitlich unbedenklich« einstufe.

Glyphosat ist der mit Abstand am häufigsten eingesetzte Pestizidwirkstoff in Deutschland – rund 5.400 Tonnen werden pro Jahr bundesweit ausgebracht. Spuren davon wurden auch schon in der Muttermilch, in Brötchen, Brot oder in Erbsen, Bohnen und Linsen nachgewiesen. Wie Jurek Vengels, Referent für Verbraucherschutz des Münchner Vereins, am Donnerstag gegenüber junge Welt erklärte, kam es zu der Idee mit dem Bier durch den Tipp eines Mannes, in dessen Urin sich Glyphosat fand. Dessen Ernährung unterscheide sich von der seiner Freundin allein durch den regelmäßigen Genuss von Gerstensaft. »Also sind wir der Sache auf den Grund gegangen, mit Resultaten, die so auch uns überrascht haben.«

Unter den getesteten Marken finden sich Namen wie Krombacher, Bitburger, Veltins, Warsteiner und Radeberger. Die gemessenen Werte lagen zwischen 0,46 Mikrogramm pro Liter (µg/l) und 29,74 µg/l. Am konzentriertesten trat die Chemikalie in den Pilsbieren von Hasseröder, Jever und Warsteiner auf. Am geringsten belastet waren Augustiner Helles, Franziskaner Weißbier und Beck’s-Pils. Schon ein Wert von 0,5 µg/l geht deutlich über den Grenzwert für Trinkwasser hinaus, der für einzelne Pflanzenschutzmittel bei 0,1 Mikrogramm liegt. Allerdings gibt es für Bier keine eigenen Grenzwerte, es gilt allein die Vorgabe, dass nur Wasser, Hopfen und Getreidemalz reingehören.

Vengels nannte die Ergebnisse der Untersuchung »hochbedenklich«. Zwar wären das »keine riesigen Mengen«, sagte er, »wenn Glyphosat aber tatsächlich krebserregend ist, dann kann schon die winzigste Dosis Schaden anrichten«. Bei »krebserregenden und hormonwirksamen Stoffen gibt es keine Untergrenze, unter der sie sicher sind«, heißt es dazu in einem Papier zur Studie.

Das Umweltinstitut München e. V. startete am Donnerstag eine Onlineaktion, mit der sich Verbraucher direkt an die Hersteller der getesteten Biere wenden können. Hopfen, Weizen und Gerste ließen sich auch ohne den Einsatz glyphosathaltiger Mittel anbauen. »Daher gibt es keinen Grund, weshalb die Brauereien nicht alles unternehmen sollten, um ihren Kundinnen und Kunden diese zusätzliche Belastung zu ersparen.«

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