Aus: Ausgabe vom 29.03.2016, Seite 12 / Thema

Es blies sie einfach um!

Vorabdruck: Wie Alfred Hilsberg Punk nach Deutschland brachte

Von Christof Meueler
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Eine Kulturrevolution namens Punk: Die allererste Platte, die Alfred Hilsberg veröffentlichte. Ein Livemitschnitt des Festivals »Into the Future«, das er im Februar 1979 in der Hamburger Markthalle veranstaltet hatte.

Manche nennen ihn »Punk-Papst« oder den Erfinder der »Neuen Deutschen Welle«, für andere steckt er hinter der »Hamburger Schule«. Im Telefonbuch der Hansestadt steht Alfred Hilsberg, Jahrgang 1947, schlicht als »Medienarbeiter«. Tatsächlich ist er eine der wichtigsten Figuren der bundesdeutschen Popgeschichte, die er mit seiner Plattenfirma ZickZack stark geprägt hat. Seine bekanntesten Entdeckungen sind Einstürzende Neubauten und Blumfeld.

Heute erscheint »Das ZickZack-Prinzip«, die Biographie über ihn, die Christof Meueler, Ressortleiter im Feuilleton dieser Zeitung, geschrieben hat. Hierfür wurden mehr als 60 Musiker, Freunde und Kollegen von Hilsberg interviewt. Wir bringen einen Auszug. (jW)

Im Herbst 1976 waren Moishe Moser und Hilsberg nach London gefahren, weil sie wissen wollten, was Punk nun eigentlich sein sollte. Als Punk begann, hatte sich Hilsberg regelmäßig den NME und den Melody Maker gekauft. Die Fotos, die Texte, die Outfits, die er da sah, und dann auch noch dieses Wort – da fing das Kribbeln an. Moser und er waren elektrisiert, also fuhren sie mit dem Auto hin; Fliegen war damals zu teuer.

Die erste Band, die sie in London sahen, waren The Damned – und es blies sie einfach um! Das war das Ur-Punk-Erlebnis. In einem finsteren Keller, der vielleicht für zweihundert Leute ausgelegt war, aber es waren bestimmt fünfhundert drin. Und trotzdem hüpften die Leute wie Gummibälle durch die Gegend. Zehn Bands traten auf. Moser und Hilsberg waren völlig fertig und schwerstens beeindruckt. Ästhetischer Widerstand gegen die bürgerliche Gesellschaft. Es passierte ständig etwas Neues. Die Bands, die Labels, die selbstgemachten Magazine – die Fanzines – schossen wie Pilze aus dem Boden; es waren lauter kleine Explosionen.

Christoph Dreher: »1976 machte ich mit ein paar Freunden einen Männerurlaub in Irland. Wir hatten Anlass, unser Verhältnis zu Frauen zu überdenken, denn zu der Zeit erreichte der Feminismus die Wohngemeinschaften, in denen bis dato ungebremstes Machotum regiert hatte.

Auf dem Rückweg von Irland fuhren wir über London, als plötzlich eine vertraute Stimme im Radio zu hören war: John Peel, den ich schon in den Sechzigern von den Piratensendern auf Schiffen im Ärmelkanal gehört hatte, nun auf Radio One. Er spielte immer eine Reggae-Nummer und eine Punk-Nummer im Wechsel. Sensationell! Wir fielen fast aus dem Auto vor Begeisterung.

Sofort fuhren wir nach London rein, um rauszukriegen, wo man diese Musik hören konnte. Am selben Abend sahen wir noch ein Konzert im Vortex-Club. Da spielten Generation X mit Billy Idol und Penetration mit der tollen Pauline Murray als Sängerin. In dem Laden waren wir die einzigen, die noch längere Haare hatten, sonst waren da nur Punks. Ich konnte es kaum fassen.«

Heiße Ware

Später wurde behauptet, die britische Punk-Szene wäre direkt den Kunsthochschulen entsprungen. Doch die Leute, denen Hilsberg und Moser begegneten, waren bis auf einige Ausnahmen keine Intellektuellen, sondern machten, wozu sie Lust hatten. Das konnte man auch in Fanzines wie dem Sniffin’ Glue merken und lesen. Deren Schreiber versuchten, in der ihnen eigenen, oft einfachen Sprache zu beschreiben, was ihnen gefiel oder nicht gefiel – in Form von Alltagsgeschichten oder kleinen Gedichten.

Das war endlich die Basiskultur, die Hilsberg immer gesucht hatte. Mit den Fanzine-Machern war es wie mit den Bands: Da machten Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben ihr eigenes Ding. Moser und er fragten sich: Warum gibt es das nicht in Deutschland?

Als erstes luden sie sich den Kofferraum voll mit Platten und fuhren nach Hamburg zurück. Kaum angekommen, riefen sie ein paar Leute an: »Kommt mal her, wir haben super Platten aus London!« Die kamen alle und kauften den Kofferraum leer. Moser und Hilsberg waren beeindruckt. Und so fuhren sie schnell wieder los, um Nachschub zu besorgen. Das machten sie vier-, fünfmal und fanden in Hamburg eine Handvoll Läden, wo sie die Platten anbieten konnten. Das waren zunächst nicht mal Plattenläden, denn die hatten daran kein Interesse. Statt dessen lieferten sie die Platten zum Beispiel an Modeläden, einen Friseursalon und einen Schlüsselladen, dessen Inhaber sie kannten.

Moishe Moser: »Wir hatten heiße Ware. Das war fast wie in der Prohibitionszeit in Amerika. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, denn heute ist ja alles jederzeit verfügbar. Damals musste man das wenige, das es gab, auch noch ganz mühsam ranholen. Wenn wir nach London fuhren, war das wie eine Forschungsexpedition. Man hatte meistens noch nicht mal die Gelegenheit, die Platten in England zu hören. Wir kauften die blind. Manche wurden einem auch empfohlen. Es gab nicht so viel, es war überschaubar.«

Jäki Eldorado: »In Westberlin waren wir am Anfang nur eine Handvoll, die sich für Punkrock interessierten. Leute aus den unterschiedlichsten Ecken, die generell für Neues zu haben waren; Leute aus der Schwulenszene, Künstlertypen und Leute, die aus den USA oder aus London Platten mitgebracht hatten. Das hatte noch überhaupt nichts mit dem »Lederjacken-/haste-mal-’ne-Mark«-Ding des späteren Punk-Klischees zu tun, sondern war aufregend und undefiniert.

Blixa Bargeld: »Die Szene war sehr überschaubar: Gudrun Gut, Jäki Eldorado, Mark Eins und der Rest von Gudruns Mädchenband DIN A4. Wir fingen damals alle an, uns andere Namen zu geben. Und dann waren wir quasi auf dem Papier eine Band, die zwar nie einen einzigen Ton Musik gemacht hatte, aber eine Fotosession: Jäki Eldorado, Blixa Bargeld und – den Namen habe ich ihr ebenfalls verpasst – Inga Dilemma, die sich später rückbenannt hat in Inga Humpe.

In Westberlin war die Szene mit Kunst-, Musik- und Schwulenszene so komplett durchmischt, dass alle immer zwei oder drei Funktionen gleichzeitig hatten. Du warst Maler, Musikerin und hast nachts in einer Disco gearbeitet. Du warst ein Punk und hast dich durchgeschlaucht und warst dann aber auch noch schwul. Du warst immer Bestandteil mehrerer Szenen, die alle komplett miteinander verzahnt und verknüpft waren.«

Die Rotznasen kommen

Im Februar 1977 holten Hilsberg und Moser die Vibrators für drei Konzerte nach Deutschland – auf die Plakate schrieben sie als Motto »Die Rotznasen kommen – Punkrock aus England«. Die Plakate ließen sie auf braunem Packpapier drucken. Die Vorlage gestalteten sie selbst: Die Schriften wurden von den damals verbreiteten Letraset-Bögen abgerubbelt, damit es so aussah wie in einer Druckerei gesetzt. Auch die Plakate klebten sie selbst.

Die Vibrators hatten 1976 auf einer Single des legendären Rock-Gitarristen Chris Spedding gespielt. Er hatte es abgelehnt, bei den Rolling Stones der Nachfolger von Mick Taylor zu werden. Die Single hieß »Pogo Dancing«. Das hatte aber wenig mit dem zu tun, was man heute dazu assoziiert. Es war bestenfalls in Punk übergehender Pubrock, etwas scherzhaft eingespielt.

Hilsberg und Moser hatten die Vibrators in London kennengelernt und sich gut mit ihnen verstanden. Zuerst brachten sie die Band nach Westberlin ins Kant-Kino. Dort kamen aber keine Punks, sondern Hells Angels und wollten Ärger machen. Schlagzeuger Eddie Edwards brüllte sie an: »Don’t forget we fucked you in the last war!« Und schon dackelten die Angels wieder ab. Die Berliner Morgenpost druckte danach einen Artikel, was das für ein Skandalkonzert gewesen sei. Die Vibrators waren sehr glücklich, sie fühlten sich wie die Beatles 1962 – sagten sie zumindest.

Das zweite Konzert fand in Hamburg statt, im Winterhuder Fährhaus. Es war gut besucht – von Leuten, die Hilsberg schrecklich fand: Sie spuckten und pöbelten und schrien und soffen wie die Schweine. Anschließend flippte Gitarrist John Ellis aus, als er sah, wie Hilsberg und Moser wohnten: Dass sie Zimmer mit warmem Wasser und Zentralheizung hatten, das fand er unvorstellbar.

Das dritte Konzert fand in Hannover statt, im unabhängigen Jugendzentrum Glocksee. In allen drei Städten waren das die ersten Punk-Konzerte überhaupt.

Für niemals Punk

Im September 1977 veranstalteten Hilsberg und Moser ein Konzert von The Clash, wieder im Winterhuder Fährhaus. Hilsberg lag an dem Abend allerdings krank im Bett und konnte sich deshalb später nur erzählen lassen, dass es proppenvoll gewesen sei; fünfhundert zahlende Besucher, obwohl dort eigentlich viel weniger reinpassten.

Jäki Eldorado: »The Clash in Hamburg. Besonders bemerkenswert war: Die Punks, die alle noch brav Eintritt bezahlt hatten, schafften es tatsächlich, dass die Band aufhören musste zu spielen. Nach drei Stücken hatten sie Joe Strummer das Mikrofon weggenommen und eine propere Sell-out-Debatte angefangen – auf Deutsch.«

Im Zuge dieser ersten Konzerte wurde Hilsberg und Moser schlagartig klar, dass es auch in Deutschland nicht nur Punks, sondern auch Punkbands gab – sowohl bei der Industrie als auch im Underground. 1977 veröffentlichte CBS die Strassenjungs aus Frankfurt und die Teldec die Big Balls and the Great White Idiot aus Hamburg. Beide Bands rochen streng nach Retorte. Die Musiker kamen vom Rock, wurden auf Punk getrimmt und agierten mit einer frivolen Behämmertheit, die nicht dazu beitrug, dass sie irgend jemand sonderlich ernst nahm.

Viel mehr Aufmerksamkeit bekam 1978 die Nina Hagen Band, deren gleichnamiges Debütalbum von den stimmlichen Kapriolen ihrer Sängerin lebte. Hagens Outfit und Auftreten gab Punk im deutschen Fernsehen ein Gesicht. Ihre Backing Band war die vormals betuliche Westberliner Gewerkschaftscombo Lok Kreuzberg, die für Nina Hagen nun auf dicken Max machte.

Klischees hatte aber auch der Hamburger Underground zu bieten: Die Bands hießen Coroners, Cocksuckers, Razors und Buttocks. Das waren Sauf- und Pöbelpunks, die Hilsberg musikalisch sehr schnell auf den Zeiger gingen – wie der ganze »authentische Punkrock«. Dessen Anhängerschaft waren fast ausschließlich Leute, die Hilsberg mit ihrem Gebaren und den Lederjacken an Hardrockfans erinnerten – nur dass sie noch etwas aggressiver waren. Für Hilsberg selbst war Punk dagegen ein Aussichtspunkt, um zu schauen, wo es spannend sein könnte – jenseits der überlieferten Formen der Kulturindustrie.

Zwar gab es 1976/77 hierzulande einzelne Bands, die auf Englisch texteten – doch das interessierte die wenigsten. Man kann sich besser in einer Sprache ausdrücken, die einem vertraut ist und die andere auch problemlos verstehen. Das genau war der Ansatz, der Hilsberg imponierte. Die Leute sollten über die Texte reden. Gerade weil sie verständlich waren, konnten sie miss­verständlich werden, seltsam und phantastisch.

Chris Bohn: »In England waren viele Musiker arbeitslos, und Punk wurde für sie fast zu einer Art Uniform. Die Regeln dabei wurden von der Musikpresse aufgestellt: Die Journalisten sortierten nach Genres, bestimmten, was wie sein sollte, und kein Stück durfte länger als zweieinhalb Minuten dauern. In Deutschland ging es weniger restriktiv zu. Die frühen DAF mit ihrer Kombination aus Gitarre und Elektronik und den sehr speziellen Texten von Gabi Delgado waren für mich das Fenster in die deutsche Szene. Gefolgt von Der Plan. Diese Bands schufen sich ihre eigenen Werte, zwar beeinflusst von Punk, aber es war kein Punk, und es war auch kein New Wave, es war einfach nur seltsam und faszinierend.«

Harry Rag: »Bei S.Y.P.H. hatten wir ein paar Punk-Songs, die so griffiger Popsong-Rock waren. Wir waren aber nicht in der Lage, die zu spielen.

Peter Hein: »Am Anfang hatten wir bei Charley’s Girls nur Coverversionen und keine eigenen Lieder und Texte. Ich sang bei Proben die Aufschriften von Bier- oder Colaflaschen oder von Werbezetteln runter. Mein wirklich erster Auftritt war auf einem Schiff. Das war mit einer mir nicht mehr ganz erinnerlichen Besetzung von Charley’s Girls. Ich vermute, wir hatten gar keinen Schlagzeuger, sondern nur Bass und Gitarre. Einmal bis Godesberg und zurück oder so. Weil das ein Schiff war, konnte niemand weglaufen, aber sie verkloppten uns auch nicht.

Schneid dir die Haare

Was Punk sein sollte, musste man nicht nur selbst bestimmen, sondern auch durchsetzen. Die Vorurteile und Vorbehalte der linken Szene waren teilweise auch eine Generationenfrage, denn viele sogenannte nichtkommerzielle Veranstaltungsorte waren in der Hand von älteren Studenten. Die hatten noch lange Haare und die anderen eben keine mehr, weil sie ihre gerade abgeschnitten hatten. Viele hatten vor Punk Glamrock gehört: Bowie, Bolan, Roxy Music. Das hieß auch: lange Haare und Anzüge tragen. »Schneid dir die Haare, bevor du verpennst«, sollte Peter Hein kurze Zeit später ironisch singen.

Hilsberg trug weiterhin Anzüge und schnitt sich seine langen Haare nicht ab. Es ging auch um die Frage von subkultureller Definitionsmacht und Hegemonie. Als beispielsweise Sparifankal, eine bayrisch singende Folkband mit Psychedelic-Einschlag, einmal zusammen mit FSK in München spielen sollten, waren sie entsetzt, weil sie von ihnen als vorgestrige Hippies abgelehnt wurden. Auch wenn FSK damals wie eine einfache Ausgabe von Velvet Underground klangen, musikalisch also gar nicht so weit entfernt waren: Die Mitglieder von FSK ekelten sich vor der eingehäkelten Gitarre von Sparifankal.

In Frankfurt dagegen kontrollierten die Spontis die alternative Infrastruktur noch lange Zeit komplett. An der Tür der Batschkapp kam es zu Schlägereien, weil die Hippie-Türsteher keine Punks reinlassen wollten – beziehungsweise solche Besucher, die sie dafür hielten. Die Frankfurter Spontis waren ästhetisch ausgesprochen konservativ. Viele von ihnen folgten später ihren Anführern Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit in den Realo-Flügel der Grünen.

Klaus Walter: »Die Kerngruppe der Frankfurter Sponti-Szene waren die Jahrgänge 1943 bis 1953. Die waren also Ende der Siebziger schon über dreißig und hatten diese prägende Erfahrung von 1977 – die Todesnacht von Stammheim – hinter sich. Die waren eigentlich eher dabei, sich zu sortieren und neu zu organisieren, auch biographisch-persönlich. Und auf diese berufsjugendlichen Rebellen auf Lebenszeit trafen plötzlich Sechzehnjährige, die kurze Haare hatten und auf harte Musik standen – eine ganz andere Härte allerdings als diese Joschka-Fischer-Musik von den Rolling Stones oder Ton Steine Scherben. Der größte Affront gegen all jene Leute – für die Joschka Fischer symbolisch steht – waren diese eckigen Körper und diese nicht mehr weichen Silhouetten. So etwas war eine unglaubliche Provokation für Hippies.

Das Bild macht die Musik (kaputt)

Im Januar/Februar 1979 machten Hilsberg und Moser in der Markthalle die Ausstellung »Das Bild macht die Musik (25 Jahre Rock ’n’ Roll)«. Es sollte um das visuelle Rock-Erlebnis gehen. Wie bilden sich Images? Wie schafft man Identifikation? Mit der Ausstellung entwarfen Hilsberg und Moser eine ikonographische Genealogie, die von Mitte der Fünfziger bis in die damalige Gegenwart reichte: von Elvis über Mick Jagger bis zu John Lydon, mit denen die Titelseite der Ausstellungszeitung illustriert war. Intendiert war die Auseinandersetzung mit Punk – aber um diese zu ermöglichen, glaubten die beiden, historisch weit ausholen zu müssen.

Hilsberg hatte schon am Tag der Eröffnung das Gefühl, mit der Konzeption etwas falsch gemacht zu haben, weshalb er vorsichtshalber nicht erschien. Moser und er waren in die Falle der Musealisierung getappt, meinte er, dabei hatten sie doch zeigen wollen, dass es eine neue Revolte gab, eine Kulturrevolution namens Punk. Die Dinge sollten im Fluss sein und nicht in Vitrinen abgeschlossen werden – in denen man in Hamburg eine schön beleuchtete Gitarre von Pete Townshend sah oder die Schuhe von Marc Bolan.

Nachdrücklich innovativer war das begleitende Konzertprogramm in der Markthalle angelegt, auch wenn hier wieder die alten Gruppen die neuen legitimieren sollten. Aus der Starclub-Zeit der Sechziger wurde Achim Reichel geholt, Siebziger-Deutschrock war mit Checkpoint Charlie und Franz K. vertreten und der aufgeklärte englische Bluesrock mit Kevin Coyne und Zoot Money. Demgegenüber standen für Punk und New Wave unter anderem die Adverts, Sham 69, Wayne County, Herman Brood und Siouxsie and the Banshees.

Into the Future

Die letzte Konzertveranstaltung der Ausstellung war das Festival »Into the Future« im Februar 1979. Es gab viel Streit und mehrere Schlägereien. Einige Bands kamen beim Publikum überhaupt nicht gut an. Es bestand zur Hälfte aus Pogo-Punks und zur anderen Hälfte aus Künstlertypen – eine Mischung, die auch den weiteren Hilsberg-Konzerten in der Markthalle eine eigene Dramatik verleihen sollte.

Es spielten Hans-a-plast, Male, DAF, Mittagspause, S.Y.P.H. sowie Weltaufstandsplan, die sich später in Der Plan umbenennen sollten und eine »computergesteuerte Revue mit lebendigen Menschen« darboten. Es gab aber auch den musizierenden Dichter Kiev Stingl, der sein Image als sensibler Brutalo durch Anleihen in der New-Wave-Ästhetik zu festigen suchte, sowie Norbert Hinterberger, der als Hinterbergers Wut wild auf seinem Klavier herumhämmerte.

Ein Mitschnitt des Festivals erschien als Sampler auf Konnekschen, genauso wie vom Nachfolgefestival »In die Zukunft« im Juni 1979. Konnekschen war das Label des Plattenladens Unterm Durchschnitt, in der Straße Durchschnitt, einer kleinen Gasse im Hamburger Univiertel. Er war nicht nur für Studenten gedacht, sondern als ein Treffpunkt für Musik- und Plattenfreaks. Hilsberg wusste nicht, wie das geht: Platten machen – aber der Betreiber des Ladens wusste es. Der Plattenladen war nur Fassade für seinen Handel mit Bootlegs, die man unterm Ladentisch bekam. Und das war wiederum nur Fassade für den Drogenhandel.

Der »Into the Future«-Sampler war die erste Platte, die Konnekschen selbst rausbrachte. Und es war Hilsbergs erste Platte. Auf der Rückseite hielt er eine mit »A.« gezeichnete Ansprache an das Publikum: »Ein Punkabend wie jeder andere zwischen London und Mauer? Eine Möglichkeit: Information. Was wird heute in der BRD gemacht (…) Eine andere Möglichkeit: zusammen sprechen, sich besuchen, Auftritte vereinbaren, Mut bekommen zum Weitermachen (…) Noch eine Möglichkeit: diese Platte. Sollten wir, sollten wir nicht? Die Qualität, na ja. Macht nichts. Ein Dokument, nicht so sehr fürs Punkalbum. (…) SELBSTMACHEN.«

Von dem »Into the Future«-Sampler waren die ersten tausend Stück nach einer Woche vergriffen. Hilsberg bekam dafür hundert Mark. Er fragte sich: Warum mache ich das eigentlich nicht selber?

Wer kommt zu Wort?

– Blixa Bargeld, Jahrgang 1959, Sänger, Gitarrist und Dichter aus Berlin. Gründete 1980 die Einstürzenden Neubauten. Spielte fast zwanzig Jahre bei Nick Cave & The Bad Seeds.

– Chris Bohn, Jahrgang 1954, Journalist aus London. Schrieb unter dem Pseudonym Biba Kopf in den Achtzigern für den New Musical Express über die deutschen Bands. Heute Mitherausgeber des Magazins The Wire.

– Christoph Dreher, Jahrgang 1952, Filmer und Musiker aus Berlin. Spielte Bass bei Die Haut und ist Professor an der Merz Akademie für audiovisuelle Medien in Stuttgart.

– Jäki Eldorado, Jahrgang 1958, Tourmanager von Robbie Williams und anderen. Lebt in London. Arbeitete früher als Tourmanager für ZickZack-Bands.

– Peter Hein, Jahrgang 1959, Sänger und Texter der Fehlfarben und von Family Five – außerdem Ende der siebziger Jahre von Charley’s Girls und Mittagspause. Lebt in Wien.

– Moishe Moser, Jahrgang 1950, Künstler, Filmemacher und Fotograf aus Hamburg.

– Harry Rag, Jahrgang 1959, Filmer und Musiker. Gründete 1977 S.Y.P.H. Wohnt in Slowenien.

– Klaus Walter, Jahrgang 1955, Journalist und Radio-DJ aus Frankfurt am Main. Hatte von 1984 bis 2008 die Sendung »Der Ball ist rund« beim Hessischen Rundfunk. Seither bei ByteFM.

Christof Meueler: Das ZickZack-Prinzip. ­Alfred Hilsberg – Ein Leben für den Underground. Heyne, München 2016, 384 Seiten, gebunden, 22,99 Euro (auch im jW-Shop erhältlich)

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