»Die Orchester bröckeln am Rand«
Foto: ddp
|
Es ist zum Alltag geworden: Nachrichten über Einsparungen bei Theatern, Opernhäusern, Orchestern, Ballettensembles und Bibliotheken. Stellen werden gestrichen, Theater und Orchester »fusioniert«, feste Häuser werden geschlossen. Alle zwei Jahre erstellt die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) eine Übersicht über die deutschen Kulturorchester (Sinfonie-, Opern-, Rundfunk- und Kammerorchester). Es ist eine Schreckensbilanz: Zwischen 1992 und 2012 ist die Zahl der Orchester von 168 auf 132 geschrumpft, das sind 21,5 Prozent. Nicht anders steht es bei den festangestellten Orchestermusikern. Deren Zahl sank von 12159 auf 9844 (19 Prozent). Die vor einigen Jahren beschworene magische Grenze von 10000 Stellen ist bereits 2010 unterschritten worden. Besonders kraß ist der Schwund bei den Orchestern in Ostdeutschland: 1992 gab es 72 Orchester mit 5032 Musikern. Davon blieben 42 Orchester mit 3230 Stellen übrig. Abgewickelt wurden 1802 Musiker (35,8 Prozent). Das ist die Stärke von 20 großen Orchestern. Im Westen sank die Anzahl der Musiker um 513 (7,2 Prozent).
Der Markt langt hin
Das ist symptomatisch für die Zerschlagung einer Theater- und Orchesterlandschaft, die laut Einigungsvertrag geschützt werden sollte. Nach Ansicht der neoliberalen Politiker und Manager ist es »der Markt«, der das gesetzmäßig selbst regeln würde. Und wie: Von Fusion bedroht sind das Orchester der Landesbühnen Sachsen/Radebeul und die Neue Elblandphilharmonie Riesa/Pirna mit 61 bzw. 47 Musikern. Der Landesrechnungshof Mecklenburg-Vorpommern hält es für zweckmäßig, aus den vier noch bestehenden Orchestern (1992 waren es acht) zwei zu machen. Kulturpolitik als Auftrag eines Finanzkontrollorgans. Im November wurde das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin gerade noch mit einer Zwischenfinanzierung von 500000 Euro vor der Insolvenz gerettet. Und das sind die reinen Mengenangaben, unter der Oberfläche laufen qualitative Prozesse ab, von denen diese Zahlen nur eine Ahnung vermitteln. Von Sparzwängen bedroht, greifen die Theater- und Orchesterleitungen zu »freiwilligen« Rationalisierungsmaßnahmen. Freie Stellen werden nicht besetzt. Waren das im Jahre 2008 noch 493 Stellen, so wuchs ihre Zahl bis 2012 auf 705 an. Das sind sieben Prozent der etatmäßigen Planstellen.
Damit bleiben nicht nur gut ausgebildete junge Musiker ohne feste Anstellung, es wird auch die soziale Struktur der Orchester untergraben. Die Lücken werden zeitweilig geschlossen mit Stipendiaten der Orchesterakademien, mit »Praktikanten« und freischaffenden Musikern, auch mit Teilzeitbeschäftigten. Diese werden als billige Aushilfen mißbraucht, wie die DOV beklagt. Und die nachwachsende Musikergeneration hängt mehr oder weniger als billige Reservearmee in der Luft. »Die Orchester bröckeln am Rand«, stellt Gerald Mertens, Geschäftsführer der DOV, fest. Viele Orchester existieren nur noch mit einer Kernbesetzung und mehr und mehr mit Aushilfen und Verstärkungen, was der künstlerischen Qualität nicht förderlich ist. Am gravierendsten wirkt die Nichtbesetzung der logischerweise bestbezahlten Solostellen, die das künstlerische Niveau prägen.
Jung sieht alt aus
Wie die rein ziffernmäßige Veränderung auf die künstlerische Qualität wirkt, wird am Beispiel der zur Fusion gezwungenen Neuen Elbland Philharmonie Riesa/Pirna und des Orchesters der Landesbühnen Sachsen/Radebeul deutlich. Von insgesamt 108 Stellen will das Land Sachsen noch 72 übrig lassen, während die Orchester 86 für unentbehrlich halten. Der Plan der Staatsregierung würde dazu führen, daß das Orchester nicht mehr »zweigleisig« spielen kann, das heißt, am selben Tage Oper und Sinfoniekonzert, bei einem Territorium von Torgau bis Pirna. Die Überflüssigen sollen »sozialverträglich« abgebaut werden, »wo es am wenigsten wehtut«, wie es ein DOV-Vorstand nennt. Die Folge: Die verbleibenden Musiker entsprechen nicht der Orchesterstruktur. Der Dirigent muß den Klangkörper neu aufbauen.
Im Zug der schwindenden Orchesterstellen kann die Beschäftigungslage junger Musiker nur als katastrophal bezeichnet werden. In den Jahren 2000 bis 2011 sind an den Musikhochschulen laut Deutschem Musikinformationszentrum 19768 Studenten für Orchester- und Instrumentalmusik ausgebildet worden. Rechnet man einen jährlichen Altersabgang aus den Orchestern von 150 Musikern dagegen (1650 Personen), so haben rund 18000 Absolventen keinen festen Arbeitsplatz erhalten. Rechnet man nur die letzten 20 Jahre, so steht den 9 800 Festangestellten etwa das Dreifache als »Reserve« gegenüber.
Absolventen sind gut ausgebildet und hoch motiviert. Gerade dem Stadium, in dem sie durch die Eingliederung in ein professionelles Orchester eine enorme Leistungssteigerung erreichen könnten, bleiben die meisten auf Gelegenheitsarbeit angewiesen. Das jahrelange Üben von Kind auf war umsonst. Einkommen ist kaum zu erzielen. Es gebe eine zunehmende Prekarisierung junger Musiker, sagt Mertens. Lebenszeitstellen sind längst die Ausnahme. Der schleichende Abbau der Orchesterstellen sei unspektakulär, aber desto gefährlicher. Die Künstlersozialkasse weist für freischaffende Musiker unter 30 Jahren ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 9416 Euro aus. Der Durchschnitt aller erfaßten Künstler liegt bei 10137 Euro - Hungerlöhne.
Nicht mehr in der Statistik erfaßt sind »private«, aus dem Haushalt gestrichene, auf Selbstausbeutung angewiesene Orchester wie die Berliner Symphoniker. Kein Deutscher Musikrat, keine Kultusministerkonferenz der Länder, kein Kulturstaatsminister, keine DOV macht Anstalten, das Problem im gesamtstaatlichen Rahmen lösen zu wollen.
Nebenwirkungen der schwindenden Orchester und Orchesterstellen sind auch: weniger Zusammenarbeit mit Schulen, Schulorchestern und Chören, was zur Verödung der Kulturlandschaft und zum Rückgang der Besucherzahlen für Konzerte und Theateraufführungen beiträgt. Kultur gilt den Kommunen als »freiwillige Leistung«, zu der Städte und Gemeinden nicht verpflichtet sind und an denen gespart werden kann, ohne daß jemand einen Rechtsanspruch erhebt.
Wann endet die Geduld?
Die DOV ist stolz auf einen Organisationsgrad von 90 Prozent. Wie weit geht die Geduld der Gewerkschafter, sich immer wieder mit dem kleineren Übel abfinden zu müssen? Fast hat der Fragesteller den Eindruck, hier an der falschen Stelle zu sein. Denn, so Mertens, die DOV verstehe sich mehr als Berufsorganisation denn als Gewerkschaft. Warum eine solche Berufsorganisation weniger gegen das Orchestersterben kämpfen müsse als die Gewerkschaft, erschließt sich nicht. Die DOV sucht ihr Heil in Gesprächen mit Landespolitikern und Kommunen. Mitunter werden die Einschnitte gemildert oder »gestreckt«. Die Erosion geht weiter. Vom 15. bis 17. Juni ruft der Deutsche Musikrat wieder zum »Tag der Musik« auf. Das wäre die Gelegenheit zum Warnstreik aller Orchester, für Radebeul und Riesa, für Altenburg-Gera, für Greifswald/Stralsund und Neubrandenburg/Neustrelitz, für Schwerin und Rostock, für Stuttgart und Freiburg, für Schleswig, Eberswalde, Herford und für das Kammerorchester Mannheim/Ludwigshafen. Nicht brav vorführen, wie schön der Kulturbetrieb in Deutschland ist, sondern ein Stoppzeichen setzen. Ohne Schutz der Schwachen wird das Orchestersterben weitergehen.