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24.01.2014 / Inland / Seite 2Inhalt

Üble Nachrede vom Amt

Bank kündigt Konto einer Kundin wegen »Erkenntnissen« über ihren politisch aktiven Sohn

Von Claudia Wangerin
Einer Münchnerin wurde offenbar aus politischen Gründen das Bankkonto gekündigt – Stein des Anstoßes ist ihr links orientierter Sohn, der nun Vorwürfe gegen den bayerischen Verfassungsschutz erhebt.

Seit mehr als 40 Jahren war Evelyn S. (62) Kundin der Commerzbank, als das Geldinstitut am 8. Januar ihr Konto kündigte, weil sie sich geweigert hatte, ihrem Sohn Kerem (27) die Vollmacht zu entziehen. Evelyn S. hatte zunächst an einen üblen Scherz geglaubt, als genau dies am 12. Dezember telefonisch von ihr verlangt worden war. Nicht etwa, weil Kerem S. problematische Summen abgehoben hätte, sondern weil der Bank »Erkenntnisse« mitgeteilt worden seien, die eine Geschäftsbeziehung mit ihm unmöglich machten, hieß es. »Das dürfen wir Ihnen nicht sagen. Das kommt von einer internen Abteilung«, erfuhr die Mutter, als sie nach dem Inhalt der »Erkenntnisse« und der Art der Übermittlung fragte.

Für Kerem S. liegt auf der Hand, »daß damit meine politischen Aktivitäten als fortschrittlicher Mensch gemeint sind«, erklärte der Student der Kommunika­tionswissenschaften am Donnerstag. Er ist nicht nur gewähltes Mitglied seiner Fachschaftsvertretung, sondern auch Kreissprecher der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und argumentiert für die Vergesellschaftung von Banken. Seine Mutter werde dafür in Sippenhaft genommen, obwohl er die besagte Vollmacht nie genutzt habe. Es habe auch kaum jemand gewußt, daß es sie gab, sagte S. im Gespräch mit junge Welt. Vermutlich habe der Verfassungsschutz die Finger im Spiel.

Die Kundenberaterin der Bank war am Donnerstag für junge Welt nicht erreichbar – eine Nachfrage beim Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz (BLfV) ergab zunächst, man äußere sich nicht »zu operativen Maßnahmen«. Ob es sie in diesem Fall gegeben habe, sei der Pressestelle nicht bekannt. Kerem S. bezeichnete der BLfV-Sprecher als »Persönlichkeit, die sehr offensiv als Linksextremist in Erscheinung tritt«. Deshalb habe man ihn auch schon mal im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Vielleicht sei jemand in der Bank zufällig darüber gestolpert. Mit so etwas müsse ein Extremist rechnen. Evelyn S. erinnert sich allerdings an die Aussage während des Telefonats mit der Bank, die Erkenntnisse seien explizit »übermittelt« oder »mitgeteilt« worden. Der BLfV-Sprecher versicherte erst nach Rücksprache mit seinen Kollegen, so etwas mache seine Behörde nicht – sie beobachte nur
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