Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 6 / Ausland

Belgien unter Schock

Nach Anschlägen in Brüssel meldet die Polizei Ermittlungserfolge. Friedensdemonstration am Freitag in Amsterdam

Von Gerrit Hoekman
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Gedenken an die Opfer der Anschläge am Mittwoch in Brüssel

Nach den Anschlägen in Brüssel am Dienstag ist es an zahlreichen Orten Belgiens zu Hausdurchsuchungen gekommen. Dabei fand die Polizei in einer Wohnung in der Brüsseler Gemeinde Schaarbeek nach eigenen Angaben Nagelbomben, Chemikalien und die schwarze Fahne der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS). Ein Taxifahrer hatte die Ermittler auf die Spur gebracht. Er erkannte auf den in den Medien veröffentlichten Fotos aus der Videoüberwachung die drei Männer, die er am frühen Morgen zum Flughafen Zaventem gebracht hatte. Die Fahrgäste, so erinnerte sich der Chauffeur, hätten fünf Gepäckstücke mitnehmen wollen, aber es passten nur drei in den Kofferraum. Dem Taxifahrer fiel außerdem auf, dass er das Gepäck nicht berühren durfte.

Die Identität der beiden Selbstmord­attentäter ist mittlerweile geklärt. Es handelte sich um die Belgier Ibrahim und Khalid El Bakraoui. Der erste sprengte sich auf dem Flughafen in die Luft, Khalid in der Metrostation Maalbeek. Auf einem Laptop fand die Polizei ein Testament, das auch eine persönliche Erklärung zum Anschlag beinhaltet. Das gab die Staatsanwaltschaft am Mittwoch bei einer Pressekonferenz bekannt. Die Brüder hatten als gewöhnliche Kriminelle mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Der eine beging 2010 einen Raubüberfall und lieferte sich damals bei der Festnahme einen heftigen Schusswechsel mit der Polizei, der andere klaute Autos und schoss ebenfalls auf Polizisten. Als radikale Salafisten waren sie bisher offenbar nicht aufgefallen. Erst am Dienstag vergangener Woche gerieten die Brüder in das Visier der Ermittler. Während einer Razzia in Vorst bei Brüssel kam es bei der Durchsuchung einer Wohnung zu einem Feuergefecht. Dabei wurde ein mutmaßlicher Terrorist erschossen, zwei andere konnten fliehen. Mieter des Unterschlupfs soll Ibrahim El Bakraouis gewesen sein. In der Presse war daraufhin bereits über eine Verbindung zwischen den Dschihadisten und der Brüsseler Unterwelt spekuliert worden.

Belgiens Politik zeigt sich nach dem verheerenden Anschlag mit mindestens 31 Toten und 230 Verletzten geschockt. »Es ist unwirklich. Morgens ein Abschiedskuss für die Kinder und dann zur Arbeit. Aber Mama und Papa kommen abends nicht wieder zurück«, schrieb der Vorsitzende der marxistischen Partei der Arbeit Belgiens (PVDA), Peter Mertens, am Dienstag abend in einer sehr persönlichen gehaltenen Erklärung. »Die Terroristen des IS wollen ihr Weltbild vorschreiben: gegenseitiger Hass, zunehmende Zwietracht, alle gegen alle, Militarisierung und neue Kriege. Aber sie kriegen uns nicht kaputt.«

Kleinlaut geben sich inzwischen die Verfechter von mehr Recht und Ordnung. Noch am Freitag hatte sich Innenminister Jan Jambon von der rechtsnationalistischen Neuflämische Allianz nach der Festnahme des lange gesuchten Salah Abdeslam sehr zufrieden gezeigt. Nun folgte die Ernüchterung, denn auch monatelange Terrorwarnungen und eine immer weitere Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen konnten das Verbrechen nicht verhindern. »Kritik zu üben, ist einfach«, sagte Jambon gegenüber den Medien. Ihn wird es besonders ärgern, dass nun ausgerechnet die Nationalisten von Vlaams Belang seinen Rücktritt fordern.

Unterdessen distanzieren sich immer mehr Muslime von den Anschlägen in Brüssel. Als eine der ersten meldete sich die angesehene Al-Azhar-Universität in Kairo zu Wort. Das geistige Zentrum des sunnitischen Islam verurteilte das Blutbad bereits am Dienstag morgen als »unislamisch«. Der Rat der marokkanischen Moscheen in den Niederlanden ruft für den kommenden Freitag zu einer Friedensdemo in Amsterdam auf. »Juden, Muslime, Christen und Atheisten: Jeder Mensch, der guten Willens ist, wird durch die schrecklichen Bilder getroffen, die uns Dienstag aus Brüssel erreicht haben«, heißt es in einer Erklärung, der sich zahlreiche muslimische Verbände in den Niederlanden angeschlossen haben. »Wir stehen Schulter an Schulter und machen gemeinsam eine Faust der Verbrüderung und Einheit.«

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