28.01.2012 / Inland / Seite 4Inhalt

30 Jahre Widerstand gegen Atomklo

Kernkraftgegner erinnern an Baubeginn des Zwischenlagers Gorleben 1982

Von Reimar Paul
Für die Atomkraftgegner im Wendland ist der 26. Januar einer der »schwarzen« Tage in der Widerstandsgeschichte: Vor 30 Jahren begann an diesem Tag der Bau des Zwischenlagers in Gorleben. »Die Atomwirtschaft stand damals mächtig unter Druck, der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke wurde nämlich an einen Entsorgungsnachweis gekoppelt«, erinnert sich Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Mit dem Baubeginn war dieser Nachweis zumindest auf dem Papier erbracht.

Am Freitag erinnerten Aktivisten in Gorleben mit einer Demonstration an diesen Starttermin. Rund 200 Menschen zogen nach Angaben der BI um das benachbarte Endlagerbergwerk und blockierten mehrere Zufahrten. Eine Sprecherin der Initiative »Gorleben 365« berichtete, die Demonstranten hätten alle sechs Zufahrtstore zu dem Gelände besetzt. Zwei Aktivisten hätten sich mit Rohren an ein Tor angekettet.

Der Widerstand gegen das Zwischenlager begann bereits während des Genehmigungsverfahrens. Rund 2000 Lüchow-Dannenberger hatten damals Einwände gegen den Bau erhoben. Doch der Kreistag mit seiner damaligen CDU-Mehrheit, die Samtgemeinde Gartow und die Gemeinde Gorleben hatten den Bau im Sommer 1981 genehmigt. Die Zustimmung brachte den Kommunen eine »Infrastrukturhilfe« in Millionenhöhe ein.

Als die Baumaschinen anrollten, protestierten rund 100 Atomkraftgegner mit einer spektakulären Aktion: Sie besetzten für einen Tag einen Zipfel DDR-Gebiet – und versetzten damit Ordnungshüter, Diplomaten und Politiker in helle Aufregung. Verhindern konnten sie das Zwischenlager dennoch nicht. Ende 1983 war der Bau abgeschlossen. Danach konnten Umweltschützer die Einlagerung von Castorbehältern noch elf Jahre lang verhindern. Erst im April 1995 erreichte ein Transportbehälter mit abgebrannten Brennelementen gegen den Widerstand Tausender das Zwischenlager.

Neben der 189 Meter langen und 38 Meter breiten Betonhalle beherbergt das 15 Hektar große, von einem Erdwall und Zäunen umschlossene Areal, das zwischen den Ortschaften Gorleben und Gedelitz im Wald liegt, noch zwei weitere Anlagen: das Faßlager, in dem schwach strahlender und mittelradioaktiver Atommüll deponiert wird, und die sogenannte Pilotkonditionierungsanlage. Betreiber des Komplexes ist die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS). Sie gehört den Energiekonzernen E.on, RWE, EnBW und Vattenfall.

Heute stehen im Zwischenlager 113 Castoren. Insgesamt gibt es dort Plätze für bis zu 420 Behälter. Ab 2014 sollen noch elf weitere Castoren aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) La Hague angeliefert werden. Sie enthalten mittelradioaktive Abfälle, die bei Reinigungen der Anlage angefallen sind. Ebenfalls ab 2014 sollen nach Angaben der GNS aus der britischen WAA Sellafield in zwei oder drei Transporten insgesamt 20 bis 21 Castoren mit hochradioaktivem Abfall angeliefert werden.

Im vergangenen Jahr geriet das Zwischenlager mehrmals in die Schlagzeilen. Einer Studie zufolge hat sich rund um die Anlage das Geburtenverhältnis verändert. Seit Beginn der Einlagerung hochradioaktiven Atommülls im Jahr 1995 werden deutlich weniger Mädchen geboren. Ende August wurde außerdem eine Prognose des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) – die für Gorleben zuständige Strahlenmeßstelle – bekannt, der zufolge der sogenannte Eingreifrichtwert von 0,270 Millisievert/Jahr 2011 erreicht oder sogar überschritten werden könnte. Das niedersächsische Umweltministerium veranlaßte daraufhin Kontrollmessungen, die wiederum ergaben, daß der Grenzwert nicht erreicht würde. Das Ministerium gab deshalb grünes Licht für den 13. Castortransport Ende November 2011. Vor wenigen Wochen teilte das Bundesumweltministerium mit, daß alle deutschen Zwischenlager, also auch Gorleben, nachgerüstet werden sollen. Die angekündigten baulichen Maßnahmen dienten dem Schutz gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter
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