Aus: Ausgabe vom 14.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Höhere Wesen 2045

CeBIT und die Herrschaftsfrage: IT-Giganten setzen auf künstliche Intelligenz. Wie man sich davor schützt, wird ausgeklammert. Das hat Methode

Von Joachim Jakobs
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Wir dieser humanoide Roboter künftig den gemeinen Heavy-Metal-Fan ersetzen? (Computermesse Cebit 2014)

Die Deutsche Messe AG schaut in die Zukunft: »Irgendwann in den nächsten Jahren wird die künstliche Intelligenz von Maschinen die menschliche Intelligenz übertreffen«, glauben die Veranstalter der weltgrößten IT-Messe CeBIT. Mal sehen.

Welche Leistungsfähigkeit ist von künstlicher Intelligenz (KI) zu erwarten? Legendär ist »Watson« – das ist die Kiste von IBM, die 2011 zwei menschliche »Champions« der Quizsendung »Jeopardy!« laut einem Bericht von sueddeutsche.de »deklassiert« hat. Bereits damals war das System in der US-Version von »Wer wird Millionär« in der Lage, die Fragen schneller zu beantworten als seine menschlichen Wettbewerber. Fragt sich nur: Was soll das?

Bislang wird diese Leistungsfähigkeit nicht so genutzt, wie sich die Industrie das vorstellt. IBM behauptet auf seiner Internetseite: »Laut einem Experten sind heute nur 20 Prozent des Wissens, das Ärzte für Diagnosen und Entscheidungen über die Behandlung von Pa­tienten verwenden, evidenzbasiert. Das Resultat: Eine von fünf Diagnosen ist falsch oder unvollständig, und allein in den USA gibt es fast 1,5 Millionen Medikationsfehler pro Jahr.«

Diesem diagnostizierten Problem soll Watson jetzt zu Leibe rücken: Zuerst könne der Arzt dem System eine Frage stellen und dabei die Symptome sowie weitere zugehörige Faktoren beschreiben. Das System würde daraus die wichtigsten Informationen ermitteln. Medizinische Fachbegriffe seien ihm bekannt. Nach einer solchen Analyse soll der »Computerdoktor« die Patientendaten nach relevanten Fakten aus der Familiengeschichte, zur aktuelle Medikation und zu weiteren Bedingungen durchsuchen. Die Informationen sollen mit aktuellen Befunden aus Untersuchungen und Diagnosegeräten kombiniert werden, »um Hypothesen zu formulieren und zu überprüfen«. Dabei soll Watson »Behandlungsrichtlinien, elektronische Krankenakten, Notizen von Ärzten und Pflegepersonal, Forschungsergebnisse, klinische Studien, Artikel in medizinischen Fachzeitschriften und Patientendaten in die für die Analyse verfügbaren Daten einbeziehen« können.

Um die künstliche Intelligenz von IBM »anzuzapfen«, sind keine spezifischen Investitionen notwendig – die Ärzte können vorhandene Mobilgeräte nutzen, denn die Anwendung laufe auf iPads und Tablets mit dem weltweit dominierenden »Android«-Betriebssystem von Google, sie passe sich dem »schnell getakteten Arbeitsablauf eines Krankenhauses an«.

Gratis ist nicht kostenlos: Der Preis könnten jene Informationen sein, die der Arzt durch die Nutzung von Watson preisgibt. Die Patientendaten werden dem iPad oder dem Android-Gerät anvertraut. Der Arzt gibt die Kontrolle über diese Daten auf. Er muss damit rechnen, dass die erzählte Krankengeschichte dem Patienten eines Tages wieder auf die Füße fällt. Und er muss auch wissen, dass sein Sprachprofil analysiert werden kann: Worte lassen sich in Lautbestandteile zerlegen und inhaltlich erkennen, in einen Kontext stellen – im Zeitverlauf entstehen ein Wissens- und Intelligenzprofil des Arztes und seiner Gemütsverfassung. Dieses Profil schleppt der Arzt hinter sich her, sein Leben lang. Der IT-Riese Apple wollte sich bislang nicht dazu äußern, ob er bereits zur Herausgabe von Sprachprofilen an US-Strafverfolger gezwungen wurde. Im August 2014 hatte aber ein US-Bezirksgericht entschieden, dass Microsoft Daten an die US-Justiz übergeben müsse, die in Irland gespeichert sind. Hinzu kommen die geschäftlichen Beziehungen zwischen IBM und den US-Behörden. So hat man beispielsweise mit Hilfe von Watson im Auftrag der NSA sämtliche Fotos auf Facebook, Flickr und anderen Seiten analysiert.

Raymond Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google glaubt, dass 2045 der Zeitpunkt der »Singularität« gekommen sein wird. Dann könnte die künstliche die menschliche Intelligenz übertreffen. Neben den damit verbundenen technischen, politischen und sozialen Konsequenzen gibt es einen Sicherheitsaspekt: Kevin Warwick, Professor an der University of Reading (GB) fürchtet, die KI könne auf die Datenkriminalität wie ein »Weckruf« wirken. Es sei wichtig, zu verstehen, dass eine solche Intelligenz in der Lage ist, einem Menschen vorzugaukeln, dass ein Sachverhalt den Tatsachen entspreche. So ist es denkbar, dass das Opfer einen Anruf erhält, in dem die Stimme eines vertrauenswürdigen Anrufers imitiert wird. Unternehmen und Behörden weltweit sollen bereits Millionen Sprechproben gesammelt haben. Und Google hält ein Patent auf eine komplexe Software, die das Imitieren einer Stimme aus solchen Sprechproben lernen kann. Das sollte insbesondere Menschen mit Geld, Macht und Einfluss interessieren: etwa Aktienhändler – die wickeln ihre Handelsgeschäfte typischerweise per Telefon ab.

Nick Bostrom, Philosoph an der University of Oxford, empfiehlt zur Bewältigung der Herausforderungen die Entwicklung eines »Singleton«, einer »Weltordnung«, in der es nur eine unabhängige Entscheidungsinstanz gibt. Seine Ideen trägt Bostrom am 17. März bei der CeBIT in Hannover vor.

Der Autor hat das Buch »Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen – Wie uns die künstliche Intelligenz herausfordert« verfasst.

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